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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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Volksseele. Aber der hellenische-Lebensdrang ist. in Sokrates und Platon noch zu mächtig, als daß der beginnende buddhistische Wurmfraß sein Zerstörungswerk auf den ersten Anhieh hätte vollenden können. Nietzsches Bewertung des Sokrates ist ein Unglimpf. Sokrates selbst ist so wenig dekadent wie sein Schüler- Plato. Beide bleiben zu sehr Vollbluthellenen, als daß der buddhistische Eindringling ihren unverwüstlichen Lebenswillen hätte brechen können. Die utilitaristisch-eüdämönistische Ethik des Sokrates ist vielmehr bis aus den heutigen Tag das eigentliche Modell einer zukunstsfrohen, hoffnungsfreudigen Bejahung wie des Lebens so des Wissens. .Was Nietzsche unter Dekadenz versteht; Zusammenbruch des ^altgriechischen Schönheits- und Lebensideals, der Kalokagathie, das tritt erst drei Jahrhunderte nach Sokrates Tod in die Erscheinung. Der Siegeszug des Weltbezwingers Alexander des Großen, der die geschichtliche Brücke vom Orient zum Okzident, von Indien zu den Mittelmeerkulturen schlug, hat erst die Invasion buddhistischer Ideen geographisch erleichtert und in umfangreicherem Maße ermöglicht. Dev morbide Boden der zerfallenden Reiche von Judäa und Hellas vermochte nunmehr dem buddhistischen Eindringling keinen vitalen Widerstand mehr entgegenzüsetzen. Beginnt erst das nationale Leben so rapid abwärts zu gehen, wie im letzten vorchristlichen Jahrhundert in Judäa und Hellas, so ist kein Halten mehr. Die beiden Festen des natursreudigen Optimismus antiker Kulturen, die mosaische Religion und die hellenische Philosophie, vermochten sich dem mächtigen Ansturm buddhistischer Lebensverneinung gegenüber nicht mehr intakt zu behaupten. Die Bresche, welche der Buddhismus in die optimistische Feste des Mosaismus geschlagen hat, heißt: Nasiräertüm, Essener, Therapeuten, mit anderen Worten: pessimistisch angehauchte Sekten tun sich auf, welche den Gang der Weltgeschichte unübersehbar bestimmt, haben, zumal Jesus von Nazareth der asketischenSekte der Essener mindestens sehr nahe stand, wenn er nicht gar unmittelbar aus ihr hervorgegangen ist. Seinen literarischen Stimmungsausdruck findet der eindringende Pessimismus im Buch Hiob und im Prediger Salömonis. Ganz parallel.hat der aus Indien wie ein Samum über die Mittelmeerkülturen hinüberwehende Buddhismus in Hellas die Wirkung, daß der sich herausbildende Neupythagoreismus die pessimistischen Keime des alten zur Reife bringt, vollends der herrschend gewordene Neuplatonismus mit seiner geschichtslosen Emanationslehre die Geister bannt, die letzten Energien bricht, alle optimistische Schwungkraft und Flugesfreude lahmlegt. Für den Brahmanismus, die Vorstufe des Buddhisiüus, ist das Sein überhaupt, jede Existenz als solche ein Nichtseinsollendes, eine ewige Schuld, für welche es nur eine Sühne und nur einen Trost gibt: Rückkehr zur Einheit, zur eigenschastslosen Undifferenziertheit — Nirwana. Diesem Nirwana geht der Buddhist, nach einem Worte Oldenbergs, mit demselben Frohgefühl entgegen, wie der Christ dem ewigen Leben. Ist der Brahmanismus, wie Max Walleser jüngst gezeigt hat, Niederschlag uralter, geschichtlich nicht mehr kontrollierbarer religiöser Seelenstimmungen und philosophischer Ueberzeugüngen des indisch-arischen Kultursystems, so erweist sich der Bud-' dhaiswus als die bewußte Schöpfung und Ausgestaltung einer Persönlichkeit, der Buddhas. Nach Oldenberg, dem besten Kenner des Buddhaismus, war die Anhängerschar Buddhas eine „Gemeinde von Mönchen und Nonnen"; sie nennt sich selbst eine „Gemeinde der Bettler". Prinz Vessantara, der spätere Buddha, will keine Seide tragen, weil man, um sie zu gewinnen, Würmer töten muß. „Wer ist der Weise", fragt Buddha, „der seinen eigenen Körper nicht als Feind betrachten würdej nachdem er ihn gesehen Hab?" Buddhas bekannte „Vier Wahrheiten" sind der Niederschlag wildesten Weltekels. Diese Mitleidsreligion mit ihrer pessimistischen. Weltbewertung und asketischen Lebensstimmung dringt,' wie religiös in den Essenismus und philosophisch in den Neuplatonismus, so dogmatisch in. das sich ausbauende Christentum ein. So hat Rudolf Sehdel in zwei Werken, das Evangelium von Jesu in seinem Verhältnis zur Buddha-Sage, 1882, Buddha und Christus, 1884, .dargetan, wie starke Einwirkungen, die sich bildende Christengemeinde von: Buddhismus erfahren hat. Daseinsmüdigkeit und Weltfluchi, leidenschaftliche Abkehr vom Diesseits und hypnotisches Hinstarren auf ein Jenseits, Verachtung des Fleisches und Verwerfung aller Schönheit, wie sie unter Gnostikern und einzelnen Kirchenvätern zu erregtem deklamatorischen Ausdruck kommen, weisen ebensoweit von Hellas und Judäa weg, wie auf den Ganges hin. Die Lehre vom „Sündensall"- von der „Prädestination", insbesondere der Prädestination zur Sünde, die Contemptus mundi Innocenz III., erheben die buddhistische Weltverachtung zur offiziellen Doktrin der Kirche. Und was hier theoretisch gelehrt und verkündet wird, das setzen Anachoreten, Circumcelleonen, Flagellanten, zuletzt die Redenrptoristen in die Praxis des Leberts um. Die Verachtung des Fleisches wird zum großen Verhängnis des mittelalterlichen Kultursystems. Zum Glück gibt es auch eine Art von Naturheilverfahren im Seelischen. Der iranisch-parsische Lebenstraum, der irn Prophetismus und Messianismus der Juden sortlebt, ist durch seinen weltgeschichtlichen Antipoden, den pessimistischen Buddhismus, für eine geraume Weile in Acht getan, aber unterirdisch, gleichsam unter der Bewußtseinsschwelle des christlichen Kultursystems, wird er zäh und unbeirrt weitergeträumt. Das Buch „Jesus Sirach" und die „Sibhllinischen Orakel" spinnen den messianischen Traum weiter, wenngleich der „Erlöser" schon gekommen ist. Es wimmelt wieder von Weissagungen. Ezechiel und Daniel mit ihren apokalyptischen Verzückungen leben wieder auf. Die christliche „Gnosis" ist voll von Verkündigungen kommunistischer Ideale und von Zukunftstrüumen eines Himmels auf Erden. Der Parsismus mit seiner zukunstsfreudigen Lebensbejahung feiert seine Wiederauferstehung in der Verkündung des kommenden Weltfriedens, des tausendjährigen Reichs, der vollendeten Menschheitsbeglückung „am Ende der Tage". Man nennt diese messianische Unter- und Nebenströmung die eschatologische Tendenz und ihre sektiererhaften Vertreter sind die Millenarier oder Chiliaften, welche das „tausendjährige Reich", die kommende Beglückung des Menschengeschlechts lehren. Der glänzendste Vertreter eines universalistisch gestimmten Optimismus ist und bleibt Jesajas. „Und es wird am Ende der Tage sein, fest ist der Berg des Herrn auf der Bergesspitze; er ragt unter den Hügeln empor und zu ihm strömen alle Völker der Erde." „Er richtet zwischen den Völkern, entscheidet unter den Nationen; sie schmieden ihre Schwerter zu Sicheln um, ihre Spieße zu Winzermeffern; nicht mehr erhebt . Volk gegen Volk das Schwert und sie lernen nicht mehr den Krieg." „Und es wohnt der Wolf mit dem Lamm, der Leotzgrd.. lagert mit dem Böcklein, Kalb, Leu und ein gemästetes Rind zusammen — und ein kleiner Knabe führt sie an. Kuh und Bär weiden vereint, so lagern sie ihre Jungen, und der Löwe genügt sich gleich dem Rind am Stroh. Es spielt der Säugling am Loch der Natter, auf Basilisken-Höhe hebt er sein Händchen. Die. Herdenverheeren und verderben nichts auf dem Berge meines Heiligtums, denn v oll ist die Erde von Erkenntnis, wie Wasser das Meer bedeckt!" ,Der Erlöser, wie Jesajas ihn zeichnet, „richtet nach Gerechtigkeit die Armen und entscheidet

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