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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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mit einem reichen Mädchen und läßt die Arme sitzen. Diese recht alltägliche Geschichte erhält ihren ausregenden Titels aus dem Grunde, weil der Liebende die Geliebte auf ein talmudisches Wort verwiesen: „Wer eine Frau des Geldes wegen heiratet, erlebt keine Freude an seinen Nachkommen". Der Talmud also hat die Geliebte getäuscht, deswegen ist er.— ein Betrüger. Der Titel ist zum mindesten eine Spielerei) der Roman selbst eine höchst schwächliche Arbeit. Einzelnes ist sür den deutschen Leser und solche, die in der talmudischen Literatur nicht bewandert sind, von Interesse: die Schilderung des Jeschiwa-Lebens, die anschauliche Darstellung eines Cheder, die Erzählung der Feierlichkeiten, die begangen werden, da der kleine A B C-Schüler ein Bocher wird, der anfängt Chumesch zu lernen, die mannigfachen Nachrichten über die Nomanlektüre galizischer Mädchen, die hübschen Erzählungen aus haggadischen Quellen, eine höchst pathetische Rede über Wesen und Entwicklung des Judentums, die Mitteilung der bramabasierenden Reden junger zionistischer Uebermenschen und die Entgegnung eines würdigen Alten, der von diesen Torheiten der Jugend nichts wissen will — aber diese kleinen Vorzüge muß man mühsam herausschälen aus der Flut gewöhnlicher Berichte. Die Sprache ist barbarisch; der Verfasser hat keine Ahnung von richtigem Deutsch: er braucht fast durchgehends das Perfektum für das Imperfektum, andererseits das Imperfektum statt des Plusquamperfektums, wendet den Indikativ an, wo der Konjunktiv stehen sollte. Er braucht ferner Fremdwörter, die in Schriftdeutsch nicht angewendet werden dürfen, wie: kourtoise Aeußerung, Lektionieren, Nominatim, Historio-sophisch; er sagt: einen Kollegium; er bildet undeutsche Wörter, wie „unerkenntlich", „raumweitig", „die augenscheinlich sehen". Seine Bilder sind so töricht wie das folgende: „es war der erste Knall von Amors Pfeilenschuß." Er macht die gröbsten Sprachfehler, schreibt z. B. „er setzte sich auf seinen früheren Sessel", „er wußte nicht, was darüber nachzudenken", „sie verabschiedete sich mit Weile" (Name eines Mädchens), „er empfand Mitleiden mit seinen so wie Hunde gehetzten Brüdern", „wie ich sehe bin ich bei meinen Eltern ihr Sohn nicht mehr. Sie verkennen mich als solchen." Liest man derartiges, so muß man sagen: Ob ein Ausländer, welchen Glaubens auch immer. Deutsch kann, ist seine Sache; wagt er es aber, ein deutsches Buch drucken zu lassen, so müßte er wenigstens so viel davon verstehen, wie ein angehender Quartaner. Aus Galizien nach Rußland führt das folgende Buch das statt einer langweiligen, undeutsch geschriebenen Erzählung eine humorgetränkte, ausgezeichnet beobachtete, amüsant erzählte Geschichte aus einer kleinen Judenstadt gibt?) Man fühlt sich oft an die ironisch gefärbte Darstellungsweise von Franzos gemahnt, womit durchaus kein Vorwurf gegen den Verfasser erhoben, sondern eher ein Lob für ihn ausgesprochen werden soll. Die Darstellung, die zeigt, wie eine zahlreiche jüdische Gemeinde allmählich, zum Teil wider ihren Willen der Kultur gewonnen, zur Einführung von Reformen veranlaßt, zur Duldung russischer Schulen genötigt, zur Abstellung von Mißbräuchen in Gemeinde und Leben gezwungen wird, ist äußerst lehrreich und höchst unterhaltend. Wenn zum Schluß ein kleiner zionistischer Zipfel heraushängt, so geschieht dies vielleicht nur der Mode zuliebe; die eigentliche Tendenz des Verfassers gipfelt in dem Satz: „des Menschen Aufgabe ist, den Geist der T) Der Talmud als Betrüger. Ein Zeitroman von Samuel Meisels, Berlin 1903. Verlag von Siegfried Cronbach. 2) EM Blatt aus der Chronik unserer Stadt. Roman von H. Pruschanski, Berlin. S. Cronbach 1903. anderen aufzuklären. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die große Arbeit und viele Mühe kostet, aber dafür ist es auch eine der ehrenvollsten und heiligsten Aufgaben, die uns Gott selbst gestellt hat, das ist die Thora, das ist das Gesetz Mosis, von dem niemand sich lossagen kann." Kein Leser wird bereuen, dies Buch in die Hand zu nehmen und er wird, sobald er es getan, es gewiß nur voll befriedigt weglegen. Es ist die Geschichte eines „Genius", eines äußerst scharfsinnigen, sehr beredten Talmudjünglings, der durch seine unvergleichliche Kenntnis alle Gegner entwaffnet, dann als „Epikuräer" und Gottesleugner Gefahr läuft, von der fanatischen Menge als Soldat angegeben zu werden, aber durch Festigkeit und Entschiedenheit selbst die weltlichen Machthaber zu Boden schlägt, die höchste Autorität auf seine Seite bringt, ungestört seine moderne Ausbildung vollendet und als Arzt, als glücklicher Gatte eines schönen Mädchens sein Leben segensreich führen und beschließen kann. Die Figur dieses Genius, seiner Schwiegermutter, der schönen, klugen und guten Wirtin Esther, seines Schwiegervaters, des Kabbalisten Pinchas, ferner die eines Dieners (Kellners), der Kellnerin Dowsche, die als Cafeinhaberin, als Geldverleiherin und als Priesterin der Venus zu Reichtum, eine Zeit lang zu einer hervorragenden Stellung gelangt, endlich die des Polizeimeisters und seines Dieners sind vortrefflich geschildert. Bei aller Trauer über die innerlich und äußerlich verrohten Verhältnisse jüdischer Gemeinden in Rußland wird man die köstlichen, teils satirischen, teils humoristischen Schilderungen, die sich oft in bittere und ernste Anklagen verwandeln, mit stets gleicher, ja womöglich sich steigernder Aufmerksamkeit betrachten, die Tendenz des Verfassers loben und auch die künstlerische Feinheit anerkennen, mit der er zu Werke geht. Denn mit so erkennbarer Vorliebe er den „Genius" Samuel Lewin zeichnet, so macht er doch kein Ideal aus ihm: vielmehr hebt er sein starkes Selbstbewußtsein ebenso hervor, wie seine menschliche Schwäche gegenüber sinnlichen Lockungen. Und ferner, ein so eifriger Jude, ja ein so eifriger russischer Jude der Verfasser auch ist, so scheut er sich nicht, die Vertreter der Gemeinde in ihren bedenklichen Eigenschaften, ja geradezu in ihrer Erbärmlichkeit darzustellen. Unter den köstlichen und humoristischen Schilderungen sind folgende zu erwähnen: die des Gefängnisses, in dem 50 Juden sich aufhalten, die fälschlich wegen eines Mordes angeklagt sind; die eines ehemaligen Klosters, in dem ein paar Dutzend Strolche mit halber Genehmigung der Obrigkeit ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben; vor allem die Darstellung des Zugs eines Rabbiners ist Begleitung seiner zahlreichen Familie zur Hochzeit seines Sohnes mit der Tochter eines Vranntweinpüchters und des Rückzuges derselben Familie, nachdem das Oberhaupt erkannt, daß eine Verbindung mit dem zwar reichen, aber ungebildeten Manne keine Ehre sür ihn sei. Aber man könnte noch zahlreiche Szenen aus dem Gemeindeleben und aus dem Herzensleben der einzelnen Personen anführen, um den ganzen Reiz dieses Buches anzudeuten. Es ist keine ganz reinliche Gesellschaft, mit der man es in dem eben behandelten Romane zu tun hat. Aber die schlimmsten unter den Geschilderten sind Unschuldslämmer gegen die Sorte von Menschen, mit denen uns Viola*) bekannt macht. Der Held Salomon Tulpenthal ist ein roher, rücksichtsloser Geschäftsmann, der Millionen opfert, um sich und die Seinen in adlige Gesellschaft zu bringen, in seinem Geschäftsleben die gemeinsten Kniffe und schlimme Betrügereien anwendet; seine Gattin eine Megäre; sein Sohn ein entsetzlicher!) Max Viola: Salomon Tnlpenthal. Ein moderner Roman. Berlin, S. Cronbach. 1903.

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