Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
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Palmyra noch zahllose Vorräte angehäuft; so hatte ja der vornehme Firmus in seinen Magazinen Vorräte, die eine ganze Armee ernähren konnten; die Bewohner hatten demnach den Mangel an Lebensmitteln nicht zu fürchten. Dem Feinde jedoch mußte sich der Mangel einer Zufuhr wesentlich fühlbarer machen und so war die Lage des römischen Heeres, ' das im Rücken von zahlreichen der Königin freundlichen Sarazenen angegriffen, vor sich die unbezwingliche Stadt im Angesichte der täglich wachsenden Gefahr wohl in dem Ver- < > trauen auf einen endlichen Sieg wanken mußte. . Die Königin aber hoffte aus die persischen Truppen, die ihr zu Hilfe kommen und die in heißer Schlacht den Römer zum Rückzuge zwingen mußten. Aber die Tage verstrichen und die Hilfe kam nicht. In tiefes Sinnen versunken, verharrte die Königin in ihrem i Gemache. Da näherte sich ein hastiger Schritt. Mit raschem Griffe wurden die Purpurvorhänge zurückgeschlagen und herein trat finsteren Blickes Mäonius. Betroffen sah die Königin in seine wild erregten Mienen.! , Was kam er ihr künden? Was bewog ihn, sie, deren Nähe .. er in der letzten Zeit auffällig gemieden hatte, jetzt auszusnchen? Und wahrlich, nichts gutes mochte es sein, das.den wilden, zügellosen Mäonius heute herführte, denn wildes Feuer loderte in seinem Antlitze. Mit einer raschen Bewegung war er auf die Königin zugestürzt und jetzt umfing er mit maßloser Leidenschaft ihre ruhende Gestalt. Zornige Glut färbte das Antlitz der Königin und in maßlosem Grimme schleuderte sie den frechen Eindringling zurück. „Wage nicht, mich zu berühren," rief sie zornfunkelnd aus. „Du wärest dem Tode verfallen!" „Wie Odenath?" Ha, und Du glaubtest wirklich, tugendhafte Königin, daß ich abseits stehen werde, während jener goldgelockte Fremdling sich Deiner Gunst erfreut?" „Was wagst Du?" flammte die Königin auf. „Was?" höhnte Mäonius. „Nun, was kein Geheimnis ist am Hofe zu Palmyra! Die edle Zenobia macht kein Hehl daraus, daß sie den Juden Affad liebt. . ." „Ja," unterbrach ihn die Königin, . „und daß sie Dich haßt, Mäonius, ja, hasset mit der ganzen Macht ihrer Seele." „Sieh, o Zenobia," sagte Mäonius und stöhnend sank er hin zu den Füßen der Königin. „Sieh, Dir haßtest mich nicht, ehe jener milchgesichtige Assad kam. Nein, Du warst mir hold und tief in meinem Herzen nährte ich den Gedanken, Dir emstens mehr zu sein, denn ein Freund . . ." „Du bist mir kein Freund!" unterbrach ihn die Königin schroff. „Du strebtest nach der Herrschaft, mein Besitz war Dir gleichgiltig." „O Zenobia," rief er in glühender Leidenschaft, „so wollte ( ich, Du wärest keine Königin, sondern ein niedrig geborenes Weib und beglücktest mich durch Deine Liebe." „Ich aber bin die Königin!" rief sie in loderndem Grimme und ihr Fuß stampfte zornig den Boden, „und ich gebiete Dir, mich von Deinem Anblicke zu befreien!" Wie ein Rasender war er emporgeschnellt. Blitze tätlichsten Hasses loderten in seinen Augen und in seinen wutverzerrten Zügen glühte verderbliches Feuer. „Ha, welch unerhörten Schimpf wagst Du mir zu bieten! Mir, Mäonius, der Dich aus den Thron erhoben! . Glaubst Dü etwa, ich hätte darum Odenath aus dem Wege geräumt, auf daß jener Jude sich Deiner Gunst erfreue? Du bist mein! Und m ür, mir gebührt Dein Besitz und die Krone dieses Landes!" . „Eh' will ich mich dein Hades vermählen," ries im Tone leidenschaftlichen Hasses Zenobia aus, ,,eh' ich Dein Weib werde." „So wirst Du denn, wahnwitzige Königin, bald das Lager römischer Sklaven teilen!" Und mit wahnsinnglühenden Augen und wutverzerrten Mienen stürzte er hinweg aus den Mauern der Stadt, in das Lager des Feindes. Neuntes Kapitel. Vae victis! ürmendes Entsetzen hatte die Bewohner Palmyras erfaßt, ^^^als sich am Morgen des nächsten Tages das unheimliche Gerücht verbreitete, daß die Wälle erstürmt seien und der Feind in den Mauern der Stadt weile — und wahrlich, die Sonne Palmyras leuchtete heute den Truppen Aurelians, die sich einem verheerenden Strome gleich über die unselige Stadt ergossen. Namenlose Furcht bemächtigte sich des Volkes, das sich jetzt unrettbar der Willkür und grausamen Mordlust der Römer preisgegeben sah. Wilder Grimm loderte im Herzen der tapferen Truppen, die sich so schmählich um die Palme des Sieges betrogen sahen und die jetzt der. Gnade des eingedrungenen Feindes anheimgefallen waren. Und wahrlich, zu viel der Gnade dursten die unseligen Palmyrener nicht erwarten. War ja auch an ihr Ohr der Ausspruch Aurelians gedrungen, der seinen Söldnern versprach, - „falls sie die Stadt, die ihnen solange'Widerstand leistete, erstürmen, sollten sie morden und plündern nach Herzenslust und keinen Hund wollte er lebend lassen in Palmyra!" Wie gewaltig aber mußte der Grimm des sieggewohnten Aurelian sein, als er gewahr wurde, welch heldenmütiger Widerstand die Erstürmung der Stadt verhindere, und ein Gefühl tiefster Beschämung mußte sein stolzes Herz erfüllen, wenn er, der mächtige Kaiser, nun in die bezwungene Stadt einzog, nicht durch ehrenvollen Kampf, nein, durch schimpflichsten Verrat eines Sohnes jenes Volkes, ja, mehr als das: eines Sprossen des palmyrenischen Herrscherhauses! Willig hatte Aurelian dem wahnwitzigen Mäonius sein Ohr geliehen, hatte den Weisungen des racheglühenden Verräters zufolge, an einer nur mäßig geschützten Stelle, die nur der Königin und ihren Getreuen bekannt war, das Eindringen seiner Truppen in die bedrängte Stadt geleitet und erschien jetzt, einem Rachegotte gleich, an der Spitze seiner Legionen in den golddurchfluteten, farbenprächtig blühenden, .zauberisch schönen Paradiese, das Palmyra hieß — das aber durch die barbarische Zerstörungswut seiner entmenschten Legionen zu einer Stätte der Vernichtung wurde und dahin sank mit allen kostbaren Schätzen, mit allen auserlesenen Bauwerken, und vom reinsten hellenischen Geiste beseelten Kunstwerken, mit seinen, strahlenden goldenen Zinnen und seinen blendenden Göttergestalten, seinen rauschenden Hainen und seinen paradiesischen Gärten. Wohl hatte den Verräter die gerechte Strafe bereits ereilt. Denn der Kaiser, empört durch eine Tat, die zwar die Stadt in seine Hände gab, die aber seinem gerechten Sinne gleich verwerflich erschien, hatte den sinnlosen Mäonius. der Willkür seiner Soldaten überlassen, die dem Wahnwitzigen zum Lohne für seine ruchlose, von giftigem Hasse und lodernster. Eifersucht eingegebene Freveltät ein grausames schimpfliches Ende bereiteten.