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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
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Ü12 Lähmende Verzweiflung erfüllte das Herz der Getreuen der Königin, als die Schreckenskunde den Palast durchbrauste. Nun war ihre Sache verloren und in ihrem Herzen erlosch auch der leiseste Hoffnungsschimmer, um einer namenlosen Entmutigung Platz zu machen. Mit schreckensbleichen Mienen und angstvoll verstörtem Wesen eilten die Edlen und die Befehlshaber der Truppen durch die Räume des Palastes, um im Augenblicke der höchsten Gefahr in der Nähe ihrer geliebten Königin zu sein, sie mit ihrem Leben zu schirmen, wenn der Feind das Schloß erstürme. Der Königin hatte sich wilder, maßloser Grimm bemächtigt. Dahin also war es gekommen! Dies war nun der Lohn füralle ihre kluge Politik, dies das Ende all ihrer siegreichen Feldzüge! Besiegt, preisgegeben der Willkür des Feindes, unterjocht, geschlagen, nicht im ehrlichen Kampfe, nein, durch sich selbst, durch ihr eigenes Vergehen. Wer hieß sie denn, jenem schurkischen Mäonios den Stachel der Eifersucht in das rachsüchtige Herz bohren, seinen maßlosen Dünkel verhöhnen und ihm die Hoffnung auf die Krone vollends rauben? Welcher Wahnwitz hatte sie vermocht, dem Liebestollen für immer alle Hoffnungen auf ihren Besitz zu entreißen? Eine böse Macht hatte sie verleitet und nun sah sie schaudernd den Abgrund, der sie unrettbar verschlingen sollte. Bis zuletzt hatte sie noch ihren stolzen Heldensinn bewahrt, hatte die Tapferen durch ihren kühnen Mut zum Ausharren angeeifert und in ihrem Herzen die Hoffnung genährt, daß in der Stunde der Gefahr noch ihre persischen Hilfstruppen herbeieilen, und den von der langen Belagerung erschöpften Feind besiegen würden. Nun aber war die Stunde der Gefahr gekommen und jeder Pulsschlag ihres fiebernden Herzens brachte sie dem Augenblicke näher, an dem das Gräßlichste zur Tat werden, an dem sie als Gefangene vor dem übermütigen Kaiser werde erscheinen müssen. „Nein, nein!" rief sie verzweifelt aus, „dahin darf es nicht kommen! nimmer soll die Welt das Schauspiel genießen, daß Zenobia, die siegreiche Herrscherin des Orients, vor Aurelian niedersinke! Noch muß mir Hilfe werden!" „Vertraue auf Gott, o Zenobia," sagte Bischof Paulus. „Nur er allein kann Dich erretten, teile mit mir den Leib des Herrn, entsage dem heidnischen Götzenglauben und Du wirst der Seligkeit teilhaftig werden, die allein der Glaube an Jesus Christus gibt!" „Wahrlich, schlecht gewählt, würdiger Bischof," unterbrach ihn rauhen Tones Zabdas, „hast Du die Stunde der Bekehrung!" „Im Augenblicke der höchsten Not müssen wir dem Herrn nähen und unsere Seele seinem Schutze empfehlen!" Allein unwirsch schnitt Zabdas dem Priester das Wort ab: „Die Zeit eilt mit Riesenschritten vorwärts, erhabene Königin, bald wird Aurelian vor den Mauern des Palastes stehen . . . ." „Dessen Eingang er mit seinem Blute erzwingen muß!" rief Assad und sein Auge glüht in edler Karnpfbegierde. „Und Du wähnst", nahm Zabdas wieder das Wort, „die Burg lange vor dem Eindringen der Feinde zu schützen? Nein, Assad, das Herz unserer königlichen Frau nährt keine so trügerische Hoffnung und sie selbst, die zahllose Siege errungen, sie selbst, unter deren siegreichen Banner wir gar oft den stärksten Feind bezwungen, sie weiß, daß jeder Widerstand nutzlos wäre! Ihr bleibt nur ein Weg." „Welcher? Künde ihn mir!" unterbrach ihn in atemloser Hast die Königin. „Die Flucht, o Zenobia!" Ein dumpfer Wehlaut entrang sich ihrer Brust. „Du, o Zabdas, Dü, an dessen Seite ich oft in heißer Schlacht gekämpft. Du redest mir von feiger Flucht, und siehst das Schimpfliche nicht, das ich beginne, brächte ich mein Leben in Sicherheit und überließe mein geliebtes Volk dem Schwerte des Feindes. Nein, o Zabdas, konnte ich mein Palmyra nicht retten, so will auch ich untergehen!" „Höre die Stimme deines Kriegers, o Fürstin," sagte flehenden Tones der Feldherr, „errette Palmyra, indem du fliehst, komme, laß uns hinwegeilen, ehe auch jener verborgene Weg, der uns aus der Stadt führt, vom Feinde besetzt wird, in unkenntlicher Kleidung wollen wir die Wüste durcheilen, bis an den Euphrat hin. Dort, wo die Herzen der Völker für Dich schlagen, wird es uns leicht gelingen, ein neues Hilfsheer zu sammeln, und an der Spitze flinker persischer Reiter und pfeilgeschwinder Sarazenen kehren wir zurück und schlagen Aurelian aufs Haupt." (Schluß folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. ±= Der shnagog ale Gesang. Eine Studie von A. Friedmann, Hauptkantor, Berlin, C. Boas Nachf. 1904. Die synagogale Musik, die seit dem Urbeginn des jüdischen Kultus ein integrierender Teil des öffentlichen Gottesdienstes gewesen und bis heute geblieben ist, ist merkwürdigerweise in ihrer Entwicklung und noch mehr in ihrer Urform und Grundgestalt ein terra meognita für die Musikwissenschaft geblieben. Keinerlei Notierungen und Aufzeichnungen lassen uns einen Einblick gewähren in die Art, wie z. B. die Tempelmusik geklungen hat, wie die Psalmen gesungen worden sind. Wohl haben die Eigenart, Schönheit und Gemütsfülle, wie sie in den durch Tradition auf uns gekommenen Synagogengesängen zutage treten, hin und wieder den Musikforscher gereizt, und es ist versucht worden, einige Streiflichter in das dunkle Gebiet der Synagogenweisen fallen zu lassen; aber mehr als — zum Teil gewagte — Hypothesen sind dadurch nicht gewonnen worden. Erst seit im verflossenen Jahrhundert — angeregt durch die Macht des unsterblichen Meisters des Synagogengesangs, Sal. Sulzers — ein Kantoren st and auf wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage sich zu entwickeln begonnen hat, scheint diese spröde Materie der musikalischen Forschung etwas gefügiger werden zu wollen, und manche treffliche Arbeiten und Anregungen haben aus dem Kreise fachmännisch gebildeter Kantoren neue Wege dieser Forschung erschlossen und das Interesse für dieselben bei den Musikhistorikern wachgerusen. Als bahnbrechend darf die verdienstvolle Schrift: „Die Tonarten des traditionellen Synagogengesangs (Steiger)" von Oberkantor Singer in Wien bezeichnet werden, und auf ihr fußt auch die vorliegende Studie: „Der synagogale Gesang" von A. Friedmann. Neben den drei von Singer aufgestellten „Steigern" macht Friedmann noch auf eine vierte Tonart aufmerksam. Der Schwerpunkt in Friedmanns Arbeit aber liegt in dem Versuch, den Spuren jener Melodien nachzugehen, die unserem traditionellen Chasonus zugrunde liegen. — Die mit vielen Notenbeispielen ausgestattete, 99.Seiten umfassende, mit großer fachwissenschaftlicher Sachkenntnis gearbeitete Schrift versucht zu zeigen, wie die Melodie des Thoravorlesens (Trop, Akzente) aus die Gebetstücke übergegangen ist und in welcher Weise die vier Steiger angewandt werden, auch wie modernes.Melodien in den traditionellen Synagogengesang Eingang gefunden haben. Dem Forscher auf diesem Gebiete wird die von eingehendem Quellenstudium zeugende Arbeit wertvolle Anregung, dem Fachgenossen interessante Belehrung bieten. — Die angefügten Biographien Sulzers und Lewandowskys geben ein pietätvolles Bild^von dem, Leben und Wirken dieser beiden Meister des Synagogengesangs. Der Erlös aus der sehr lesenswerten Studie ist für die „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte in Deutschland" bestimmt. M. H. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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