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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-16 · Heft 51 (16.12.1904) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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zu verdienen imstande waren. Nicht minder Gutes ist auch aus den Arbeiten des in Meinet, Tilsit und Königsberg domizilierten älteren westrussischen Hilfskomitees hervorgegangendie sich ebenfalls Planmäßig die geeignete Erziehung der Kinder der Emigranten angelegen sein ließen.- Um welches prächtige Menschenmaterial es sich dabei handelt, dafür sind neulich auch von Rechtsanwalt Makower junior Beweise genügend beigebracht worden. Beweise dafür, was ein Kulturstaat aus diesen unglücklichen aber^ tüchtigen Menschen machen könnte, die ja zudem jetzt meistens nicht ganz mittellos an die Emigration herantreten; es sei aber hier zum Schlüsse nur das Zeugnis eines echten Russen, eines hohen Beamten wiedergegeben. Als Zar Nikolaus I. im Jahre 1845 den Ministerialrat Karzeff verkleidet und inkognito nach den jüdischen Ackerbaukolonien in Südrußland schickte, erhielt er folgenden Bericht: „Das russische Volk verdankt die ganze Entwicklung seines Handels den Juden. Die Jahrhunderte lang betriebene Ausrottung der Juden im. westlichen Europa führte eine große Menge derselben in die slavischen Länder. Diese Juden, ^welche mit dem gepackten Sack auf dem Rücken und den Wanderstab in der Hand, die Produkte der damals noch halbbarbarischen Slavenländer zu den kultivierten Nachbarn im Westen und Süden brachten und die Erzeugnisse der letzteren'zu uns zurücktransportierten, waren die Pioniere der Zivilisation, welche die Verbindung zwischen Ost und West eröffneten und für unsere ersten Fortschritte mehr getan haben, als die Eisenbahnen für die Gegenwart." Abgesehen von der in diesen Auslassungen eines hohen russischen Staatsbeamten erwähnten geschichtlichen Reziprozität muß für uns westeuropäische Juden aber auch ein religiöser Grund mit bestimmend sein, daß wir der leider notwendig gewordenen Emigration gegenüber nicht müßig die Hände in den Schoß legen. Die Juden taufe ist auch in Rußland ein beliebtes Lockmittel, das naH dem Kriege geradezu wieder florieren wird. Ja es sind dort zahlreiche Scheintaufen stets vorgekommen, aus Not und Zwang, namentlich in Gouvernements, in denen die gehetzten Juden von allen Arten und Gelegenheiten des Erwerbs, ja vom Wohnrecht sogar ausgeschlossen waren. Als diese Unglücklichen, um die grauenvolle griechisch - katholische Taufe zu vermeiden, bei der sie das Andenken ihrer jüdischen Eltern unter wogenden Kirchenfahnen durch Ausspeien zu beschimpfen haben, protestantisch oder katholisch wurden, kam ein hoher Befehl, der jeden anderen Uebertritt als zur russischen „Rechtgläubigkeit" Prawoslawni verbot. Wohlan! Das Werk, das begonnen wurde, es ist auch vom Glaubensstandpunkt ein ernstes Werk, ein Werk, zu dem wackere Männer unserer Gemeinschaft aus vielen Ländern und den Zentren der Kultur zusanunenkamen, um die hilfreiche Hand zu bieten den unter doppelter Tyrannei leidenden Brüdern des Ostens, Täglich werden jetzt neue Mordtaten an Juden aus Polen gemeldet — über 70 Exzesse haben im letzten Monat stattgefunden — und es ist sicher, daß, wenn diese rechtlosen Zustände nicht aufhören, auch viele Bemittelte sich zur.Auswanderung entschließen werden. Diese Auswanderung, welche der Gewalt, dem durch den Krieg geschaffenen Elend, und den immer häufigeren Exzessen gegen die Juden notgedrungen entspringt, nicht etwa zu fördern, aber tunlichst in die richtige Bahn zu lenken, um die Emigranten vor schweren Schaden zu bewahren, dazu dient die jetzt geschaffene internationale Organisation, zu der sich alle hervorragenden jüdischen Verbände vereinigt haben. Nie Woche. . Be r l in, 13. Dezember, wir bereits mitgeteilt, fand am 4. und .5. d. M. 'in Frankfurt a. M.; bic . seitens des Hilfsvereins der deutschen Juden-und der Großloge - U. 0. B. B. einberufene Konferenz statt, zu dem Zwecke, eine Organisation für die osteuropäische Auswanderung zu schaffen. Alle großen jüdischen Organisationen sowie eine große Anzahl Privatpersonen, die für die Lösung der in Betracht kommenden Fragen besonders kompetent sind, waren eingeladen worden: Es waren vertreten: Deutschland, Dänemark, Frankreich, England, Holland, Oesterreich, Rußland, Rumänien und die'Schweiz. Am 3. d. M. fand die Regelung der Vorfragen, so die Wahl des Präsidiums, statt. Es wurden in das Präsidium berufen: James Simon, Berlin, für den Hilfsverein der deutschen Juden. Justizrat Dr. Timendorfer, Berlin, für die Großloge für Deutschland U. 0. B. B.; Direktor Dr. Ba e r w al d, Frankfurt a. M., für die Allianc6 Israölite Universelle; Charles L. Hallgarten, Frankfurt a. M., für das Frankfurter Lokalkomitee; H erman n Lan d a u, London, für die Angio Jewish Association; Wilh elm Papp en heim, Wien, für die Israelitische Allianz Wien; Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer, Köln, für das zionistische Aktionskomitee; Dr. M a rk Warschawsky', Petersburg; Advokat Dr. Stern aus Bukarest; Professor D. Simon sen, Kopenhagen. Es wurde darauf- Herrn Dr. Paul Nathan das Wort erteilt zum Referat über „Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation". An die Ausführungen des Referenten schloß sich eine überaus lebhafte und eingehende Debatte, in der allseitig anerkannt wurde, daß im Interesse der Juden Osteuropas eine Organisation der Auswanderung geschaffen werden müsse. Es wurde zugleich hervorgehoben, daß in keiner Weise Maßregeln ergriffen werden dürfen, die geeignet sind, eine Steigerung der Auswanderung herbeizuführen. Die Auswanderer haben insbesondere nicht auf Geldunterstützung seitens der Komitees zu rechnen. Die positive Aufgabe der zu schaffenden Organisation muß es vielmehr sein, die Auswanderer über die Vorbedingungen aufzüklären, unter denen allein ein Verlassen ihrer osteuropäischen Heimat ratsam ist. Es soll den Auswanderern alsdann auf ihrer Reise Rechtsschutz gewährt werden und es soll für eine möglichst billige und gute Fährt auf den Eisenbahnen und Schiffen gesorgt werden. Diese Aufgaben sind zu lösen von Komitees, die jedes einzelne Land im Anschluß an die bestehenden zuständigen Organisationen selbständig zu schaffen hat, insofern sie nicht vorhanden sind. Die nötigen Informationen für jene Komitees sollen durch ein selbständiges Bureau, das alle erforderlichen Materialien zu sannneln hat, herbeigeschafft werden. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Ländern wird gewährleistet durch periodisch wiederkehrende Konferenzen, entsprechend derjenigen, wie sie in Frankfurt a. M. stattgefunden hat. Diese Anschauungen der Versammlung fanden ihren Ausdruck in den nachstehenden Resolutionen: Davon ausgehend, daß in keiner Weise irgend etwas unternommen werden darf, was zur Auswand erumg ermuntern könnte, wird beschlossen: 1. Daß die einzelnen Länder Borsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde; 2. daß ein spezielles Bureau mit dem Sitze in Berlin für Informationszwecke gebildet wird. Die daselbst eingehenden Informationen werden den zuständigen Komitees zur Verfügung gestellt; die Organisationen behalten das Recht der unmittelbaren Einziehung der Information.

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