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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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" J ‘ / ~* "" ''' ' ' " --- ‘ 603' - Das Bureau in Berlin wirdseitens des „Hilfsvereins der deutschen Juden" und der „Größloge U. 0. B. B." für Deutschland ins Leben gerufen; 3. daß periodische Konferenzen zur Behandlung der östlichen Emigrationsfragen zusammentreten. Die Einberufung steht dem Vorsitzenden des Berliner Bureaus für Jnformationszwecke zu, oder sie findet statt aus.Antrag einer der großen jüdischen Wohlfahrtsorganisationen. Nach Annahme, dieser Resolution, die fast einstimmig von der Versammlung gebilligt wurde, ging man zur Erörterung von Detailfragen, der Lage einzelner Länder und Städte über. Das Ergebnis dieser Debatten läßt sich kurz in folgender Weise zusammenfasfen: Da die Answanderung infolge starker Ansammlungen in den Großstädten Englands und infolge der vielfach traurigen . Lage des jüdischen Proletariats in Amerika keine Aussicht auf eine Linderung der Not bietet, so erklärten sich die verschiedenen Organisationen bereit, zur Besserung der Lage der osteuropäischen Juden in deren Heimatländern nach allen Achtungen, insbesondere auch durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheiten entsprechend den Landesgesetzen helfend beizutragen. Der Vorsitzende Herr James Simon schloß mit Dankeswtzrten die durchaus harmonisch verlaufene Versammlung mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die gefaßten Beschlüsse zum Segen, der. Glaubensgenossen gereichen nrögen. * Im Reichstag haben bei der Etatsdebatte die antisemitischen Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg und Zimmermann nicht unterlassen, die üblichen Scherze vorzubringen. Nach der Abfertigung, die diese im vorigen Jahre erfahren, hätte man meinen sollen, daß sie diesmal nicht wiederkehren würden. Indes, das war eine Täuschung. Der Vorschlag einer „Wehrsteuer für die Judenschaft" ist ein so wohlfeiler Witz, daß ein geschmackvoller Redner schon deshalb darauf verzichtet hätte. Schlimmer steht es schon um die Aeußerungen über die jüdischen Soldaten in der russischen Armee. Wir haben wiederholt die große Zahl dieser angegeben. Zahlreiche Beispiele ihrer Tapferkeit und Hingabe gingen durch die deutschen Blätter. Aber für die Herren Antisemiten existiert dies alles nicht. Wenn sie auf der rechten Seite des Hauses mit ihren Witzen Lachausbrüche erzeugen können, so ist ihnen das viel wichtiger als alles andere. Der Abgeordnete Schräder hat daher recht getan, daß er am folgenden Tage der Debatte die Sache nicht unnötig aufgebauscht, sondern die gegnerischen Angriffe kurz und scharf mit dem Hinweis darauf abgeführt hat, daß die deutschen Juden sich ja gerade darüber mit Recht beschweren, sie würden im Heeresdienst nicht genügend berücksichtigt. Noch weniger Glück hat der Abgeordnete Zimmermann selbst bei der Rechten gehabt, als er die große Entdeckung vorbrachte, die Art und Weise, in der Mirbach die Gelder für den Kirchenbau aufbrachte, sei nicht christlich, sondern jüdisch gewesen, „so jüdisch, daß die jüdischen Bankiers einen Schrecken davor bekommen haben." Hoffentlich erfährt auch dieser Ausfall noch seine gebührende Zurückweisung. & Die englische Regierung wird also auch in dieser Session wieder die verunglückte Fremdenbill einbringen. Das ist die neueste Mitteilung aus London. Kaum hat sich der Ministerpräsident Balfour von seiner Krankheit erholt, hielt er eine Rede' vor der Primelnliga und zog gegen die „mweLlrable alieus" los und die bösen Liberalen, die in der letzten Tagung den von dem Minister des Innern eingebrachten Gesetzvorschlag zur Erschwerung der Einwanderung zu Falle gebracht haben! Das genannte Gesetz war dem Wortlaut nach nur auf die unerwünschten Fremden, die aus dem Ausland nach England kommenden Verbrecher, Notarmen und ansteckenden Kranken gemünzt, aber es war, wie aus den Verhandlungen klar hervorging, nur das dünne Ende des Keils, dessen dickes Ende alle in-London seßhaften Ausländer treffen sollte. Im Auge des Mannes in der Straße, zu dem Herr Chamberlain und Herr Balfour sprechen, sind alle Fremden unerwünscht, weil sie ihm, in den Worten der „Daily Mail" und des „Daily Expreß", das Brot aus dem Mund nehmen. Der nichtjüdische Berichterstatter eines deutschen Blattes, der wohl in den letzten dreißig Jahren nie einem Engländer Wettbewerb gemacht oder das Brot aus dem Munde genommen, hat sich trotzdem von einem Engländer sagen lassen müssen, daß es Zeit sei, einzupacken und heimzureisen, Die Hetze richtet sich also nicht bloß gegen die Juden des Ostens, sondern gegen alle Fremden und ganz besonders gegen die Deutschen, deren erfolgreicher Wettbewerbe auf allen Gebieten den Stockengländern längst ein Dorn im Auge ist. Die heimischen Antisemiten werden also gut daran tun, ihren Jubel über die Anti-Alienistenbewegung in England einigermaßen zu dämpfen. - & Ohne Frage herrscht in Rußland gegenwärtig eine starke Bewegung, um verfassungsmäßige Zustände zu erlangen. Der Kölnischen Zeitung wird sogar unter allem Vorbehalt aus Petersburg' das Gerücht' gemeldet, Fürst Swiatopolk-Mirsk habe ein aus 42 Punkten bestehendes Reformprogramm ausg'eärbeitet, das bereits die Billigung der leitenden Kreise gesunden habe. Ferner soll der judenfeindliche ' Gouverneur von Moskau, Großfürst Sergei, seinen Abschied genommen haben. Offenbar liege etwas in der Luft, was die Erfüllung von berechtigten Wünschen der Bevölkerung erheische. Die Landschaftsversammlung des Gouvernements Kaluga beschloß, an den Kaiser eine Ergebenheitsadresse zu senden, in der darauf hingewiesen wurde, daß nur ein freies Wort aufrichtig, daß nur das Wirken gleichberechtigter persönlich unverletzlicher Bürger produktiv sei. Nur ein freies Gewissen und Gebet in offenen Gotteshäusern aller Glaubensbekenntnisse sei rein. Falls der Kaiser einst die Volksvertreter zur staatlichen Mitarbeit beriefe, würden diese eine starke Macht bilden, um dem Monarchen zu Helsen, das Land auf dem Wege friedlicher Entwicklung aller geistigen und industriellen Kräfte zu fördern zum Wohle zukünftiger Geschlechter und zum Ruhme der Regierung des Kaisers. Sogar in Regierungskreisen wittert man Morgenluft. In der Gewerbesteuerkommission erklärte der Gehilfe des Finanzministers, Herr Timiriasew, daß die jetzige erhöhte Besteuerung jüdischer Handelsreisender bald ausgehoben werden wird. . Dagegen herrscht im Lande selbst noch tiefes Dunkel. In Homel fanden in den letzten Tagen fortgesetzt Verhaftungen und Haussuchungen statt, — natürlich nur bei Juden, da nämlich in der nächsten Zeit auch in der Gegend mobil gemacht werden soll und die jüdischen Arbeiter organisiert sind und nicht daran denken, sich einfach abschlachten zu lassen, so versuchen die Behörden, die befürchteten Unruhen auf diese Weise im vorhinein zu verhindern. Auch der Prozeß wegen der Judenkrawalle wird in einer Form geführt, als sei Plehwe noch Minister. Die Polizei wird vom Staatsanwalt verteidigt und die Verteidiger werden vom Präsidenten in der Ausübung ihrer Pflicht beschränkt. In weiten Kreisen macht sich ein starker Pessimismus bemerkbar. Ein Berichterstatter deutscher Blätter schreibt: „Von Russen, ich möchte Russen unterstreichen, damit nicht jemand aus den Gedanken komme,

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