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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-09 · Heft 50 (9.12.1904) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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Daraus erklärt sich, daß -die Zeugen, die von ihnen angeblich rekognoszierten Leute im Gerichtssaal häufig nicht wiedererkannten k. Es bestätigt sich immer mehr, daß die Plünderungen und Zerstörungen der jüdischen Häuser unter den Augen des ruhig dastehenden Militärs erfolgten und daß in vielen Fällen die Soldaten selbst die Juden an der Notwehr verhinderten. Es berührt wie eine blutige Ironie, wenn die Zeugen jeden Gegensatz zwischen Christen und Juden in Homel bestreiten. Und doch dürften sie das Recht haben, wenn man das korrupte russische Beamtentum ausschaltet, das jedenfalls stark antisemitisch ist. Die folgende Szene, die der letzten Nummer der der russischen Zensur unterliegenden „Novosti" geschildert wird, ist für die Art und Weise, wie Anklagen gegen die Juden in Rußland geschmiedet und „verteidigt" werden, so charakteristisch, daß ein Kommentar überflüssig erscheint. Einige Soldaten, darunter der Soldat Tschebotajew, sollen nach dem Protokoll des Untersuchungsrichters die Juden, die auf die Menge und das Militär geschossen hatten, nachträglich wieder erkannt haben, so zum Beispiel den auf der Anklagebank sitzenden Schlesinger. Und'nun höre man, was derselbe Tschebotajew vor Gericht aussagt: Zeuge Tschebotajew erklärt, er habe in der Schloßstraße gehört, daß jemand geschossen habe; wer es getan, wisse er nicht. — Vorsitzender: Waren es Juden oder Russen? — Tschebotajew: Es war da viel Volk, Juden und Russen. — Auf eine bezügliche Anfrage des Staatsanwalts wiederholt Tschebotajew, daß er nicht wisse, wer geschossen hat. Rechtsanwalt Sokolow: Was hat Ihre Kompagnie (die nämlich die Juden schützen sollte) getan? — Tschebotajew: Sie stand (!) an der katholischen Kirche und trieb die Menge auseinander. — Sokolow: Hebräer und Russen? — Tschebotajew: Alle, die dort gestanden hatten. — Sokolow: Haben Sie gesehen, wie inan die jüdischen Jahrmarktsbuden und die darin aufgespeicherten Wassermelonen vernichtet hat? — Tschebotajew: Später erst (damit wird zugegeben, daß das Militär nur dahin ging, wo schon das Zerstörungswerk verrichtet war . . .) bemerkte ich im Vorübergehen die zerstörten Marktbuden. — Sokolow: Was haben Sie noch gesehen? Tschebotajew: Nichts. — Staatsanwaltsgehilfe: Die Marktbuden waren zerstört? — Tschibotajew: Zu Befehl, zerbrochen. Ein Jude rief uns auch zu, indem er sagte: „Meine Melonen wurden zerschlagen." — Staatsanwalt: Haben Sie die Melonen in den Buden gesehen? Zeuge: Zu Befehl, ich habe sie gesehen? —Viel? — Viel.— Staatsanwalt: Also sind die Melonen nicht geraubt worden? — Zeuge: Ich kann es nicht wissen. — Staatsanwalt: Waren die Dächer zerbrochen? — Zeuge: Nein. — Und die Wände? — Ich weiß es nicht mehr. — Lägen die Melonen zerstreut auf dem Boden umher? — Ja, die Türen waren zerbrochen und die Melonen lagen auf dem Boden umher. Der Zeuge, befragt über die Anteilnahme Schlesingers, macht Aussagen, die schnurstracks seinen vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll gegebenen Erklärungen widersprechen. Der Zeuge sagt jetzt bestimmt aus, er hätte überhaupt nicht Schlesinger an dem Orte des Verbrechens gesehen. Das Gericht verliest das Protokoll des Untersuchungsrichters und stellt den krassen Gegensatz fest zwischen den belastenden Aussagen des Zeugen vor dem Untersuchungsrichter und den entlastenden vor dem Gericht. Vorsitzender des Gerichtshofes: Haben Sie so bezeugt, wie das Protokoll des Untersuchungsrichters lautet? Zeuge: Nein, durchaus nicht so. — Vorsitzender: Nein?? — Zeuge: Nein, nicht so. — Vorsitzender : Wie ist das geschehen? Hat der Untersuchungsrichter Ihre Aussage nicht richtig verzeichnet? — Zeuge: Kann's nicht wissen. — Vorsitzender: Hat Ihnen der Untersuchungsrichter das Protokoll über Ihre Aussagen vorgelesen? — Zeuge: Zu Befehl, vorgelesen. — Vorsitzender: Warum haben Sie denn das Protokoll unterschrieben, wenn es nicht Ihren gemachten Aussagen entsprach? — Der Zeuge schweigt, es fällt ihm sichtlich schwer, eine gerade Antwort zu geben. — Rechtsanwalt Basunow (Schlesingers Verteidiger) fährt fort, den Zeugen um eine Erklärung zu bitten, weshalb er denn vor dem Untersuchungsrichter speziell gegen Schlesinger solche belastende Aussagen gemacht hat, und erhält darauf die ganz unerwartete, alle überraschende Antwort des Zeugen: Mein Kompagniechef hat mir befohlen, so auszusagen .... Dieses naive Geständnis des Soldaten wirkt geradezu niederdrückend auf alle ... . - - ' Basunow: Ihr Kompagniechef befahl Ihnen, ]'o zu sagen? —. Zeuge: Zu Befehl. — Basunow: Sie machten also ihre belastenden Aussagen entsprechend den Weisungen Ihres Kompagniecliefs? — Zeuge: Ja. — Basunow: Wann hat er Ihnen besohlen? — Zeuge: Während des Verhörs vor dem Untersuchungsrichter. — Basunow: Er war dabei? — Zeuge: Ja.— Staatsanwalt: Was hat Ihnen der Kompagniechef gesagt? — Zeuge: Er sagte: „Bezeuge, daß Du ihn (Schlesinger) gesehen hast." Eine solche vernichtende Aussage eines Soldaten über seinen Vorgesetzten mußte selbst deprimierend auf den parteiisch angehauchten Gerichtshof wirken. Kischinew und Hömel -sind eine Schmach für die russische Justiz. » Die Juden in Marokko seufzen noch immer unter der Last ihres Elends. Wir haben bereits früher berichtet, wie die unglücklichen Juden aus Stat, die von einigen Stämmen der Kabylen überfallen worden waren, ohne alle Lebensmittel, hungerleidend und abgemattet nach Casablanca flüchteten, und sich dort an die Mildtätigkeit ihrer Glaubensgenossen wandten. Dank der Opferwilligkeit der jüdischen Bevölkerung und den von der Allianz bewilligten Unterstützungssummen konnte diesen armen Flüchtlingen in ihrer Not geholfen werden. Jedoch war damals schon die Lage der Juden in Casablanca selbst eine höchst mißliche; fettbein verschlimmerten sich aber die Verhältnisse infolge der wirtschaftlichen Krisis, der häufigen Ueberfälle von Seiten kriegerischer Stämme, sowie auch eines jetzt heftig wütenden Sumpffiebers, dein tagtäglich zahlreiche Juden zum Opfer fallen, derart, daß es für die Allianz eine dringende Ausgabe war, diesem furchtbaren Elend äbzuhelfen. Ueber diese traurigen Ereignisse erhielt das Zentralkomitee der A. l.U. von dem Schuldirektor der Allianz in Casablanca folgende Mitteilungen: 13. Oktober. „Nicht nur mit den Flüchtlingen aus Stat, sondern auch mit den verarmten Juden der Stadt haben wir es nunmehr zu tun. Bedenkt man die Art, wie diese unglücklichen Leute im Mellah eingepfercht und hungerleidend ihr Dasein verbringen, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn sie bei der ersten Gelegenheit von der Krankheit überfallen wurden. Unter anderen Verhältnissen würde das Fieber weiter keine bedenkliche Folgen haben, diese mittel- und brotlosen Leute werden aber im Nu niedergemäht! Hilferufend wende ich mich daher an Sie! Heute abend ging ich in das jüdische Stadtviertel und brachte den Kranken Fleischbrühe, Eier-und etwas Fleisch. Ich hatte mich auf'etwa fünfzig vorbereitet. Als ich aber nach drei Stunden peinlicher Qual aus dem Mellah kam, baten noch zahlreiche Unglückliche flehentlich um Brot und Hilfe. Mir schaudert bei der Erinnerung an das herzzerreißende Schauspiel, das diese hungerleidenden und abgemagerten Leute boten. Die wenigen Mußestunden, die mir die Leitung der beiden Schulen läßt, will ich benutzen und überall, wo ich nur kann, Gelder einsammeln. Es verweigert mir keiner seine Spende. Jeder bringt mir, was er kann: alte Matratzen, Bettdecken, Brot, Geld . . . Das Elend ist aber ein so furchtbares, daß ich mich an die Wohltätigkeit der. Allianz wenden muß." Die Allianz, die bereits im Laufe des vorigen Monats den Juden von Casablanca ihre Hilfe angedeihen ließ, schickte, nachdem sie von dem sich stets steigernden Elend in Kenntnis gesetzt worden war, diesen armen Leuten wiederum eine beträchtl liche Unterstützungssunnne. -

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