Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228633--61337-3275156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Architektur, im reichen Tannenfchmuck und frohenMchterglanz seiner. Kronen und siebenarmigen Leuchter einen? herrlichen Anblick bar und - war von einer festlichen Menge bis auf den letzten Platz dicht gefüllt. Von Vertretern der Behörden 'waren u. :a. erschienen : Oberpräsident v. Moltke, Regierungspräsident von Werder, Oberpräsidialrat Dr. Gramsch, Landeshauptmann v^ Brandt, Oberlandesgerichts-' Präsident v. Plehwe, Konsistorialpräsident Freiherr D. v.. Dörnberg, Generalsuperintendent D. Braun, Oberbürgermeister Körte, Justizrat Vogel rc. Der kommandierende General war, wie er den Abend vorher telephonisch mitgeteitt hatte, zu seinem Bedauern dienstlich verhindert, an der Feier teilzunehmen. Nach einem Orgelpräludium trug der für die Gelegenheit außerordentlich verstärkte Synagogenchor unter Leitung des Oberkantors Eduard Birnbaum die Motette vor: „Jauchzet Gott entgegen, der unsere Macht ist, jubelt dem Gotte Jakobs zu." Weihevolle Klänge,, die zur Andacht und Erhebung stimmten! Dann hielt der Vorsitzende der Chewra Kaddischa, Kaufmann Hermann Wolffheim, eine Ansprache an die Versammeltenausgehend von einem kurzen Rückblick auf die Vergangenheit des .Vereins und schließend mit einem Segenswunsch für seine'Zukunft. Die in jeder Beziehung vorzügliche Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Vogelstein. An diese schloß sich das schon am Donnerstag auf dem Friephof vorgetragene Seelengebet „Allliebender Vater im Himmel" und. das Gebet für Kaiser und Vaterland, worauf ein Chor „Danket dem Herrn' mit Harfenklang" die ernste, würdige Feier beschloß. — An die ernste Feier in der Synagoge schloß sich am Abend in bcu festlich geschmückten und erleuchteten Räumen der Bürgerressource ein Festmahl, an dem mehr als 400 Herren teilnahmen. Die 'Festschrift, die an sämtliche Teilnehmer. ausgegeben worden war, enthält eine von uns noch zu besprechende Geschichte des Vereins von Dr. Vogelstein und einen Aufsatz von Oberkantor Birnbaum: „Die Gräber unserer Lieben" mit einer großen Fülle interessanten statistischen und historischen Materials^ Aus den langen Namensverzeichnissen erfährt man unter anderem, daß auf dem Friedhofe auch ein französischer Kriegsgefangener aus dem Jahre 1871, Jules Colonno, beigesetzt ist. Besondere rühmende Erwähnung verdienen auch die Prächtigen Zeichnungen von W. Bennigson, die der Festschrift beigegeben sind. n. Stargard i. P., 9. Dezember. Einen, schweren Verlust hat unsere Gemeinde am 1. d. M. durch das plötzliche Ableben des Oberkantors Jacob Borchardt erfahren. Fast volle 40 Jahre hat der Verstorbene mit seltener Pflichttreue und Hingebung seines Amtes gewaltet. Obwohl schon lange leidend, hat er doch bis zuletzt auf seinem Posten ausgeharrt. Er entstammt einer ältberühmten Kantorenfamilie und zeichnete sich in gleicher Weise durch musikalische Begabung wie durch kantoralen Vortrag aus. Er war won Begeisterung für seinen Beruf erfüllt und hat in unserer Gemeinde einen' mustergültigen Gottesdienst geschaffen. Durch den Wohlklang seiner Stimme wußte er die herrlichen Gedanken unserer alten Gebete dem Verständnis der Beter nahe zu bringen und sie zu erbauen. Bei seinen Fachgenossen erfreute er sich großer Beliebtheit und selbst der bewährte Altmeister der Synagogenmusik, der verstorbene Professor Lewandowski, schätzte ihn überaus hoch. Am vergangenen Sonntag veranstaltete der Gemeindevorstand in der Synagoge eine würdige und erhebende Trauerseier, die Zeugnis ablegte von der allgemeinen Wertschätzung, die der Verblichene genoß. Rabbiner Dr. Silberstein hielt die Gedenkrede, in der er das schaffenssrohe Wirken und das lautere Wesen des Mannes, mit dem er in Freundschaft gelebt, in ergreifenden Worten schilderte. Möge dem Verklärten die Erde leicht werden! o. Posen, 9. Dezember. Die Rechtsanwälte Justizrat Salz und Dr. jur. Hartwig sind zu Notaren ernannt, so lautete kurz und bündig die Mitteilung in sämtlichen Posener Zeitungen, ohne daß auch nur durch eine einzige hinzugefügte Zeile von der Erregung Notiz genommen wurde, die infolge dieser Ernennungen viele Kreise beherrschte. „Nach 25-jähriger Anwaltszeit sind jetzt zwei Rechtsanwälte zu Notaren ernannt worden," ergänzte man im mündlichen Verkehre in Posen diese lakonische Zeitungsnotiz, und das mit Recht: übten doch der jüdische Justizrat fast 24 Jahre und und der christliche Dr. jur. etwas über ein Jahr die Anwaltspraxis aus, was zusammen ein Vierteljahrhundert Rechtsanwaltstätigkeit ergibt! Fast sämtliche 19 jüdischen .Rechtsanwälte, die zum Teil schon über 20 Jahre ihre Praxis ausübten und von der Regierung durch den Justizrattitel „ausgezeichnet" sind, sind hier wieder durch den beinahe jüngsten 'christlichen : Anwalt . in der Notariatserwerbung übersprungen -worden. Und da verlangt die Regierung von der fortgesetzt in so eigenartiger Weise als „gleichberechtigte" Bürger behandeltem jüdischen Bevölkerung ' der OstProvinzM''Mrbeitsfrtzudigkeit in allen öffentlichen gemeinnützigen Aemtern und Unterstützung im Kampfe gegen das Polentum! Nicht einmal der Schein -wurde gewahrt, als ob irgend welche wahrend der Anwaltszeit hervorgetretene besondere Eigenschaften den jüngsten christlichen Advokaten zum Notariat geeigneter erscheinen lassen als einen der vielen in übör zwanzigjähriger ehrenhafter beruflicher und öffentlicher uneigennütziger Tätigkeit ergrauten jüdischen Kollegen: der junge Anwalt schien vielmehr noch vor seiner Niederlassung darauf gerechnet zu haben, daß — wahrend seine jüdischen Kollegen srühstens nach zwanzigjähriger Tätigkeit auf das Notariat „hoffen" dürfen — er dies Ziel nach spätestens ebensoviel Monaten „sicher" erreichen würde. -- Breslau, 10. Dezember. Der bekannte Geschichtsschreiber Polens Professor Jacob Caro ist im Alter von 68 Jahren gestern hier gestorben. Caro war am 2. Februar 1836 in Gnesen geboren, wurde zuerst Dozent in Jena, 1869 in Breslau, wo er 1882 eine ordentliche Professur erhielt. Er hat Röpells Geschichte Polens in der Heeren-Uckertschen Sammlung fortgesetzt. Caro war ein Sohn des bekannten Rabbiners in Wloclawek und ein Bruder des Lemberger Rabbiners. Er war auch einmal Rektor der hiesigen ' Universität. In der Geschichte der Historiographie wird sein Name stets mit Ehren genannt werden. — Norden, 5. Dezember. Gestern Nachmittag fand in der hiesigen Synagoge anläßlich ihrer „Hundertjahrfeier" ein Festgottesdienst statt. Das Gotteshaus war dicht gefüllt, festlich beleuchtet und geschmückt. Als Vertreter des Magistrats erschienen die Herren Senatoren Kommerzienrat Doornkaat, Harms und Meyer; auch eine Anzahl hiesiger christlicher Bürger und auswärtiger Gäste wohnten der Feier bei. — Den Gottesdienst leitete der'Chor mit dem Psalm 24, 7—10 ein. Nach dem täglichen Gebete sang der Chor den Psalm 138, 1—5, woran sich die eindrucksvolle Festpredigt des Herrn Landrabbiners Dr. Löb reihte unter Anleitung des Textes 1. Buch Mose 28, 17. Es folgte der Schülergesang aus dem 84. Pfam, das Gebet für Kaiser und Vaterland, Stadt und Gemeinde und Psalm 150, den der Chor sang. Nach der herkömmlichen Liturgie sang der Chor zum Schluffe aus Psalm 29 den letzten Vers. An den Gottesdienst reihte sich ein Festessen im Deutschen Hause. Die Feier verlief in schönster Weise. Darum dürfen Gemeindevorstand, Festausschuß, Synagogenchor und alle, die sich um das Gelingen. des Festes verdient gemacht haben, mit größter Befriedigung auf dasselbe zurückblicken. Zur Vervollständigung dieses Berichtes sei bemerkt, daß von nah und fern zahlreiche Depeschen, und Gratulationsbriefe an die. feiernde Gemeinde eingingen.. Auch Herr Landrat Bayer und der Magistrat haben dieselbe auf die Einladung' schriftlich beglückwünscht: Herr Hauptlehrer Levy hielt am Sabbat, den 3. d. M. die Predigt zur Jahrhundertwende und sprach nachher ein stimmungsvolles Gebet. 1 Frankfurt a. M., 8. Dezember. Nach den Beratungen der internationalen Konferenz vereinigte ein von dem Frankfurter „Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden" veranstaltetes Festmahl die Delegierten. Nachdem Herr Josef Wisloch-Frankfurt a. M. die Tafelrunde begrüßt, ergriff Herr Justizrat Tiemendorfer-Berlin das Wort, um der Genugtuung über das Ergebnis der Konferenz Ausdruck zu geben und in gerechter Anerkennung die Verdienste des Herrn Dr. Paul Nathan zu feiern, dessen unermüdlicher Vorarbeit das Gelingen des Werkes vorwiegend zu danken sei. Dr. Nathan erwiderte mit einem Trinkspruch auf die Organisation, deren einträchtiges Zusammenwirken allein die gedeihliche Ausgestaltung der heutigen Beschlüsse gewährleiste. Sodann wies Direktor Dr.. Bärwald auf die erfreuliche Tatsache, daß jener Geist hilfseifriger Bruderliebe, der Adolphe Cremileux, Charles Netter, Narcisse Lewen, rc., in richtiger Erkenntnis der Forderungen der Zeit zur Begründung der Alliance israelite universelle veranlaßte und der in der fast fünfzigjährigen Wirksamkeit dieses Weltbundes so reichen Segen zeitigte, in immer weiteren Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft