Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nach Billigkeit zugunsten der: Gebeugtesten des Landes. Gerechtigkeit ist der Gurt seiner Lenden, Glaube der Gurt seiner Hüften." An diese Gesinnungshoheit des optimistischen Universalismus - eines Jesajas ragt selbst unter den Propheten vielleicht nur. noch das Wort.Secharjas heran: „Und der Ewige wird König sein über die ganze Erde. An diesem Tage wird der Ewige eins sein und sein Name Eines." „Er verkündet Frieden den Völkern und seine- Herrschaft reicht von Meer zu Meer, von Strom zu Strom bis ans Ende der Erde." . Dieser Satz bezeichnet den Höhepunkt alles Optimismus. Die Glückseligkeit^ des Menschen wird nicht zeitlich rückwärts ins „goldene Zeitalter", auch nicht räumlich rückwärts ins „verlorene Paradies", aber ebensowenig räumlich vorwärts ins „himmlische Jenseits", sondern in das zeitliche Jenseits projiziert, in die künftige Vervollkommnung des Menschengeschlechts, in die moralische Unsterblichkeit der Gattung, kurz in die Evolution, (Entwicklung) des Menschengeschlechts nach Oben, d. h. zu immer höherer PerfektibilitÜt. Und hier fragt es sich nun: welches Erziehungssystem ist dem Menschengeschlechte dienlicher, seiner sittlichen Hebung förderlicher: die Sehnsucht nach rückwärts, wie sie der -Buddhismus in: Nirwana lehrt, oder die Hoffnung'auf ein ewiges Vorwärts, wie die iranisch-parsische Lichtreligion rmd ihr geschichtlicher Ableger, der Messianismns, in der Wiederkunftslehre kündet? Lessings Trilogie : die „Freimaurerbriefe" (Ernst und Falk), die „Erziehung des Menschengeschlechts" und der „Nathan" haben uns darüber endgültig aufgeklärt, das; die Menschheitsgeschichte keinlwirrer Traum eines schlafenden Gottes und kein tolles Chaos durcheinanderwirbelnderBegebenheiten ist, das; vielmehr Sinn und Plan in der Führung und Lenkung der Menschheitsgeschicke aufzufinden ist. Wie Spinoza, der geborene Logiker, in seiner „Ethik" den Weltenplan der Natur enthüllt hat, so der geborene Poet und begnadete Polyhistor Lessing in der „Erziehung des Menschengeschlechts" den Weltenplan der Geschichte. Die Natur ist, wie ich immer wieder betonen muß, das Reich der Gesetze, die Geschichte das der Zwecke. Wie uns die großen Optimisten Spinoza, und Leibniz den Sinn der Natur erschlossen haben, so hinterließ uns der Optimist Lessing eine „Theodicee der Geschichte".. Zeigen uns jene Gott in der Natur, so entdeckt Lessing Gott in der Geschichte. Sein Gott ist nicht überweltlich wie der aristotelische, nicht außerweltlich wie der kirchliche, aber auch nicht rein innenweltlich wie der spinozistische, sondern panentheistisch, d. h. er offenbart sich nicht bloß in der Natur, sondern daneben und darüber hinaus in der Geschichte. Die sittliche Weltordnung, die oräo orämaos, wie Fichte in seiner ersten Periode den Gottesbegriff deutete — das ist der Gott Lessings. Wie schon Paulus das mosaische Gesetz nur als lhutiaywyoc de y(>iez6vt als Vorbereitung und Hinleitung zum Christentum deutete, so sah der Optimist Lessing in allen Religionen ebensoviele Etappen in der „Erziehung des Menschengeschlechts". Gleich Jrenacus, Clemens von Alexandrien, Origenes, Tertullian und Augustin unter den Kirchenvätern, Jhen Khaldün unter den Arabern, und ähnlich wie Bodin (im Heptaplomeres) in der Renaissance, Pascal, Bosfuet, Montesquieu, Vico und Candorcet in der Neuzeit, packt auch Lessing das Wesen aller Religion von der sozialpädagogischen Seite an — unter glücklicher Anwendung der vergleichend-geschichtlichen Methode. Joachim von Floris kündet jenes „dritte Mich", das uns bei Lefstng, Kant, Fichte, Comte und heute bei Ibsen und Tolstoi wieder begegnet. „Erziehung ist Offenbarung, die dem einzelnen Menschen geschieht, und Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist und noch geschieht" (8 9). Und so setzt denn Lesfing der mechanischen Kausalität des Naturalisten Spinoza, die Lesfing für das Reich der Hatur voll gelten läßt, - seinen teleologisch gerichteten Gesichtsoptimismus für das Reich der geschichtlichen Zwecke, dem gefesselten Prometheus der natura naturans bei Spinoza, seiner starren logischen Weltmaschine' die geistige Persönlichkeit, die selbstbewußte Intelligenz Gottes entgegen. Der poetisierte Spinozismus-Lessings, der das ganze Aufklärungszeitalter auf den knappsten Ausdruck bringt, beherrscht die gesamte Klassik, bis später, durch Tolands Geschichtspessimismus vorbereitet, von Voltaires „Oanäiäe" und Rousseaus Tiraden großgezogen, die Romantik mit elementarer Gewalt durchbricht und an Stelle des hoffnungssreudigen Optimismus des achtzehnten Jahrhunderts an der Schwelle des neunzehnten ein winselndes Rückwärts zUm Mittelalter setzte. Wie Lessing und Herder, Schiller und Goethe, so widerstrebt auch Kant, den Eduard von Hartmann gern zum Pessimisten stempeln möchte, den; Banne Rousseaus, dem er in vielen Stücken verfallen ist. Das „radikale Böse" bei Kant ist pessimistisch nur für den Ursprung, aber optimistisch rücksichtlich der Zukunft des Menschengeschlechts. „Die Erziehung des Menschengeschlechts", sagt Kant am Schluß der Antropologie, „ist heilsam, aber rauh und strenge, durch vieb Ungemach und bis nahe an die Zerstörung des ganzen Menschengeschlechts reichende Bearbeitung der Natur, nämlich des vom Menscher: nicht beabsichtigten, aber, wenn es einmal da ist, sich ferner erhaltenden Guten aus dem innerlich mit sich selbst immer sich veruneinigenden Bösen." Und Paulsen ist in seiner Polemik gegen von Hartmann durchaus im Rechte, wenn er Kant eher an den Optimisten Nietzsche als an den Pessimisten Schopenhauer heranrückt. Denn „Kant setzt", wie Paulsen ausführt, „dem weichlichen Rousseauschen Zurück zur Natur!' ein männliches und tapferes: Hindurch zur Humanität! entgegen." Rückwärtsler und Vorwärtsler, Romantiker und Evolutionisten, heißt jetzt die Parole. Was ich gegen Romantiker, Mystiker und Materialisten vorzubringen habe, findet man in meiner. „Wende des Jahrhunderts" (Kapitel: Gefühlsanärchie) und im „Sinn des Daseins" (Kapitel: Rückwärtsler und Vorwärtsler). Hier liegt mir nur noch ob, die Ahnenreihe des Optimismus, die ich rückwärts bis zum iranisch -parsischen Kultursystem verfolgt habe, nunmehr vorwärts bis ins Herz unserer warmpulsierenden Gegenwart zu verfolgen. Ich führe den Perennierenden Kampf zwischen Lebensbejahung und Lebensverneinung, zwischen Daseinsfreudigkeit und Weltflucht, aus jene seelische Gedoppeltheit der Menschennatur psychologisch zurück, welche sich im Dualismus von Verstand und Gefühl äußert. Dementsprechend klassifiziere ich auch alle Mystiker und Romantiker unter die Rubrik: Gefühlsdenker, hingegen alle Rationalisten und Aufklärer unter die Bezeichnung: Verstandesdenker. Diese wollen im Hellen Sonnenlicht der Logik wandeln, und nicht im dämmernden Zwielicht unfaßbarer Gefühle. Sie fühlen sich nur behaglich in einer Welt der mathematisch-logischen oder historischen Beweisführung statt in der Dunkelkammer unkontrollierbarer Sehnsuchtsseuszer. (Schluß folgt.) - - / yüdilche Somam. Besprochen von Professor Dr. Ludwig Geiger. en einzelnen Artikeln, in welchen jüdische Romane von Zeit^ zu Zeit an dieser Stelle beurteilt wurden, mag hier eine zusammenfassende Betrachtung über mehrere in der letzten Zeit erschienenen Bücher folgen. Unter „Jüdischen Romanen" verstehe ich solche, in denen die Judenfrage behandelt