Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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geleistet. Der Ortsvorstand müsse die erforderlichen Räumlichkeiten;■ zur Verfügung stellen, das sei i^rcht bloß ein; Entgegenkommen, das sich schicke, sondern ein Entgegenkommen, das pflichtmäßig sei. Der augenblicklich nicht sehr besuchten Schule ''des Religionsvereins' Westen seien übrigens die Räume in der Joachimsthalerstraße vom Magistrat gekündigt worden, und es heiße mithin an dieser Stelle eine neue Religionsschule zu begründen, die jedoch mit Rücksicht auf die in der Lützowstraße befindliche Religionsschule, welche nach Ansicht des Herrn Rabbiners Dr. Weiße in ihrer Frequenz sehr stark leiden, würde, nur Provisorisch in der Joachimsthalerstraße errichtet und später nach Wilmersdorf verlegt werden sollte. Syndikus Dr. Minden tritt für den Antrag des Vorstandes und für die Resolution Sachs ein; in der Mehrheit sei man, wie er hinzufügt, im Schul-und Talmud-Thora-Vorstande nicht der Ansicht gewesen, daß die Schule Lützowstraße durch die Neuerrichtung leiden könnte. Prof. B la sch ke vertritt auch nicht den Standpunkt, daß eine Schule durch eine andere leiden könnte; speziell an einer Neligionsschule sei die Aussicht auf Erfolg des Unterrichts um so größer, je geringer die Zahl der Schüler in einer Klasse sei. Kommissar Sanitätsrat Stern erinnert, daß die Bemühungen um Räumlichkeiten in Wilmersdorf schon seit etwa zwei Jahren vergebliche seien, doch der Gemeindevorftand werde nicht Nachlassen, mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln und mit unnackisichtlicher Energie die Behörde von Wilmersdorf zu Veranlassen, sich ihrer Verpflichtung nicht zu entziehen. Der Gemeindevorstand stehe auf dem Standpunkt, daß die Schule definitiv in der Joachimsthalerstraße verbleiben und später eine Schule in Wilmersdorf errichtet werden solle. Eine bereits beschlossene Statistik werde darüber Auskunft geben, wieviel jüdische Kinder im Bezirke Wilmersdorf Religionsunterricht nicht genießen. Herr Louis Sachs gibt die Zahl der im äußersten Westen wohnenden jüdischen Einwohner auf 3169 an; für die Zöglinge dieser Einwohner würden mithin vier Schulen, nämlich Charlottenburg, Schöneberg, Joachimsthalerstraße und später in Wilmersdorf, bereit gestellt werden können. In der Abstimmung wurde der Antrag des Vorstandes betreffs Uebernahme der Religionsschule und die Resolution Sachs einstimmig angenommen. Zur Leitung der Schule ist Rabbiner Dr. Kroner, welcher die Religionsschüle des Shnagogenvereins Westen jahrelang aus eigenen Mitteln erhalten hat, verpflichtet worden. Zum Schluß der öffentlichen Sitzung wurde auf Anregung des Vorsitzenden Geheimrat Blumenthal beschlossen, vom Bureau der'Repräsentanten aus eine offizielle Glückwunschadresse an Geheimrat Senator anläßlich seines 70. Geburtstages zu richten. Aus der geheimen Sitzung sind wir noch in der Lage mitzuteilen, daß der bisher seit mehreren Jahren als Prediger tätige Herr Dr. Malwin Warschauer nunmehr als Rabbiner angestellt worden ist. - s. Berlin, 6. Dezember. Heute feierte der allgemein verehrte Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Hermann Senator seinen siebzigsten Geburtstag. Senator, der zu den Autoritäten der Heilkunde zählt, wurde am 6. Dezember 1834. zu Gnesen geboren. Seine Laufbahn, sein ganzes Wirken als Arzt und akademischer Lehrer knüpft sich an Berlin. Hier studierte er vornehmlich unter dem Einfluß von Johannes Müller, Schönlein und Traube. Bei Johannes Müller war er drei Semester hindurch Amanuensis. An der Friedrich Wilhelm-Universität begann er 1868 seine Lehrtätigkeit, die ausschließlich dieser Hochschule gewidmet blieb. 1875 wurde er zum außerordentlichen Professor und vor fünf Jahren zum ordentlichen Honorar-Professor ernannt. Nebenher'ging eine umfangreiche konsultative und klinische Wirksamkeit. Während des deutsch-französischen Feldzuges machte er sich so verdient, daß ihm das Eiserne Kreuz am weißen Bande verliehen wurde. Mitte der 1870^er Jahre übernahm Senator die Leitung der inneren Abteilung des Augusta-Hospitals, und 1881 wurde er dirigierender Arzt bei der Charite. Nach dem Tode von Frerichs stand er vertretungsweise der ersten medizinischen K'linik vor. Zurzeit ist er Direktor der medizinischen Universitäts- Poliklinik und der dritten medizinischen Charite-Klinik. Die wissenschaftlichen Leistungen des verdienstvollen Klinikers bewegen sich auf den Gebieten der Physiologie, Pathologie und inneren Medizin, die er durch bedeutsame, in viele Sprachen übersetzte Arbeiten bereichert hat. Nicht der geringste aber seiner Ruhmestitel ist die innige Anhänglichkeit und Treue zum Judentum, die Senator zu einem weithin^ 'leuchtenden^ Beispiel und Muster für alle Jünger^ seiner Wissenschaft macht.' Möge es dem verehrten Meister noch lange beschieden fein, zu wirken und zu schaffen zum Heil der-Wissenschaft/ zur Ehre-der Gemeinschaft, der er entsprossen! ■ 8. Berlin, 1. Dezember. Im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach heute Herr Professor Dr. Klein/ Oberrabbiner in Stockholm, 'über das Thema: „Die jüdischen Quellen des Vaterunser." Der Redner ging davon aus, daß es sowohl in Dilettantenwie in wissenschaftlichen Kreisen jetzt Mode geworden sei, die Bedeutung des Judentums für die Entstehung des Christentums herabzufetzen. Nach Kleins Dafürhalten ist die Urform des Vaterunser im Evangelium Matthäus zu suchen, denn nur in dieser Form entspricht das Gebet den Anforderungen, die an ein jüdisches Gebet gestellt werden müssen. Nach talmudischer- Anschauung soll ein Gebet aus drei Teilen bestehen: es beginne mit einer Verherrlichung Gottes, darauf folge das individuelle Gebet, die Tefillah, und den Schluß bilde eine Doxologie, eine Danksagung. Genau nach dieser Einteilung enthalten die ersten drei Bitten des Vaterunser eine Verherrlichung Gottes, die mittleren die eigentliche Tefillah und die siebente Bitte enthält die Doxologie. Wichtige" Parallelen zum Vaterunser finden sich in der talmudifchen Literatur wie in der jüdischen Liturgie (Kaddischgebet), wie der Redner im einzelnen ausführt. In trefflicher Weise zeigte er, daß im Vaterunser Geist vom jüdischen Geiste wehe. Israel hat, so schloß der Redner, seit der Psalmistenzeit die Völker der Welt beten gelehrt, durch das Gebet die Welt erleuchtet und erwärmt. Ein Rückblick auf das, was Israel geleistet, auf den Segen, der aus den Hütten Sems hervorgegangen ist, gibt uns Mut, auszuharren in bitterer Zeit. Und so bürgt denn die Vergangenheit Israels . für die Zukunft. — Der gelehrte Redner gab in seinen mit wiederholtem lebhaften Beifall aufgenommenen Ausführungen einen höchst interessanten und lehrreichen Beitrag zur Geschichte des Gebets.— Der Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, gab darauf den üblichen Geschäftsbericht, aus dem wir hervorheben, daß aus Hamburg 140 Nemneldungen von Mitgliedern eingetroffen sind und daß in diesen Tagen die erste Versammlung des Zentralvereins in Bayern stattfinden wird. E. L—y. Berlin, 5. Dezember. Der Verein zur Pflege hebräischer Musik gab am 4. d. M. im Saale der Sing-Akademie sein erstes Konzert. Der neugegründete Verein wird seine eigentlichen Ziele und Zwecke erst durch spätere Veranstaltungen zu erweisen haben; was er am Sonntag bot, ist schon an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Gelegenheiten in ähnlicher Weise gehört worden, eine Vorführung mehrerer nach mutmaßlich althebräischeu Original- Melodien von dem Dirigenten des Vereins Herrn Kapellmeister Kellermann sehr geschickt harmonisierten und stilgerecht für Solo und Chor bearbeiteten Gesänge. Nicht auszulöschen ist bei der ganzen Art dieser Musik allerdings der immer wiederkehrende Eindruck, daß die Melodien eher der weitesten Verbreitung gefunden habenden Volksmusik aus dem 15. und 16. Jahrhundert und noch späterer Zeiten, als einer wirklich originalen Musik des alten Judaea, von der wir vorläufig noch gar keine auf authentischem Material beruhende Vorstellung haben, entstammt. Immerhin bleibt das Verdienst des Vereins und die rührige Tätigkeit des Dirigenten anerkennenswert. Das Programm bestand aus sechs Nummern Soli- und Chor-Gesängen auf Psalmentexte und einem Quartett für Streichinstrumente aus ähnlichen Melodien zusammengesetzt von Paul Ertel. Die Ausführung ließ nichts zu wünschen übrig. Der Chor war von Herrn Kellermann trefflich einstüdiert; die Soli lagen in den bewährten Händen von Frau Heymann-Engel, Frau Lina Goetz-Levy und Herrn Alexander Heinemann; das Ertel'sche Quartett .wurde von den Herren Konzertmeister Dessau, Gehwaldt, Kaenneke und Espenhahn künstlerisch exekutiert. Alle Ausführenden ernteten reichsten Beifall von dem zahlreich erschienenen Publikum. r. Danzig, 2. Dezember. Ein schlichter Mann aus dem Volke, der fast 80jährige Hermann Rosenberg, wurde gestern auf dem jüdischen Friedhose auf Stolzenberg zur letzten Ruhe bestattet. Still und einfach, wie er gelebt und gewirkt, wurde dieser.würdige Greis der Erde übergeben. Aber nicht nur seine eigenen Glaubensgenoffen waren es, die ihm in großer Anzahl das Ehrengeleit gaben, auch eine Deputation unserer Leibhusaren, an ihrer Spitze Generalleutnant