Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.Heimatsnest zu einer einzigen, großenvon keinen Politischen Grenzen beengten, über die ganze, bewohnte Erde ausgebreiteten Gemeinde. Ich werde schier eingebildet, wenn ich lese, daß es um die Wende vom XIII. zum XIV. Jahrhundert (1207—1330) in Italien einen jüdischen Poeten, namens Immanuel ben Salomon ben Jekutiel gegeben hat, der mit Dante befreundet war und diesem in seiner Dichtung „Die Hölle und das Paradies", durch die „Divina commedia" angeregt, ein Denkmal setzte. Ich sehe mich, das -Porträt Adolf Jellineks betrachtend, in einen Park bei Wien versetzt, da stehe ich, an einem lichten Maitage, durch einen engen Lackstiefel' gequält, als Bräutigam unter der Chuppe, deren vier Stangen von drei Schriftstellern und einem unvergeßlichen Vurgschauspieler gehalten werden, und Rabbi Jellinek hält mir eine unbarmherzig lange Trauerrede, von den eigenen wunderschönen Perioden trunken, die ihm, einem der größten Kanzelredner des Judentums, von den Lippen strömen. Dann wieder, den Essay über die „Chassidim" überblickend, erinnere ich mich eines Vortages des Neujahrsfestes, an dem ich dem „guten Jüd" in Sadagora gegenübersitze, staunend über diesen Fetisch und Abkömmling einer Dynastie von „guten Jüden", vor dem Hunderttäusende gläubig im Staube liegen und der doch an Persönlichkeit und geistigem Habitus so blutwenig von einem Herrscher über Legionen von anbetenden Menschen hat. So stoße ich, in dieser Jewish Encyclopedia blätternd, immer wieder auf eigene Erinnerungen und eigenes Erlebnis. Es ist , wie der fortwährende Schein der Jahrzeitlichter daheim im Dämmer der Synagoge. Wir haben, liebe Freudin, einst, als wir jung waren, so oft nach dem -Urheber des unvergleichlich schönen deutschen Wortes „Jahrzeit" gefragt und nun lese ich in der lewisd Encyclopedia, daß es ein ungarischer Rabbi, Moses von Tyrnau, im XVI. Jahrhundert war, bei dem es zuerst sich befindet. Welch intimer Reiz liegt doch in alledem! Und in der Tat, dieses Persönliche in den Zusammenhängen mit Menschen und Dingen ist es, was dieser Jewish Encyclopedia neben aller Wissenschaftlichkeit und belehrenden Fülle eine unwiderstehliche Anziehungskraft verleiht. „Ihr dürft mir fluchendenn ich bin ein Jude!" sagt Uriel Acosta in heißer Wallung zu den Ketzerrichtern des Amsterdamer Rabbinats; man sagt es ihm demütig nach, indem man, obgleich längst hinausgewachsen über den engen Zirkel der Gemeinde, zurücksinnend für eine Weile in die Fülle der Stammestradition und der Stammesgeschichte sich versenkt. Mein Kind, wir waren Kinder, und alles geht vorbei, sang Heine in dem unvergänglichen Gruße an seine Schwester. Sie Lsilrrin drs Mtrns. Historische Novelle von Eduard Noth. Achtes Kapitel. Der Verrat. I^inige Augenblicke nachher erschien die Königin in ihrem Arbeitsgemache, wo sie ihre vertrauten Räte empfing und wo so oft ihr reicher Geist im Kreise der Philosophen reiche Nahrung fand. Hier erwartete sie bereits Zabdas, der Oberfeldherr der Truppen. „Die Götter grüßen Dich, erhabene Königin," sagte er, indem er sich tief zu Boden neigte. „Du hast mich hierher beschieden und ich eilte. Deinem Befehle Folge zu leisten." „Ja, mein tapferer Zabdas, die Zeit des Friedens für unser Land scheint zu Ende." „Wer bedroht uns?" fragte, der Feldherr. „Wer sollte es wagen, sein Schlachtenglück mit dem unseren zu messen?" - „Mir däucht," entgegnete die Königin, „daß jener niedrig geborene Aurelian Böses im Sinne hat." v „Mag er doch kommen!" rief zornfunkelnd der Feldherr, „so es ihm gelüstet, den Hyänen der Wüste zum Fräße hingeworfen zu werden/' Und wilde Glut loderte in seinen Augen. ' „Longius," nahm jetzt wieder die Königin das Wort, „vernahm die Mär, daß der Kaiser schon auf dem Wege nach Palmyra sei." ,,Das sein Grab werden möge . . ." „Und darum sandte ich nach Dir, o Zabdas, auf daß Du die Botschaft entgegennehmest, die der Römer mir sendet. Mir ahnt nichts Gutes!" „Wie, er sollte es wagen. Dir, mächtige Fürstin, die freche Stirn zu bieten?" „Noch weiß ich es nicht. Geh, Zabdas, und bringe mir die Botschaft, die mir Aurelian sendet." Einige Minuten später trat der Feldherr wieder in das Gemach, in dem die Königin, in tiefes Sinnen versunken, seiner harrte. Ein Blick in sein zornflammendes Antlitz ließ Zenobia erkennen, daß ihr Ahnen sie nicht getäuscht und daß es böse Kunde sei, die ihr aus Rom komme. „Dein Auge glüht in wildem Grimm," sagte sie, „reich mir die Rolle, auf daß ich mit meinen eigenen Augen sehe, was der Römer sich erdreistet." „Vergib, o Zenobia, doch entweihe Dein königliches Auge nicht, indem Du einen Blick auf diese Botschaft wirfst . . . ." „Die mir aber dennoch nicht verborgen bleiben darf," unterbrach ihn Zenobia. „Wohl ist Dein hoher Geist, o Fürstin, erhaben über diesen erbärmlichen Aurelian und sein kühnes Unterfangen. Allein zu schamlos frech ist es, was er Deiner königlichen Würde zu bieten wagt." „Verkünde mir den Inhalt seines Schreibens!" gebot kurz Zenobia. „Aurelian, Kaiser des römischen Reiches," begann nun seufzend der treue Feldherr, „an Zenobia und alle jene, die mit ihr durch Waffengenossenschaft verbunden sind! Aus freien Stücken hättet Ihr tun müssen, was Euch jetzt durch Mein Schreiben anbefohlen wird. Ich gebiete Euch, die Stadt zu übergeben, die Krone von Palmyra niederzulegen und verheiße Euch Sicherheit des Lebens unter der Bedingung, daß Du, o Zenobia, dort Dein Leben zubringst, wohin ich Dich nach dem Beschlüsse des erlauchten Senates bringen werde. Edelsteine, Gold, Silber, Seide, Pferde und Kamele müßt Ihr in den römischen Staatsschatz abliefern. Den Palmyrenern sollen ihre Gerechtsame ungeschmälert bleiben, es sei denn. . „Genug!" unterbrach ihn zornflammend die Königin : „genug des wahnwitzigen Geschwätzes, mit dem der knechtische Aurelian sich unterfängt, mir Zenobia, der siegreichen Beherrscherin des Orients, zu nahen! Genug, o Zabdas, wenn Du nicht willst, daß ich den Boten, der diese Ausgeburt eines siebertollen Hirnes hierher brachte, mit diesen meinen Händen das verruchte Römerherz aus dem Leibe reiße!" „Das sei serne von Dirtapfere Königin, an dem Herold, der ja nur seine Pflicht getan, die Kühnheit seines Gebieters zu ahnden." „Wohlan denn!" rief die Königin. „So mag er wieder heimkehren und seinem Herrn meine Antwort künden. Und Du, o Zabdas, der Du den Griffel gleich trefflich handhabst,