Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Istanbul 2× ep/1044827
- Tunis 1× ep/1048155
- İzmir 1× ep/1047963
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.wurden Juden aus Mogador, Tunis und Lissabon im Jahre 1871 vom Könige naturalisiert. >■* Die Toleranz fand ihre heftigsten Gegner im spanischen Klerus. Die Proteste und Vorstellungen der Bischöfe erhielten von der römischen Kurie kräftige Unterstützung. In einem Schreiben an den Primas von Spanien vom 4. März 1876 forderte, der Papst Pius IX., daß nicht allein die Freiheit des Kultus, sondern auch „das beklagenswerte Uebel der Duldsamkeit" vom spanischen. Boden entfernt und die „katholische Einheit" erhalten werde. Dies trug wesentlich dazu bei, daß in den Cortes nach einem heftigen Kampfe die Konstitution abgeändert und am 2. Juli 1876 der Artikel 11 angenommen wurde. Dieser Artikel, welcher noch jetzt in Kraft ist, lautet: „Die katholisch-apostolisch-römische Religion ist die Religion des Staates. Niemand wird aus spanischem Boden wegen seiner religiösen Ansichten, noch wegen der Ausübung seines Kultus belästigt, sobald die christliche Moral respektiert wird. Andere öffentliche Zeremonien und Manifestationen als diejenigen der Staatsreligion sind nicht gestattet." Und auch dieser Artikel wurde von dem Bischof von Salamanca im Namen aller spanischen Prälaten als zu liberal mit der größten Energie bekämpft! * Als zur Zeit der Judenverfolgung in Rußland, ün Jahre 1881, Lbte spanischen Botschafter in St. Petersburg und Konstantinopel dem Marquis de la Bega de Armijo, dem damaligen spanischen Minister des Aeußern, mitteilten, daß sich viele Juden mit der Bitte an sie gewendet hätten, ihnen die Erlaubnis zur Einwanderung in Spanien zu erwirken, * erhielten sie am 15. Juni die telegraphische Antwort : „Se. Majestät der König beauftragt mich, Ihnen zu erwidern, daß sowohl Se. Majestät wie hochderen Regierung die aus Rußland vertriebenen Hebräer aufnehmen und daß ihnen die Pforten ihres alten Vaterlandes offen stehen würden." Das von den Juden mit Jubel aufgenommene, von der ultramontanen spanischen Presse bekämpfte Projekt verschwand bald wieder von der Oberfläche. Die armen russischen Juden erwarteten zu ihrer Uebersiedelung auch materielle Förderung von der armen spanischen Regierung! Mit Unterstützung des spanischen Konsuls in Marseille landeten etwa 50 Personen in Barcelona,. das sie jedoch sehr bald wieder verließen. Im Jahre 1886 wurde die spanische Frage wieder aufgenommen, diesmal durch Jsidoro Lopez Lapuha, Advokat und Redakteur der liberalen Zeitung „El Progreffo" in Madrid. Im Verein mit mehreren Advokaten, Literaten und einigen Cvrtesmitgliedern gründete er ein „Israelitisches Einwanderungs- - Zentrum", zu dessen Ehrenpräsidenten Haim Guedalla in London ernannt wurde, um die Einwanderung der spanischen Familien nach Spanien zu begünstigen und zu fördern. Bevor noch das Zentrum seine Tätigkeit begann, richtete Baselga, ein Mitglied desselben, in der Sitzung der Cortes vom 11. Februar 1887 an den Ministerpräsidenten Sagasta eine auf die einwandernden Juden bezügliche Frage. Sagasta berief sich in seiner Antwort wieder auf die Artikel 1 und 2 der Konstitution, und Baselga gab sich damit zufrieden, obgleich das Verbannungsedikt sich mit den angeführten Artikeln in Widerspruch befindet. Die Einwanderung der Juden unterblieb. Spanien bot und bietet noch jetzt zu wenig Anziehungskraft, Die finanzielle und kommerzielle Lage des Landes ist gerade nicht verlockend. Bei aller Hochachtung vor vielen spanischen Gekehrten und hochgestellten Persönlichkeiten, welche . den Juden ihre Sympathien bezeugen, ist doch nicht in Abrede zu stellen, daß die große Masse der Bevölkerung noch voller Vorurteile gegen die Juden ist, obgleich die wenigsten Spanier je einen Juden gesehen haben. Zwei Juden aus Konstantinopel . hatten während der großen Exposition in Madrid im Jahre 1892 einen Bazar mit türkischen Bijouterien, Waffen, Teppichen und dergleichen mehr. Sie gaben sich nicht als Juden zu erkennen. Erst als sie mir ihren Namen nannten und ich ihnen rundweg sagte, daß sie Juden seien, machten sie mir gegenüber aus ihrem Bekenntnis weiter kein Hehl, bemerkten aber, daß, wenn man erführe, daß sie Juden seien, kein Spanier und keine Spanierin ihren Bazar mehr betreten würde. Daher ist die Zahl der Juden, welche gegenwärtig in Spanien wohnen, noch immer eine sehr geringe. Eine jüdische Gemeinde befindet sich nur in dem Prächtigen Sevilla; in der Stadt, in welcher im vierzehnten Jahrhundert sechs- bis siebentausend jüdische Familien wohnten, in der in dem verhängnisvollen Jahre 1391 zuerst der Sturm gegen die Juden ausbrach, wohnen, wie mir Don Antonio SaNchez Moguel, Professor -der Geschichte an der Madrider Universität, vor einigen Wochen erzählte, jetzt zirka dreihundert Familien, welche ihr eigenes Schlachthaus haben. Die in Madrid wohnenden Juden vereinigen sich nur am Jom Kipur auf einige Stunden zum Gottesdienst. In Barcelona wohnen französische, deutsche und amerikanische Juden; auch in Huelva und Cadiz haben sich einige niedergelassen. Die alten berühmten Sitze jüdischer Wissenschaft, Toledo, Saragossa, Malaga u. a. sind noch heute vollkommen „judenrein". Doch kehren wir zu Herrn Angel Pulido zurück. Herr Pulido traf auf den vielen Reisen, welche er gemacht, häufig mit spanisch redenden Juden zusammen; er hörte in den Straßen von Bukarest und Konstantinopel, Salonichi und Smyrna, aber schwerlich in den Straßen von Frankfurt a. M., wie er behauptet, spanisch reden. Es berührte ihn schmerzlich, daß so viele Spaniolen die niedrigsten Arbeiten verrichten, in dem Hafen von Salonichi mit dem Auf- und Abladen schwerer Frachtstücke sich beschäftigen und in den Straßen von Smyrna durch den Verkauf von Obst und Brot ihr Leben kümmerlich fristen. Er ging mit sich zu Rate, wie und in welcher Weise die halbe Million Juden, welche in der Türkei und in Kleinasien, in Rumänien, Serbien, Bulgarien und in Nordamerika noch jetzt spanisch reden und die spanische Sprache mit solcher Zähigkeit bewahrt haben, für das alte Vaterland wieder gewonnen und nutzbringend gemacht werden können. Er brachte die Angelegenheit in der Sitzung vom 13. November v. I. vor den spanischen Senat. Er machte den Minister des Aeußeren und die Senatoren mit.seinen auf den Reisen gesammelten Erfahrungen bekannt, berichtete, wie er in der spanisch-jüdischen Schule in Bukarest von Kindern spanische Gedichte deklamieren hörte, in welchen sich eine glühende Liebe zur Heimatssprache kund gab, so das Gedicht: A ti lengua santa, (Dir, heilige Sprache, A ti te adoro, Bin ich so hold, Ms que ä todo plata, Mehr als allem Silber, Nas que ä todo oro. Mehr als allem Gold.) Alle Völker, sagt Pulido, erblicken in der Ausbreitung ihrer Sprache ein Zeichen ihrer Macht. Italien, Deutschland, England tun alles mögliche, ihrer Sprache bei andernlVölkern Eingang zu verschaffen, und wir? Wir haben durch hinlänglich bekannte Ereignisse traurigen Angedenkens mehr als eine halbe Million Menschen verloren, deren Nachkommen unter den Völkern des Orients unsere Sprache reden, sie treu und innig lieben, gegen die wir uns unverzeihlich gleichgültig ^benehmen nnd mit denen wir keinerlei Verbindung anstreben. Oekonomische und politische Rücksichten gebieten uns, mit diesen im Auslande lebenden Spaniern, mit diesen spanischen'Juden wieder in Kontakt zu treten. Das. erste und sicherste Mittel, sie an uns zu fesseln, ist die Sprache. Was beabsichtigt die