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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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619 Negligee ist, mit einem großmächtigen „Arbekansos"; Alexander „der Zweite" tritt ihm taumelnd entgegen und verlangt mit lallender Stimme Geld.' Anderseits lacht er ebenso wie Welwele, als seine Stiefmutter dem letzteren Vorwürfe darüber macht, weil er ihr Lrefene Kolbeses (Würste) ins Haus gebracht habe. Welwele flüstert ihr etwas ins Ohr, was nach dem Zusammenhänge nur die Frage bedeuten kann, wie sich diese religiöse Gewissenhaftigkeit mit ihrer, Gleichgiltigkeit gegen das siebente Gebot reime. Sie antwortet naiv mit einem neutestamentlichen Anklange: „Gottes Sach' is Gott's Sach' un' Laats's Sach' is Laat's Sach'". Es scheint, daß sich diese Bitterkeit des rationalistischen Zeitalters bei den russischjüdischen Schriftstellern noch heute so erhalten hat, wie sie in Westeuropa, vor säst einem Jahrhundert bei den Rationalisten David Friedländer, Peter Beer und Herz Homberg bestand. Auch Abraham Mapu führt in seinem #122» tü'i? die Ehebrecherin Zophnath vor, die der Synagoge eine Thorarolle spendet, und die mit Bezug auf eine Familie, deren „Kaschruß" angezweifelt wird, sagt: „Fleischliche Sünden muß der Allmächtige vergeben, aber für Sünden in der Küche einer Gastwirtschaft begangen, wodurch unschuldige Seelen ins Verderben gezogen werden, gibt es keine Verzeihung." Judah Lob Gordons Gedichte, besonders das echt Heinesche pSD’HT 'in welchem wegen eines fehlenden „Jod" in einer Scheidungsurkunde ein Lebensglück zerstört wird, sind erbarmungslose Anklagen der trockenen Gesetzestraditivn. Selbst der liebenswürdige, lange nicht genug gewürdigte Jargondichter Josef Löb Perez hat in seinen gesammelten Schriften manche Skizze, die eine ähnliche Tendenz zeigt. Ich erinnere an seinen „Der meschugene Batlen", wo der phantastische Irre nicht begreifen kann, wie derselbe Reb Wolf so andächtig beten, so eifrig Baba Kamma studieren, und doch im Laden seine Kunden betrügen und daheim sein Weib mißhandeln kann. Doch zurück zum „wilden Menschen". Die Liebkosungen der Stiefmutter haben in dem armen Lemach das Feuer der Leidenschaft entfacht. Ohne sich dessen recht bewußt zu sein, sucht er ihre Nähe, verbirgt in seinem Busen Bänder und andere Kleinigkeiten, die er andächtig beriecht oder küßt und er, der winselt wie ein kleines Kind, wenn Gassenbuben ihn mit Schneeballen bewerfen oder wenn die Köchin die Peitsche über ihm schwingt, springt mit einem Jndianergeheul auf, wenn ihm jemand seine „Zazke's" wegzunehmen versucht. Lange brütet er vor sich hin, bald in Tobsucht ausbrechend, bald in Melancholie hinsiechend, bald in einem epileptischen Ansalle sich windend, bis er endlich zu dem Entschlüsse gelangt, in einein wahnsinnigen Eifersuchtsanfalle seine Stiefmutter und sich selbst zu erstechen. Die Kunst Adlers in der Darstellung der verschiedenen Phasen in dem dämmerigen Geistesleben des Idioten ist eine solche, daß sie ihn mit dem größten Tragöden der Welt aus eine Stufe stellt. Ich hatte ihn eine Stunde vor Beginn der Vorstellung gesprochen, ich sah ihn auf den nicht endenwollenden frenetischen Applaus des Auditoriums vor 0 den Vorhang treten, um für die ihm gewordene Ovation zu danken; ich faß mit ihm nach Schluß der Vorstellung etwa eine Stunde im gemütlichen Geplauder zusammen; niemals hätte ich in dem weißhaarigen, würdigen Manne, der besonders in dem schwarzen Talar, in welchem er seine Ansprache an das Publikum hielt, den Eindruck eines Geistlichen machte, den Idioten erkannt, der mit stierem Blick, mit halboffenen Munde, mit einwärts gekrümmten Füßen, einen Strick um das nackte Bein geschlungen, mit Bilderchen spielend, auf dem Papiere kritzelnd auf dem Boden kauernd, seine an Hamlet erinnernden wahnsinnig-tiefsinnigen Gedanken hervorlallt. Er erschien als der Gegensatz zu der ergötzlichen Figur im „Raub der Sabinerinnen", ein Konsiftorialrat als Schauspieler verkleidet. An Manches muß man sich freilich gewöhnen. Wir haben ja mit Hilfe der Erfahrungen des neunzehnten Jahrhunderts Moses Mendelssohns Furcht, daß „der verdorbene Jargon den gemeinen Mann unmoralisch machen werde," sowie Grätz's Widerwillen gegen „das häßliche Gemauschel, welches den Juden so verächtlich machte" abgelegt; ich wenigstens habe durch Lektüre der modernen Jargon-Novellisten, wie Abrahamowitsch (Mendele Mocher Sforim),Räbinowitsch (Scholem Alechem), Dienesohn und Perez eine andere Meinung gewonnen. Morris Rosenfelds erschütternde Ballade von dem Lohnsklaven, der sein Kind nur schlafend sehen karm: „Ich hob ein kleinem Jüngale, Ein Suhnele gor fein" oder seine Satire ans den ehemaligen Kalwarier Flickschuster, der von sich erzählt: j „Mein Mirke is geworn a Kätie l Un iech heiß' schon Bere nit mehr; Mein Weib is geworn a Lady Nn iech bin geworn a Sir" gehören der Weltliteratur an. Chajim Chaikin in einer Erzählung von Rabinowitfch, der seinen Kindern vorredet, daß er sich sin Fasten zur Buße auferlegt habe, weil er von ihrem schwer erworbenen Lohne nicht leben will, oder Bere, der Wasserträger, in einer Erzählung von Dienesohn, der seine höchste Seligkeit im Vorbeten der Psalmen am Rösch haschanah! findet und so dankbar ist für die Güte Gottes, der, als er für! die reichen Leute die großen dicken Talmudfolianten schuf,! doch auch der armen Leute nicht ganz vergaß und sie mit einem kleinen „Tehillimel" bedachte, dabei aber doch seine Gaben so karg zumaß, daß er acht Tage Pessach und nenn Tage Sukkoth dekretierte, aber Rosch haschanah, „den teueren Jontew von Tehillimsagen nur zwei Tage" — sind naturgetreue Ideale des jüdischen Volkes, viel wahrer empfunden als der unnatürlich idealisierte Mairem in Auerbachs Dorfgeschichten. So haben wir uns nach und nach das Vorurteil abgewöhnt, daß das „Jüdische" nur dazu gut ist, Schadchenanekdoten zur Folie zu dienen; aber manche Eigenarten sind doch dem europäischen Geschmacke ungenießbar. Das ist vor allem das Einschieben von Couplets, die nur dazu dienen, das Operettenbedürfnis des Publikums auch in der Tragödie zu befriedigen. Dann wird unnötig viel getrunken, um komische Szenen hervorzubringen, die nicht in den Zusammenhang passen, und endli'ch beleidigt maßloses Fluchen unser ästhetisches Gefühl. Man läßt sich am Ende den Witz gefallen, daß jemand dem trunkenen Tunichtgut, der sich lallend Alexander den Zweiten nennt, zuruft: „A Riach (Dämon) in Alexander! dem Zweiten und dem Dritten aran!", ein Witz, den merk- > würdigerweife das Publikum nicht verstanden zu haben schien; schließlich ertrügt man auch die Realistik, wenn der Vater seinen Kindern zuruft: „Geh' in der Erd'". Ich habe selbst hier in Cincinnati eine Frau auf dem Markte ihrem Jungen eine religiöse Lehre geben hören, indem sie ihm sagte: „fer, was gehst Du nit in Cheder, in der Erd'?" Abscheulich wird die Sache aber, wenn der Idiot einmal über das andere Mal seinem Vater zuruft: „A Riach in daan gepegerten Tatten araan!" Interessant ist die Beobachtung, wie. die Bühne aus Dialekten eine Sprache schaffen hilft. Der Jargon, so Regional verschieden, daß wenn der Satoralja-Ujhelyer Bachur, „der Jnterländer" von der Preßburger Jeschibah nach Hause zurückkehrt, als Gigerl angesehen wirch weil er „nix" statt „nisch"

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