Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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barer Verbindung mit dem absoluten Geiste, und so erringe er sich die Vorsehung Gottes, dessen Wissen das Unendliche umfasse. Von solchen Ideen zu einer rein ethischen, den höchsten Idealen der Sittlichkeit entsprechenden Weltanschauung ist nur ein kurzer Weg.' Auch diesen führt der „Führer" die „Irrenden", indem er sie lehrt, daß das Denken und Erlangen wahrer Einsicht in höheren Dingen Selbstzweck und höchste Vollkommenheit sei. Durch sie erreiche inan die Unsterblichkeit, durch sie werde der Mensch recht eigentlich erst zum Menschen. . ’ - Den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht nach Maimonides derjenige, der all' sein Denken und Tun auf Vervollkommnung in göttlichen Dingen richte. Diese höchste Stufe erklärt er für Prophetie, von der er, wohl, der erste überhaupt in der Weltphilosophie, eine so rationalistische. Erklärung gibt, daß es sich wohl' verlohnt, dieselbe zu hören. Was man vordem als eine übersinnliche Inspiration änzusehen gewohnt war, wird im „Führer" zu einer wissenschaftlichen Theorie. „Wisse, daß die Prophetie ein Ausfluß Gottes ist," sägt er, „die sich durch das Medium der wirkenden Intelligenz über die Einbildungskraft ausbreitet; sie ist die höchste Stufe des Menschen und das Ziel der Vollkommenheit, zu der er gelangen kann, und dieser Zustand ist die höchste Vollkommenheit der Einbildungskraft." Elf verschiedene Stufen dieser Prophetie nennt Maimonides und drei Grundbedingungen für dieselbe. Erstens, die angeborene Vortrefflichkeit der Einbildungskraft, zweitens, die teilweise auch durch Studien zu erwerbende Vortrefflichkeit des Erkenntnisvermögens, und endlich die ethische Vortrefflichkeit. Die höchste Stufe der Prophetie hat Mose erstiegen, der keiner Mitwirkung der .Phantasie bedurfte, um die mitgeteilte Erkenntnis aufzufassen. Von dieser geistigen Höhe ist für den „Führer" nur ein Schritt zur Offenbarung, die ihm ja auch ein geistiger Akt, die Erhebung des menschlichen Geistes zum allwaltenden Gottesgeiste ist. Die Art, wie Maimonides in den folgenden Teilen seines großen Werkes die philosophischen Errungenschaften mit den biblischen Gesetzen und talrnudischen Traditionen in Einklang zu bringen sucht, ist im einzelnen so orginell und bedeutsam, daß sie wohl den wichtigsten Teil seiner Arbeit bildet. Er hat einen Kanon aufgestellt, der sich fast durchgehends als richtig erweist: die Worte der Schrift drücken verschiedene untereinander verwandte Begriffe aus, von denen der eine das sinnliche, der andere das geistige Moment bedeutet. So heben sich für ihn fast alle Schwierigkeiten, die zwischen dem Literalsinn der Bibel und seiner philosophischen Weltanschauung bestehen. Schließlich gelangt er auf geradem Wege aus den: .Gebiet der wissenschaftlichen Spekulation zur Betrachtung der praktischen Teile der Bibel, d. h. der Gesetzgebung des Moses. Aber hier ist es nicht so sehr die befriedigende Lösung derAuf- ' gäbe als die schwerwiegende Tatsache, daß Maimonides den Anschauungen der Zeitgenossen entgegen es doch gewagt hat, den Gründen der Gesetze überhaupt nachzuforschen, was seinen Untersuchungen so hohen Wert verleiht. Vielen Geboten schiebt er örtliche und historische Motive unter, andere erklärt er ans dem . Verlangen, den . abergläubischen Sitten der alten Zeit und eines mythischen Urvolks der Ssäbier entgegenzutreten; alle aber erklärt er trotzdem für durchaus verbindlich. Mit dieser feierlichen Versicherung schließt er die Pforten. seines Buches. Wenn Maimuni den „Führer" selbst als „die wahre . Wissenschaft der Bibel" bezeichnet, so hat er'das Richtige getroffen, indem der „Führer" das bedeutsame Fundament einer rationellen Theologie auf spekulativer Grundlage geworden ist Maimonides ragt nicht oder doch , nur selten über das Mittelalter hinaus; aber wohl stellt er die Spitze dessen dar, was die damalige Zeit erreichen konnte. Mannigfache Analogien bietet sein Leben und Schaffen zu denx'des arabischen Freidenkers Averroes, den Ernst Renan uns menschlich näher gerückt hat. Dieser schrieb seine Kommentare zum Aristoteles, als Maimonides an seinem „Führer" arbeitete. Das Endziel beider war, den Weisen von Stagyra zum philosophischen Alleinherrscher in der Moschee wie in der Synagoge zu erheben. Daß dann ein Jahrhundert später auch noch die christliche Kirche zu diesem Bunde sich gesellte, ist bekannt. Albertus Magnus stützt sich auf Maimonides. Dann folgt Thomas von Aquino mit den andern .scholastischen Doktoren k. Schließlich tritt auch die freie Forschimg hinzu, und ihr edelster Jünger, Benediktus Spinoza, wird gleichfalls von Maimonides beeinflußt. Leibniz schreibt sich in umfangreichen Experten das Beste aus dem „Führer" aus, Moses Mendelssohn baut auf inaimonidischer Grundlage sein moralphilosophisches System auf, und selbst in Kants Religionsphilosophie soll nach der Versicherung eines feinspürigen Kenners bisweilen der Geist des Mainwnides uns entgegenwehen. Aber seine Verdienste sind damit noch lange nicht erschöpft. Er hat auch nach einer anderen Richtung hin Unsterbliches geleistet. Was unter den.religionsphilosophischen Werken der „Führer", das ist unter den halachischen sein Kodex der gesamten jüdischen Gesetztradition: Nisehoe Thora, auch Jad ha-Chasaka (die starke Hand) genannt, unter welchem Namen es in jüdischen Kreisen bekannter geworden. Durch dieses Riesenwerk hat Maimuni System und Ordnung in die Massen der talmudischen Literatur gebracht. Auch dieses Werk ist im wahren Sinne des Wortes ein Führer geworden für Lehrer und Schüler. Sein drittes großes Werk war ein arabischer Kommentar zur Mischna. Außerdem hat er noch ethische und philosophische Werke und zahlreiche medizinische Schriften während seines von wahrhafter Tragik erfüllten Lebens verfaßt. Denn als Maimuni geboren war, sielen die fanatischen Almohaden in Spanien ein. Seine ganze Familie mußte sich flüchten. Zunächst nach Fez, dann nach Fostat, wo sein Bruder David zunächst durch einen Handel mit Edelsteinen ihr Leben fristete. Aber als er eines Tages Schiffbruch erlitt und das Vermögen verloren ging, mußte Maimuni selbst die Sorge für seine Familie übernehmen. Er übte nunmehr die Heilkunde als praktischen Beruf aus und wurde Leibarzt an: Hofe der ägyptischen Sultane Saladin und Alfadhel. Als Arzt wie als Gesetzeslehrer war er schon bei Lebzeiten allgemein gefeiert. . Als er am 20. Tebet 4965' (13. Dezember 1204) starb, da war allgemeine Trauer in ganz Israel. „Von Mose bis zu Mose war keiner wie Mose!" So lautete die Totenklage. Aber auch nach dem Tode des unsterblichen Meisters erlitten seine Werke ein tragisches Schicksal. Sie wurden verketzert und angegriffen. Es entspann sich ein Kampf, der mehr als hundert Jahre das Judentum in zwei große Lager teilte und spaltete. Aber der Gedanke und das Lebenswerk Mäimunis gingen auch aus diesem erbitterten Kampfe sieg- . reich hervor. Sein Name strahlt fortan durch die Jahrhunderte als der eines Lehrers und Führers für sein Volk. Man kann das ganze Schaffen und die Weltanschauung dieses ernsten und edlen Denkers unter dem Gesichtspunkte des . einen Wortes zusammenfassen, das er allen Bedenken, die sich gegen sein Werk erhoben, gegenüberstellt: „Kurzum, ich bin nun einmal so. Wenn mich der Gedanke drängt und ich kann