Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228633--61327-3275146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vVi:. wmms»rnmmmsmR --- 604 - 'WWNWM8OMMNWM8 iä) spreche von russischen Juden, höre ich allenthalben den Wunsch aussprechen, Port Arthur möge von den Japanern genominen werden, „damit die Regierung sich endlich zum Frieden bequeme". £ Die Botschaft des Präsidenten Roosevelt hat in dieser Woche allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es befinden sich darin auch zwei Stellen, die für uns von großem Interesse sind. Zunächst führt die Botschaft bezüglich der Einwanderung und Naturalisation aus: „Es wäre absurd, einen Unterschied machen zu wollen zwischen dem Manne, dessen Eltern nach Amerika einwanderten, und dem Manne, dessen Vorfahren schon vor mehreren Generationen landeten. Jeder sei berechtigt, lediglich nach seinem Werte als Mensch beurteilt 31t werden. Aus welchem Lande die Einwanderer kämen, sei gleichgültig; wenn sie körperlich und geistig gesund, vor allen Dingen aber guten Charakters seien, dann solle man sie mit herzlicher Gastfreundschaft bewillkommnen." Ebenso interessant ist der Passus der Botschaft, der auf die Rechte a m e r i k a ni scher Bürger im Auslände Bezug nimmt, „die, ohne Rücksicht auf. deren Glauben und Rasse, mit Festigkeit gewahrt werden müßten". Es heißt dann weiter: „Es habe sich als sehr schwierig erwiesen, von Rußland für die amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens die Bewilligung des Rechts zu erreichen, Pässe zu erhalten und in Rußland zu reisen. Wenn ein amerikanischer Bürger, Jude oder Christ, sich in Rußland schlecht führe, könne er ausgewiesen werden; führe er sich aber so, wie es sich gehöre, so sei es ein Unrecht, ihm nur auf Grund seiner Rasse oder seiner Religion den Paß zu verweigern, und die Vereinigten Staaten seien berechtigt, gegen solches Unrecht Einspruch zu erheben:" Wie ans diesem ziemlich gewundenen Satze unzweideutig hervorgeht, ist in der Frage der Behandlung amerikanischer Staatsbürger jüdischen Glaubens augenscheinlich bei Rußland noch kein Erfolg erreicht worden. Wir können das noch bestimmter auf Grund zuverlässiger Informationen aus erster Quelle versichern. Rußland hat damals durchaus nicht, wie allgemein versichert wurde, in die Forderung Amerikas eingewilligt, sondern erklärt: „Man wäre jetzt im Ministerium des Innern damit beschäftigt, eine Revision der Paßvorschriften für die Jirden im allgemeinen vorzunehmen." Das war alles. Die Sprache der Diplomatie mag dafür einen vorsichtigen Ausdruck haben. Im bürgerlichen Leben nennt man das einfach: Hinhalten. Und gerade die internationale Diplomatie weiß sehr genau, daß Rußland in dieser Beziehung wahrhaft groß dasteht. Lriek aus Velterreich. Ende November 1904. 4n unserem Oesterreich pulsiert das öffentliche, politische >^7 Leben ungemein lebhaft, wenn man es nach den Landtags- und.Neichsratssitzungen, nach den Ansammlungen und Demonstrationen Von Studenten, Arbeitern, Christlich-Sozialen,' Sozialdemokraten und nationalen Demokraten, denn auch mit dieser Couleur sind wir gesegnet, beurteilt. Alle diese Tagungen, Versammlungen, Aufläufe und Demonstrationen haben ein kennzeichnendes Merkmal: es wird überall geschimpft, viel geschimpft, und an Kraftäußerungen, die sich besonders in dem parlamentarisch gewordenen „Pfui" offenbaren, fehlt es nirgends. In der Tat ist der Ruf, der in unserem Parlamente vor Jahren von dem urwüchsigen klerikalen Tiroler Abgeordneten Monsignore Greuter zuerst, ausgestoßen wurde, bezeichnend für viele unserer Verhältnisse. Der niederösterreichische Landtag, mit seiner antisemitischen Majorität, die eigentlich den Heerbann der klerikalen Hochburg darstellt, gibt wahrlich mehrfach Anlaß, daß wir unwillkürlich seine Verhandlungen mit einem Wörtchen kritisieren, es ist das ästhetisch nicht zu billigende aber dennoch so richtige, die Wahrheit kennzeichnende „Pfui". Mit Aesthetik allein kommt man eben nicht immer der Wahrheit nahe. — Sie haben wieder in Weltverbesserung recht viel „gemacht", die Herren im niederösterreichischen Landtag, die Herren Geßmann und Scheicher und Genossen. Vor allem haben sie die Reichsvolksschulgesetze „verbösert", d. h. die Volksschule dem Klerus ausgeliesert. Wenn wir nicht sehr irren, steuern wir in Oesterreich mit vollen Segeln der konfessionellen Schule zü. Naive Gemüter in unserer Mitte sind mit dieser ganz einverstanden, sie wollen aber nicht nur die konfessionelle Volksschule, sondern auch die konfessionelle Mittelschule. Ob es jetzt an der Zeit ist, den klerikalen Heißspornen zu Hilfe zrr kommen, ist eine Frage, über die sich zum mindesten diskutieren läßt, jedenfalls würde die konfessionelle Schule einen Rückschritt bedeuten, einen Schritt, der zu noch größerer Abschließung des Judentums führen müßte. Wird es notwendig sein, dann werden die Juden sich gewiß ihre Schulen errichten, wie dies ja in Oesterreich auch vor der Erlassung des jetzigen Reichsvolksschulgesetzes der Fall war. Niemals aber dürfen wir Juden unsere Hand zur Verklerikalisiernng der Schule darbieten, und alles müssen wir vermeiden, wodurch wir unseren Gegnern die Möglichkeit geben könnten, uns noch mehr abzuschließen und zurückzudrüngen. Man hat sich im niederösterreichischen Landtage aber noch mit einer anderen Frage beschäftigt, die uns Juden sehr stark berührt: ich meine die Schächtsrage. Wieder wurden die alten Phrasen von der Tierquälerei, die angeblich das „rituelle" Schächten bewirkt, gehört und eine sehr merkwürdige Tatsache trat bei diesen Debatten hervor: Antisemiten, Sozialdemokraten, Klerikale und Liberale sahen wir in rührender Eintracht an demselben Strange ziehen, da es galt, den Jirden „eins am Zeug zu flicken". — Wir stellen fest, daß der sozialdemokratische Lehrer Seitz — ahnungsvolle Seele, merkst du etwas — gegen die Juden und ihren Ritus viel heftiger sprach, als Monsignore Scheicher und der „Talmudist" Schneider. Die Lehrer, ob sie nun an Volks-- oder Mittelschulen wirken, sind eben die echtesterr Antisemiten, sei es nun, daß sie dies verschämt oder unverschämt zeigen. Seitz, der Sozialdemokrat, Geßmamr, der Christlichsoziale, Scheicher, der Klerikale, Kolisko, der Deutschnationäle, angeführt von dem großen Brüller Bielohlawek, das ist doch eine nette Gesellschaft, und wir Juden können ahnen, wie es uns erginge, wenn die Pläne aller dieser „Volksvertreter" wirklich sich erfüllten. Die Herren Antisemiten, ob sie nun der sozialdemokratischen oder der christlichsozialen Seite angehören, benützen eben jeden Anlaß, um unsere angebliche Rückständigkeit zu demonstrieren und uns als fremdes Kulturelement zu kennzeichnen. Es müßte doch zuerst von Physiologen nachgewiesen werden, ob das Schächten ein grausameres Vorgehen bei der Tötung von Tieren sei, als das Abstechen, oder wie sie sonst heißen mögen die verschiedenen Arten, wie die Tiere ins Jenseits befördert werden, damit der Mensch ihr Fleisch genießen könne. Lächerlich war es, wie der betreffende Referent im Landtage das Schächten aus der Bibel ableitete, und sich nicht genug daran tun konnte über Grausamkeit zu sprechen, während hochgeborene und sehr wohledle Herren die Tierhatz sportsmäßig betreiben und diese als ein edles Vergnügen, als