Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWW WMMMMZ .618 daß der verehrte Kollege D. Kaßriel Peßachsohn seine geistreichen Beiträge eingestellt hat. Er ist wohl zu der Ueberzeugung gekommen, die unser Kollege und Glaubensgenosse Herr Schmock schon vor einem halben Jahrhundert in Freytags „Journalisten" ausgesprochen hat: „Mein Redakteur ist ein ungerechter Mensch." Wenn ich nun trotz dieser bitteren Erfahrungen seit 25 Jahren Artikel in dieser Zeitung veröffentlicht habe, so geschieht das aus Liebe zu dem Blatte, das mir für meine Studien eine große Fülle historischen Materials geliefert hat und aus Ehrgeiz, neben Zunz, Jost, Luzzatto, Kirchheim, Steinthal, Kaufmann, Franzos und so vielen anderen illustren Namen genannt zu werden, wenn jemand zum hundertjährigen Jubiläum der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" deren Geschichte schreiben wird. „Nennt man die besten Namen rc." oder wie Morris Rosenfeld in seiner, meisterhaften Satire „Der Kälwarier Datsch" es ausdrückt: „Und redt man vun Gewirim, von Serores, Dermohnt man mich auch zwischen so." Der Ansporn zu meiner Mitteilsamkeit ist diesmal ein längerer Ferienaufenthalt in Newyork, wo ich, teils um besser meiner Redaktionstätigkeit an der Jewish Encyclopedia zu obliegen, aber noch mehr um die Lage des Judentums in dieser größten und kosmopolitischsten Jüdenniederlassung der Welt zu studieren, meine Sommerferien zubrachte. Andere benutzen ihre Ferien, um im Gebirge, an der Seeküste oder bei den Mineralquellen ihre fleischliche Herz- und Nierentätigkeit zu regenerieren; ich benutze sie wegen ihres Effektes auf die seit König Davids Zeiten bekannten jüdischen Organe dieses Namens. Nach hebräischer Gewohnheit schlage ich das Tagebuch von rückwärts auf und beginne mit dem letzten Tage meines Newyorker Aufenthalts, 3. September, an dem ich das jüdische Theater besuchte. Die jüdische Metropole, welche jetzt etwa 700 000 Einwohner, etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung der Stadt zählt, beherbergt vier jüdische Theater, welche gegenwärtig dreimal in der Woche und in der Hauptsaison täglich Vorstellungen geben. Die Theater sind sämtlich in dem südöstlichen Teile der Stadt, dem sogenannten Ghetto gelegen, welches fast ausschließlich von russischen, rumänischen, galizischen und ungarischen Einwanderern jüngeren Datums bewohnt ist. Im letzten Frühjahr hat die Truppe des „Peoples Theater" unter der Leitung von Boris Thomaschewsky Cincinnati besucht, und ich wurde eingeladen, ihren Vorstellungen beizuwohnen, um dein nichtpolnischen jüdischen Publikum, welches dem „Gemauschel" noch immer mit großen Vorurteilen gegenübersteht, einen Bericht über ihre Leistungen zu geben, was ich im „American Jsraelite" vom 16. Juni d. I. tat. Meine Kritik war jedenfalls zur Zufriedenheit der Gesellschaft ausgefallen, denn ihr Preßagent. den ich in Newyork traf, machte mich mit Jakob Adler, dein bedeutendsten Repräsentanten der jüdischen Bühne bekannt, der mich einlud, das von ihm erbaute und geleitete Grand Theater zu besuchen, in welchem er an diesem Abende in einer seiner Glanzrollen, als Lemech in Jacob Gordins — des bedeutendsten der jüdischen Theaterdichter — „der wilder Mensch" auftrat. Das Grand-Theater ist ein gefälliger moderner Bau in der Grand Street, der Hauptverkehrsader des Ghetto, gelegen, welche am Samstag abend von flutenden Menschenwogen durchbraust wird. Der Abend war einer der typischen, schwülen Abende des amerikanischen Spätsommers, aber trotzdem war das Theater gut besucht, die Galerien sogar gefüllt. Das Publikum war gut gekleidet, und wenn man an sein Verhalten nicht den Maßstab der Traditionen eines Hostheaters in einer kleinen deutschen Residenzstadt anlegt, verhielt es sich sehr ordentlich. Der Vorhang erhob sich spät, nachdem wiederholt Händeklatschen und Getrampel die Ungeduld des Publikums zu erkennen gegeben hatten und mit Mühe durch Einfallen des Orchesters gedämpft worden waren. Das Stück ist ein Bild russisch-jüdischen Lebens. Es wird einmal der Hauptvorzug dieser Produktionen sein, daß sie uns einen Einblick in die Kulturgeschichte des russischen Juden sowohl in seiner Heimat als in -Amerika eröffnen, wie sie uns andererseits ein Wegweiser sein können, wie man aus Hiob, dem Hohenliede oder Judith die Zeitgeschichte ihrer Abfassung erschließen kann. 4 Samuel Leiblich, ein reicher Getreidekausmann in Odessa, der aus erster Ehe vier erwachsene Kinder hat, heiratet in der zweiten Ehe eine jugendliche Frau, die behauptet vierundzwanzig j Jahre alt zu sein. Obzwar nun ihre Stieftochter erklärt, die vierundzwanzig Jahre wären nur „uff aan Saat" gezählt, ist sie jung genug, um den alternden Mann nur seines Geldes wegen geheiratet zu haben und darauf hinzuarbeiten, daß sie . durch Entfernung der Kinder von den: Vater, des letzteren Vermögen in ihre Hände bringen könne. Die Kinder sind Lemach, ein schwachsinniger Junge, den sein Vater durch Mißhandlungen zum Idioten gemacht hat, Alexander, ein Tunichtgut, Simon, .ein Gymnasiast und Lisa, die von der Wiederverehelichung ihres Vaters am härtesten betroffene erwachsene Tochter des Hauses. Selbe, die Stiefmutter, bringt sich ihren Galan mit, der in griechischer Kleidung erscheint, sich Wladimir Werebeyczyk nennt, aber gleich nach seiner Einführung erzählt, j daß er in seinen Freundeskreisen als „Welwele Gannew" bekannt sei. Offiziell ist er ein „Mechitten, a Gliedgeschwesterkind" der jungen Frau, eine Verwandtschaft, deren genealogischen Titel er dadurch begründet, daß „ihr Seide un man Bobbe liegen beide auf ein' Beß hakworeß". Das Bild wird ver- , vollständigt durch die alte Haushälterin Schifte, die gleich den Kindern die junge Frau als Eindringling' betrachtet, und bei aller Gutmütigkeit doch den Fehler hat, gleich dem Vater zu glauben, daß man den Idioten Lemach nur durch den Kantschu kurieren könne. Die Stiefmutter hat die Situation mit einem Blicke richtig ersaßt. Lemach, den Idioten gewinnt sie durch Leckerbissen und Liebkosungen, Alexander „der Zweite", wie er sich nennt, wird durch „Welwele Gannew "'zum Lebemanne erzogen, der häusliche Verhältnisse und das Eheleben seines Vaters mit derselben Gleichgültigkeit betrachtet, wie Nana in Zolas „L’Assomoir“ die Ausschweifungen ihrer Mutter; Lisa und Simon hat sie sofort aufgegeben. Sie müssen das Haus verlassen, und durch fortwährende Klagen bringt sie es bei ihren Gatten auch bald , dahin, daß beide aus dem Hause gejagt werden. Simon findet durch Arbeit seinen Unterhalt, während Lisa, in der traditionellen Anschauung erzogen, daß ein Mädchen nur dazu da ist, verheiratet zu werden, zu jedem ehrlichen Erwerbe unfähig, sich einem Leben der Schande ergibt. Allerdings hätte sie einen gewissen „Fawel" heiraten können, der ein sehr rechtschaffener Mensch ist, aber trotzdem ihr Bruder Simon mit etwas kühnem etymologischen Schluffe erklärt, Fawel sei identisch mit dem russischen Pawel, kann sie die Abneigung nicht überwinden. v Damit sind wir an die Tendenz des Stückes gelangt, die allen Dramen dieses Genies eigen zu sein scheint. Der Autor will zeigen, wie die Jugend degeneriert, weil sie das altjüdische Ideal überwunden hat. Die Töchter glauben nicht mehr ' daran, daß für eine „balbattische Tochter" die einzige Zukunft darin liegt, von einem Manne geheiratet zu werden, den ihnen der Vater nach Auseinandersetzung mit dem Sdhadchen zusührt. Ebenso wenig können die Söhne durch die religiösen Ideale ihrer Vorfahren in den Schranken der Ehrbarkeit gehalten werden. Der alte Leiblich erscheint, wenn er in a