Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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tätigem Widerhall geweckt habe. Aus diesem Geiste heraus sei auch der „Hilfsverein der deutschen Juden" entstauben, der sich in der kurzen Zeit seines Bestehens zu einem so ansehnlichen Faktor innerhalb, der Judenheit entwickelte. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß dem „Hilfsverein" ein weiteres kräftiges Gedeihen und segensreiches Leisten beschieden sein möge. Herr James Simon dankte für die freundlichen Worte und schloß mit einem Hoch auf bie Alliance israölite, deren vorbildliches Wirken dem „Hilfsverein" Beispiel und Ansporn sei und bleiben werde. Es sprachen sodann die Herren Frumkin-Warschau auf die jüdiWhe Gemeinde in Frankfurt a. M., Dr. Rosenack-Bremen auf die Großloge 17. 0. B. B. für Deutschland, .Herr Adolf Gordon-Wilna auf die Jewish Golonisation Association und ihre anwesenden Vorstandsmitglieder, Justizrat Cohn-Tilsit auf die jüdischen Frauen, deren Mitwirkung die geplante Organisation nicht entraten könne, Herrn. Landau-London auf die Stadt Frankfurts Dr. Moses-Mannheim auf das einträchtige Zusammenwirken der Vereine, Moritz Marburg auf die Einzelkomitees, Rechtsanwalt Dr. Gordon-Petersburg auf den jüdischen Geist, der die heutigen Beratungen beseelte, Dr. Horowitz-Frankfurt a. M. mit dem Ausdruck der Freude, das; auch die Zionisten an der praktischen Arbeit tätigen Anteil nehmen, und mit dem Wunsche, daß dies auch in Zukunft der Fall ebenso sein möge, auf den, unbeschadet seiner Endziele, in dieser praktischen-Arbeit sich betätigenden Zionismus, Redakteur Sokolow- Warschau aus. die Widerstandskraft des jüdischen Volkes. Nachdem zum Schluß Herr James Simon den Grenzkomitees sein Glas geweiht, wurde die Tafel aufgehoben. y. Darmstadt, 2. Dezember. In der vorigen Woche starb in Frankfurt a. M. im 63. Lebensjahre der Bankier Manasse Neustadt aus Darmstadt. Mit ihm ist ein Mann dahingeschieden, wie man sie heute nur noch selten findet. Sein aus kleinen. Anfängen hervorgegangenes Bankgeschäft hatte sich durch seine Tüchtigkeit und Tatkraft zum ersten am Platze entwickelt. Sein großes Vermögen benutzte er in weitgehendstem Maße zum Besten seiner Mitbürger ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses. Zahlreiche Kaufleute und'Gewerbetreibende, die sich heute in guten teilweise sogar glänzenden Verhältnissen befinden, verdanken ihre ganze Existenz nur dem Umstande,' daß Neustadt sie jahrelang reichlich mit Geldmitteln in der uneigennützigsten Weise unterstützte. Begabten jungen Leuten gewährte er die Mittel zum Studium, und so war er zu jeder Zeit hilfbereit, wo es nur galt. Dabei war er für seine Person von der allergrößten Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit. Aeußere Ehrungen, die ihm mehrfach angeboten wurden, hat er stets abgelehnt. Welch großer Beliebtheit er sich in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute, zeigte die große Beteiligung bei seinem Begräbnisse auf dem hiesigen israelitischen Friedhof. — Bei Beginn des Wintersemesters feierte der ordentliche Professor der Mathematik, Geh. Hofrat Dr. Siegmund Gundelfinger, sein. 25jähriges Jubiläum als.Dozent an der hiesigen technischen Hochschule. Im Jahre 1879 wurde er, damals außerordentlicher Professor in Tübingen, als Ordinarius hierherberufen. Vom Ausschuß der Studierenden wurde ihm eine künstlerisch ausgestattete Adresse überreicht, in der seine hervorragende Lehrtätigkeit betont und der Wunsch ausgesprochen wird, daß er noch lange eine Zierde der Hochschule sein möge. Der Großherzog verlieh Professor Gundelfinger das Komturkreuz zum Philippsorden.. Ein Sohn Gündelfingers ist der dem Stephan Georgischen-Kreise augehörige Dichter Friedrich Gundelfinger. — Dem Privatdozenten an der technischen Hochschule, Ingenieur Clärence Feldmann, wurde der Charakter als Professor und dem früheren Landtagsabgeordneten, Fabrikant Wilhelm L a n g e n b a ch der Titel Kommerzienrat verliehen. — Bei dem Ordenssegen vom 25. v. M. wurden ferner ausgezeichnet Herr -Medizinalrat Prof. Dr. Grödel in Bad Nauheim, der das Ritterkreuz I. Klasse des Philippsordens erhielt. Oesterreich-Nngsrn. . □ Wien, 12. Dezember. Es gibt wohl keine Stadt der Welt,, deren Bürgermeister es wagen dürfte, frank und frei gegen einen Teil ihrer Bevölkerung den Boykott zu empfehlen. Herr Dr. Lueger macht darin eine Ausnahme. Er darf es. Im Verein „Christliche -Familie" hat er in dieser Woche einen Vortrag gehalten, in. dem er! -seinen getreuen Zuhörern in wärmster Weise den Glaubensartikel des| Wiener Antisemitenkatechismus ans Herz legte:' „Kaust nur bei Christen!" Die Weihnachtszeit'scheint ihm besonders geeignet, diese These wieder zur Geltung zu bringen. „Es ist gut," sagte der Herr Bürgermeister, „daß wir es schon so weit-gebracht haben, daß sich jede Christin schämt, zu einem Juden hineinzugehen, noch besser wird es sein, wenn sie überhaupt zu keinem Juden hineingeht. Die Christen sollen bei den Christen einkaüfen und die Juden bei den Juden.... Jeder muß seinen Nächsten unterstützen und uns Christen sind die Christen die nächsten." Nun erzählt aber ein hiesiges Blatt die folgende Geschichte: Eine gemeinderätliche Kommission, die - mit der Ausgabe betraut war, für die armen Kinder Stoffe anzukaufen, hat in einem jüdischen Geschäfte den Einkauf besorgt. In öffentlicher Gemeinderatssitzung hierüber interpelliert, mußte der Obmann besagter Kommission erklären, daß die Kommission in keinem christlichen Geschäfte die Ware in so guter Qualität und zu so billigen Preisen erhalten konnte als eben im jüdischen Geschäfte. Ein Bürgermeister, der solche . Reden hält, ist in der. Geschichte ein Unikum. Aber Oesterreich ist eben das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten! — Am. 2. d. feierte einer unserer angesehensten Männer, Herr David Ritter v. Gutmann sein 70. Lebensjahr. Still, wie' er stets gelebt, hat er auch diesen Tag verbracht und ist allen geplanten Ovationen entgangen. Ueber seine Bedeutung braucht kein Wort verloren zu werden. Möge er noch lange Jahre in ungeschwächter Kraft fortwirken zum Heile der Armen und Dürftigen, die bis. jetzt an ihm eine so ^mächtige Stütze gefunden haben. — In Graz fand eine sehr würdige Jubiläumsfeier des dortigen. Israelitischen Frauenvereines statt, der. vor 25 Jahren von Rabbiner Dr. S. Mühsam gegründet wurde und dessen Gattin nun ebensolange demselben in so verdienstvoller Weise als Präsidentin vorsteht. Die Kultusgemeinde hatte aus diesem Anlasse einen Festgottesdienst am 26. d. M. veranstaltet. Frau Dr. Mühsamwurde durch die Ueberreichung des Kapitals zu einer „Marianne Mühsam-Stiftung", deren Zweck der Namensträgerin überlassen bleibt und durch eine künstlerisch ansgeführte Adresse geehrt. Frau Dr. Mühsam ist eine Berlinerin, die Nichte des seligen Stadtrats Magnus.; Ein Festabend vereinigte außerdem die Mitglieder der Gemeinde, der durch eine Festrede des Herrn Simon Nendi eingeleitet wurde. — Der israelitischen Gemeinde in Budapest ist eine Erbschaft von mehr als einer Million Kronen aus dem Nachlasse des verstorbenen Präsidenten „Chewra kadischa", Herrn Moses Ehrlich, zugefallen. — Der Kaiser hat dem Präsidenten des XXIII. israelitischen Gemeindedistriktes, Stadtpräfekten nnd Generaldirektor. Herrn Salomon Sternthal in Temesvar und seinen gesetzlichen Nachkommen als Anerkennung seiner auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten erworbenen Verdienste den ungarischen Adel mit dem Prädikate „de Nag-ypel" verliehen. Von Sah und Fern. — Bei den Wahlen für die Akademische Lesehalle ist bisher ein Kandidat der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung (Simon) mit 132, einer vom Verein jüdischer Studenten (Kirschner) mit 128 Stimmn gewählt worden. — In Königs Hütte ist am 5. d. M. der Stadtrat Jonas Sternbergim 48. Lebensjahre gestorben. Derselbe war stellvertretender Vorsteher der Repräsentantenversammlung. Ehre seinem Andenken! — In Köln brachen in der Nacht zum 5. d. M; Diebe in das Bureau der jüdischen Gemeinde ein. Sie erbrachen den Kasseuschrank und entwandten 2000 Mark in barem Gelbe.- Am andern Morgen fand man die geleerte Kassette auf der Straße vor. Von den Dieben fehlt noch jede Spur. — Die Herren Albert Nosenfelder, Isidor Löwensohn und Joseph Sahlmann, die laut Nr. 39 als Oberleutnants der Landwehr , verabschiedet bezw. zu Hauptleuten de« Reserve ernannt wurden, sind nicht aus Nürnberg, sondern aus Fürth. — In Z ürich erging es einem angeblichen russischen Spitzel übel, der sich zu einer Versammlung russischer und polnischer Studenten und Flüchtlinge eingefunden hatte. Ein Arbeiter , aus Kischinew wollte in ihm einen gewissen Simi onoff erkennen, welcher der Kischinewer Polizei Dienste geleistet, auch bei den Jüdenkrawallen eine Rolle gespielt haben soll. Es gab einen großen Tumult und Simionoff wurde, übel zugerichtet, dann über Nacht eingesperrt und am Morgen der Züricher Polizei überliefert. — Der Berichterstatter