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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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ritterliches Weidwerk bezeichnen. Und, um von der Tierhatz nicht zu sprechen, was ist es, edle, ritterliche Herren mit der Menschenhatz, die jetzt so eifrig betrieben wird? Wo ist der Moliöre, der uns nochmals die Tartüfferie in beißender Satyre vorsührtr? Das bunte politische Treiben wirst bei uns auch seine Schatten auf unser Gemeindeleben. Auch in den jüdischen Kultusgemeinden wird jetzt viel in Wühlerversammlungen gesprochen und versprochen. Die Herren Kandidaten werben um die Gunst der Herren Wähler, und jeder rettet das Judentum auf seine Art. An Parteien hat es uns bekanntlich nie gefehlt, und auch wir haben jetzt unsere Liberalen, unsere Schwarzen und Roten. In einer großen Gemeinde Oesterreichs haben sich jüngst die Kultusvorstandswahlen unter solchen lärmenden Zeichen vollzogen. Wie wenn es sich um große politische Fragen hier gehandelt hätte, also standen sich die Parteien hier gegenüber. Timokraten und Demokraten arbeiteten mit Hochdruck' und Droschken, um die säumigen Wähler, die den Sonntag zu ihren Karten- und anderen Partien so gern benutzen, zur Wahlurne zü bringen, zu führen, zu — schleppen. Und wenn wir alle diese gemachten Parteien und künstlich heraufbeschworenen Parteiungen betrachten, fragen wir uns, ist dies jüdisch oder ist dies nicht recht eigentlich Chukkat ha Goi, d. h. mutwillige Uebertragung fremder Unsitte auf unser altes Judentum! Und, wenn man schon Wählerversammlungen veranstaltet, gebe man allen Meinungen freien Raun:, sich zu äußern. So mutete es uns sehr sonderbar an, als in einer Wiener Wählerversammlung ein der Besprechung sehr bedürftiger Fall einfach niedergeschwiegen wurde, weil es gewissen Herren unangenehm war, daß darüber gesprochen werde. Es handelte sich unr einen Konflikt zwischen einem Religionslehrer und seinen: ihm von der Gemeinde bestellten Vorgesetzten. Besonders über Religionsunterricht, über die Stellung der Lehrer, über die oft ganz ungeschickten Uebergriffe der bestellten Inspektoren kann nie genug gesprochen werden. Unter uns können wir uns schon über unsere Fehler, die uns, wie allen Menschen anhaften, gebührend aussprechen. Wir müssen unsere Wäsche nicht vor aller Leute Augen waschen, nicht Unberufenen Eintritt in unsere Versammlungen gewähren, aber, wie wollen wir heilen, wenn wir nicht die Finger auf die Wunde legen? War Jesaias kein Jude, war es Jeremias nicht? Mußten sie nicht „ihren: Volke seine Sünde verkünden, den: Hause Jakob sein Vergehen!" Mit blutendem Herzen müssen wir es oft tun, aber geschehen nmß es doch, daß wir auf die vielen Brüche Hinweisen,, an denen „das Haus Jakob" leidet. Wenn wir also von der Oeffentlichkeit schon lernen, so lasset uns inssondere das annehmen, daß wir freimütig über das Viele sprechen und verhandeln, was uns zu tun obliegt. Nur keine falsche Scham laßt uns zeigen und nicht der verkehrten Anschauung wollen wir huldigen, daß wir durch freie Aussprache dem Judentum schaden. Wir wollen unser Rüstzeug nicht ans dem Antisemitenarsenal nehmen, aber es auch nicht unterlassen, von dem Gegner zu lernen, wo wir von ihn: lernen können. Es wäre gefährlich, heute, wo die Parteien sich so laut und öffentlich bekän:pfen, im Judentum Vogelstrauß- Politik zu betreiben. Nur geschehe alles mit Rühe und Würde. Marschieren wir auch manchmal getrennt, wenn es gilt, die großen Fragen des Judentums zu entscheiden, wollen wir uns vereinigen. Und unsere Führer seien die Tüchtigsten, die Fähigsten. Gerade der Beste ist da gut genug. llvri. Die UhnkUMlerie ükL Optimismus. Von Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern. II. ine Geschichte des Optimismus ist bis auf den heutigen Tag noch nicht geschrieben. Während die Geschichte des Pessimismus von Olga Plümacher schon 1888 in zweiter Auflage erschien, und Eduard von Hartmanns „Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus" 1891 ebenfalls eine zweite, erweiterte Auflage erlebte, fehlt in der reichen, überreichen Literatur für und wider den Pessimismus — die siebziger und achtziger Jahre brachten uns, durch Schopenhauer, Bahnsen, Mainlaender und besonders durch Eduard von Hartmann angeregt, wohl an zwei Dutzend Monographien über den Pessimismus — jedes geschichtliche Eingehen auf den Werdegang des Optimismus. Selbst die inmitten der Hochflut des Pessimismus zaghaft und sporadisch auftauchenden Befürworter des Optimismus, wie Julius Duboc und Eugen Dühring (Der Wert des Lebens) lassen eine historische Skizze des Optimismus vermissen, was besonders bei Dühring um so auffälliger erscheint, als es gerade diesem Historiker der Wissenschaften nahe genug lag, den Optimismus von der geschichtlichen Seite zu packen. Für diese auffallende Vernachlässigung eines philosophiegeschichtlich so ergiebigen und dankbaren Stoffgebiets seitens der wissenschaftlichen Zunft lassen sich indes Erklärungsgründe beibringen. Zunächst sind die Vertreter des Optimismus in der philosophischen Vergangenheit so zahlreich, daß man die größere Hälfte der Geschichte der Ethik ausschreiben müßte, um alle diejenigen Denker aufzuzählen, welche sich ausgesprochen oder unausgesprochen, versteckt oder offenkundig, zum Optimismus bekannt haben. Die . Geschichte der Ethik aber hat in den schönen Werken von Leopold Schmidt, von Sidgwick, Theobald Ziegler, Karl Köstlin und Friedrich Jodl so ausgiebige Behandlung erfahren, daß es sich von selbst erübrigt, eine Spezialgeschichte des Optimismus zu schreiben. Die Pessimisten unter den großen Philosophen sind an den Fingern zu zählen. Unter den griechischen Denkern vornehmen Gepräges finden wir keinen einzigen ausgesprochenen Pessimisten. Solange eben das nationale Leben aufwärts geht, fehlt dem Pessimismus der Nährboden. Von Hegesias abgesehen, jenem wildgewordenen Hedoniker, der die Lustlehre seines Meisters Aristipp durch die Selbstmordtheorie, mit welcher er kontagiös seine Hörer ansteckte, auf den: Wege der Kontrastwirkung in ihr Gegenteil verwandelte, kennt das hellenische Altertum keinen Systematiker des'Pessimismus. Gewiß sind einzelne asketische Ideen durch die Berührung u:it de:n Brahmanismus auch in die griechische Gefühlswelt eingedrungen. So meint Theognis, wie später der Ekklesiast, es wäre das beste für die Erdenkinder, überhaupt „nicht geboren zu werden." Aehnliche Anwandlungen von persönlicher Trübsal begegnen uns bei den Tragikern, besonders bei Sophokles. Die orphischen Mysterien, der pythagoreische Bruderbund, die Platonische Akademie — sie alle haben nicht n:ehr jene jungfräuliche Lebensfrische, jenes naturfreudige Jasagen zu allem Schönen, wie es Nietzsche in seiner Gegenüberstellung von dionysischer und apollonischer Lebensauffassung so markig und kraftvoll zu geschichtlichem Ausdruck gebracht hat. Die pythagoreisch-orphische Herabsetzung des menschlichen Körpers, nach welcher der Leib zum „Kerker" und „Sarg" der Seele herabsinkt, während er früher den Inbegriff des begeistertsten Schönheitskults gebildet hatte, legt sich wie ein rauher Reif aus die daseinssrohe, lebenstrunkene Morgenfrische der von brahmanischer Weltmüdigkeit noch unberührten griechischen

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