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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 608 (sequence 8)
Language
German
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608 1 wird oder die Schicksale eines Juden eine wesentliche oder auch nebensächliche Rolle spielen. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Frage jetzt sür unsere Schriftsteller eine ganz eminente Bedeutung hat, und daß das, was früher nur in Broschüren ausgesprochen wurde, nun in Romanen seinen Ausdruck zu finden sucht. Eine Vollständigkeit ist in der nachfolgenden Studie natürlich nicht angestrebt; fünf Werke, die mir in derselben Zeit zukamen, seien hier zusammengesaßt. Den Anfang mache ein seltsames Buch: „Das Kreuz des Jud en?) Es ist die Geschichte des Moritz Hardenstein, des Sohnes eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter. Der Vater, aus einem Schweinezüchter Millionär geworden — die Mutter starb früh — läßt seinen Sohn, sein einziges Kind, bei einem Major von Herdorf erziehen. Moritz, der die krummen Beine und die krummere Nase nicht loswerdeu kann, wird ein enragierter Judenfeind, trotzdem kann er die Liebe der schönen Tochter des Majors nicht erringen. In Heidelberg, wo er studiert, weiß er sich auf der Mensur seiner Haut zu wehren, gewinnt die Sympathie eines vornehmen Adeligen, des Herrn von Sennitz und bleibt nach dem Tode des Vaters mit jenen: verbunden. Nach vollendetem Studium macht er sein Examen setzt es durch, daß er in ein vornehmes Kavallerieregiment ausgenommen, Reserveoffizier wird, kauft ein großes Rittergut, wird adlig, erlangt die Gunst von Mitgliedern des höchsten Adels, mancher Prinzessinnen, bleibt aber unglücklich, da er, während sich die Männer gern an seinem Sekt berauschen, doch keinen Eingang in die Familien der Vornehmen finden kann, und da er Hilda von Sennitz nicht zu erringen vermag, die er leidenschaftlich liebt. Durch diese grausame Enthüllung, die er aus der Lektüre eines nicht sür ihn bestimmten Briefes schöpft, bricht er zusammen. Er verkauft sein Gut, gibt seinen Adel und seinen Rang auf, macht große Reisen, dient der Wissenschaft und trägt einsam wie früher, aber ohne Ehrgeiz und ohne die Sehnsucht seiner Jugendjahre — das Kreuz des Juden. (Daß neben diesem Helden, der außer seinem Vater der einzige Jude oder richtiger Halbjude des Romans ist, eine zahlreiche Adelsgesellschaft geschildert wird, recht wenig edle und sympathische Typen, Krautjunker, Antisemiten, Stellenjäger, Falschspieler, modern Aristokraten, Gutsbesitzer, hohe Beamte und Militärs, daß gelegentlich auch die Pommernbank und Kommerzienrat Romeick, freilich ohne Nennung ihrer Namen, vorkommt, daß mitunter auch vom Kaiser, seinen Welt- und Lebensanschauungen gesprochen wird, soll kurz erwähnt werden, ohne, daß hier näher darauf eingegangen werden kann.) Betrachtet man die Haupterzählung des Romans, so ist die Lehre, die der Verfasser zu verkünden scheint, die: auch der getaufte Jude vermag, trotz aller Anstrengung, trotz allen Geldes, trotz aller Beziehungen zu den Hochstehenden ein volles Aufgehen in die bürgerlichen oder adligen Kreise des Staates nicht zu erzwingen, sondern wird fast überall und besonders in seinen Bemühungen um die Hand einer Hochgeborenen als Nichtebenbürtiger angesehen. Das scheint des Rätsels Lösung zu sein, wie es einmal in dem Buche heißt. *) „Das Kreuz des Juden". Noman von Hermann Jaques, Dresden, Karl Reißner. 1904. Ich weiß nicht, ob der Name ein Pseudonym ist. In den: Kürschnerschen Kalender von 1903 ist der Name unseres Verfassers nicht angegeben; dagegen finde ich in einem Antiquariatskatäloge zwei Romane desselben Autors: 1901 und 1903 — Es ist jetzt Mode, Bücher mit „Buchschmuck" erscheinen zu lassen, auch unser Buch hat einen solchen, nämlich den Kopf eines höchst krummnasigen Juden, hinter dem ein Kreuz sich zeigt, — ein für meinen Geschmack abscheuliches Bild, das zugleich eine völlige Verkennung des symbolischen Titels seitens des Zeichners verrät. Ehe nämlich der alte Hardenstein stirbt, schreibt er seinem Sohne: „Hüte Dich vor" — -- da ereilt ihn der Tod. und der Verfasser sagt, nachdem er erzählt hat, wie Moritz erkennt, daß er Hilda von Sennitz nicht heiraten könne: „jene Rätselworte tauchten plötzlich auf.... er hatte die Lösung gefunden." Das wäre nun die zwar wohlfeile, aber immerhin beherzigenswerte Moral: Laß Dich nicht taufen, denn es nützt Dir doch nichts. Aber der Verfasser deutet noch ein Drittes an. In dem tollen Leben, das Moritz eine Zeitlang führt, (er öffnet seine Säle für einen adligen Spielklub und anderes) erscheint nämlich plötzlich eine reiche, junge, berückend schöne Jüdin Ada Salanda. Sie besucht ihn, teilt ihm mit, daß sie Zionistin sei und versucht ihm die Lehre einzuprägen, daß die Juden Zusammenhalten müßten, um große Ziele zu erreichen. Was eigentlich, ihr Ziel ist, sagt sie nicht, eine Auswanderung nach Palästina lehnt sie ab; ihr Plan scheint eine Art Welteinfluß zu sein, den sie den Juden, besonders dem jüdischen Kapital vindizieren will. Kurz vor dem Ende seiner tollen Laufbahn bekommt Hardenstein einen Brief von der Dame, in dem sie ihm ausrechnet, daß ihn sein Verkehr, der Ankauf des Gutes und des Adelspatents das nette Sümmchen von einer Million sechsmalhunderttausend Mark gekostet hat. Gegen den Schlich des Romans heißt es: „dann ging er zu Salanda." Aber wenn der Leser nun glaubt, Hardenstein sei Jude geworden oder habe die unklaren Pläne der schönen Jüdin gefördert, so wird er eines anderen belehrt durch die Worte: „das Lebenswerk der Salanda hat Moritz Hardenstein nicht unterstützt; in seinem Herzen fanden die Töne des zionistischen Hasses keinen Widerhall". Will man auch hier die Moral heraushören, so lautet sie so: der getaufte Jude kann auch den Weg in den Kreis jüdischer Interessen nicht mehr zurücksinden, ein Satz, dessen billige Weisheit man auch vor dem ' Erscheinen dieses Romanes kannte. Es ist ein gut gemeintes Buch, aber doch zu unbedeutend, sowohl in der Konzeption, als auch in der Ausführung. Die eigentliche Aufgabe: die Seelenschilderung des in feinen Hoffnungen Geknickten, wird nicht durchgeführt, kaum begonnen. Ja, manbleibt über die Tendenz des Verfassers im Zweifel: soll es die Schadenfreude eines antisemitisch gesinnten Christen sein, der mit flammendem Schwert vor dem Paradiese steht und den Juden den Eintritt verwehrt? Oder ist es die resignierte Klage eines Juden, der in dem Offizierspatent, im Adel und im Besitz einer christlichen Gattin die Krone des Lebens erblickt? Vielleicht findet der Verfasser später ein anderes Feld, auf dem er seine Gaben betätigen kann. Einstweilen gährt es noch sehr in ihm. Seine Sprache ist reizlos, oft hölzern, die Urteile oberflächlich und kindlich. Mit solchem Versuch kann die Judenfrage nicht gelöst werden. War der erste der besprochenen Romane von einem Deutschen und handelte über jüdische Verhältnisse in Deutschland, so besteht das Gemeinsame der folgenden darin, daß sie von jüdischen, aus dem Osten stammenden Schriftstellern herrühren und die Zustände des Ostens beleuchten. Schon in jenen spielte der Zionismus hinein, in diesen nimmt er einen ganz bedeutenden Platz für sich in Anspruch. In dem ersten der nun zu besprechenden Bücher ist der eigentliche Roman ungemein einfach: Berl Grünbaum, der Sohn eines chassidi sch . gesinnten Kaufmanns, kommt aus der Talmudschule zurück, verliebt sich in Rosa Pommer, die Tochter eines jüdischen, aber sehr aufgeklärten Volksschuldirektors, bringt ihr Interesse für jüdische Dinge bei und verspricht ihr, sie niemals zu vergessen. Aber in Berlin, wo er gegen den Willen seiner Eltern studiert, sich den modernen Theorien zuwendet, wird er infolge mißverstandener Lehren Nietzsches ein krasser Egoist, verlobt. sich

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