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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-09 · Heft 50 (9.12.1904) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
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In der Schule der arabischen Philosophen aufgezogen und vorzugsweise ilnter dem Einflüsse Jbn Sinäs — Avicenna — stehend, verehrte Maimonides vor allem den Aristoteles. Man kann sagen, daß die Herrschaft, welcher.dieser Philosoph durch das ganze Mittelalter geführt hat, und der Einfluß, den er noch auf das moderne Denken ausübt, im wesentlichen auf die Araber und unter diesen zuvörderst auf Maimonides zurückzuführen sei. Nächst der Bibel ist Aristoteles für ihn die höchste Macht. Die Bibel vernunftgemäß erklären, heißt für ihn: sie in aristotelischem Sinne auffassen. Aber Aristoteles ist für Maimonides doch kein unfehlbares „Organ der Vernunft". Er trennt sich, obwohl ungern, von der peripatetischen Idee, sobald diese in direkten und nicht auszugleichenden Widerspruch mit seinen religiösen Ueberzeugungen tritt. Denn Maimonides ist vor allem ein gläubiger Jude, dem es um eine geistige Erfassung seiner Religion zu tun ist, und der der Theologie gern die Stelle unter den Wissenschaften anweisen möchte, die ihr seiner Ansicht nach gebührt. So erscheint er uns als der vorzüglichste Mittler zwischen der griechisch-arabischen Philosophie und der christlichen Scholastik, deren bedeutendste Lehrer ein Jahrhundert nach Maimonides in demselben Sinne die göttliche Weisheit mit der menschlichen, in Aristoteles verkörperten auszusöhnen sich bemühten. Es ist nachgewiesen worden, daß auch ihnen, dem Albertus Magnus sowohl wie dem Thomas von Aquino, Maimonides ein Führer gewesen ist, ja daß die veränderte Richtung, welche die Scholastik mit dem Beginne des 13. Jahrhunderts einschlägt, zuvörderst auf die Einwirkung des „Rabbi Moses in Aegypten", wie ihn der erstere der beiden Kirchenlehrer nennt, zurückzusühren ist. Ein großes Gemälde entrollt sich vor unfern Blicken, wenn wir diese Wanderungen und Wandelungen der aristotelischen Idee durch die Jahrtausende verfolgen. Eine der erfreulichsten Gestalten in diesem Bilde ist Maimonides. Hören wir nun, wie er die „Irrenden" zu führen unternimmt. Er schlägt die Bibel auf. Die ersten Verse schon machen den gläubigen Denker stutzig; da heißt es: „Laßt uns einen Menschen machen in unserm Bilde, nach unserer Aehnlichkeit." Wie? Soll dieses Wort buchstäblich genommen werden? Unmöglich. Sich Gott in einem Bilde vorstellen, heißt: ihn körperlich auffassen; Gott aber ist eine unsichtbare und immaterielle Intelligenz. Dies lehrt die Vernunft und die Schrift selbst sagt später: „Du sollst dir kein Bild machen von dem Ewigem, deinem Gotte." Aristoteles und die Bibel stimmen also vollständig überein. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß es in der heiligen Schrift viele Metaphern und Worte gebe, die einen doppelten oder allegorischen Sinn haben. So auch das Wort: Bild. Es bezeichnet einen äußeren und einen spezifischen Sinn. Der erstere kann hier natürlich nicht in Frage kommen, also muß das Wort in dem spezifischen Sinne erfaßt werden, der in Gott die höchste Vernunft sieht, und da die Vernunft die spezifische Form des Menschen ist, so gleicht der Mensch seinem Gotte, insofern er vernünftig ist, woraus dann naturgemäß folgt, daß der Mensch dem „Bilde" Gottes immer gleicht, je mehr er das Ideal der Vernunft in sich ausbildet. So ungefähr ist die Art des Maimonides. Er baut kein philosophisches System auf; er setzt vielmehr ein solches bestimmt voraus. Er geht einfach von der biblischen Exegese aus Schritt für Schritt die vorgezeichnete Bahn zum Ziele: Denken und Glauben in höherer Harmonie zu verknüpfen. Ihm wird bei seiner Gottähnlichkeit nicht bange, denn er ist fest überzeugt, daß ihn Moses und Aristoteles auf seinem Wege nie verlassen werden. Um sein Ziel zu erreichen, muß er mit dem Gottesbegriff und mit der ersten Bibelseite anfangen. Aber schon da vertritt ihm der Zweifel den Weg. Die Beweise für 593 —- die Existenz, Einheit und Unmittelbarkeit Gottes trennen auch die arabischen Philosophen in zwei verschiedene Richtungen. Welcher wird nun Maimuni folgen? Selbstverständlich derjenigen, die den von allen menschlichen Attributen geläuterten Gottesbegriff vertritt. Nur negative Attribute möchte er allenfalls gestatten, d. h. solche, die das Wesen Gottes nur vermittels der Negation bezeichnen. Wenn wir bespielsweise sagen: Gott ist allwissend, allmächtig, so wollen wir damit nicht etwa eine Positive Eigenschaft ausdrücken, sondern nur Unvollkommenheiten negieren. Wer die Geschichte der Attributenlehre in der Philosophie verfolgt, der weiß, daß mit dieser Erkenntnis negativer Attribute schon ein großer Fortschritt erreicht worden ist. Wir folgen dem „Führer" weiter. Er hat die höchste Abstraktion als die allein.würdige philosophische Anschauung von Gott erklärt. Und in demselben Kreise" bewegen sich seine Beweise für das Dasein, die Unkörperlichkeit und die Einheit Gottes, in denen er getreu dem Aristoteles folgt, und zu denen er nur einen neuen, den kosmologischen Beweis, hinzufügt. Diesen hat er von seinem arabischen Lehrer Avicenna ausgenommen. Von der Grundlage des Gottesbegriffes als primus Motor kommt Maimonides zur Betrachtung der Welt und ihres Verhältnisses zu Gott. Natürlich ist er in astronomischem Wissen weit über seinen Meister hinaus; er kennt den Almagest des Ptolemäus ebensogut wie die Forschungen der arabischen Astronomen; in physischer Hinsicht dagegen huldigt er unbedingt den aristotelischen Anschauungen von einer sublunaren und jenseitigen Sphären-Welt, von der diesseitigen, beständig die Formen wechselnden Materie der vier Elemente, und der jenseitigen, die eine Form unwandelbar festhaltenden Materie des fünften Körpers. Erst die Frage nach der Art, wie Gott diese Sphären bewege, trennt Maimonides von seinem Meister und läßt ihn den neuplatonisch gefärbten Satz aufstellen, daß es ebenso viele Intelligenzen gebe als Sphären, — also zehn — deren oberste, die wirkende Intelligenz, indem sie die Formen spende, selbst Form, da sie den Geist verwirkliche, selber Geist sein müsse. Hat sich aber Maimonides einmal von der peripatetischen Idee entfernt, so wagt er noch . einen kühnen Schritt weiter. Er erklärt den „Irrenden" auch die Weltschöpfung anders als Aristoteles, der kein Entstehen aus dem Nichts angenommen, sondern eine ewige Materie vorausgesetzt hat. Das gestattet dem „Führer" seine Bibel nicht, obwohl auch ihre Worte mit einiger Kunst der philosophischen Idee angepaßt werden könnten. Solche Kunst verschnläht aber der lautere Führer, zumal da jene Idee notwendig das Wunder ausschließen müßte, dessen er doch im Weltenbau nicht entraten möchte, und da mit ihr die göttliche Vorhersehung nicht in Einklang zu bringen sei, die er nach seinem monotheistischen Bewußtsein und in vollem Widerspruch zu den griechischen wie zu den arabischen Philosophen auffaßt. Hier kennt er keinen Pakt mit der Vernunft. Seine Idee ist aber so rein und erhaben, daß sie, über die Jahrhunderte hinausragend, in die Regionen des philosophischen Gedankens der neuen Zeit hineinreicht. Der Mensch ist ihm vollkommen frei, und Gott vollkommen gerecht. Alles Gute, was also dem Menschen begegnet, ist Lohn und alles Böse Strafe. Wo sich Aristoteles auf den Zufall, die muhamedanischen Philosophen auf den Willen oder die Weisheit Gottes berufen, da stützt sich Maimuni auf das Verdienst des Menschen. Er kennt keine unverschuldeten Leiden und auch nicht solche, die Gott verhänge, um nachträglich durch eine Prämie diesseits oder jenseits dafür zu entschädigen. Die göttliche Vorsehung richtet sich nach dem Grade der göttlichen Einwirkung aus die Dinge; durch seinen unsterblichen Geist stehe der Mensch in unmittel-

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