Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
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590 den Beschlüssen des Semstwos ein Ende nehmen. Es steht dahin, wann und ob die von den Semstwos gewünschte Selbstbetätigung des Volkes bei der Verwaltung jetzt in Gang kommen wird, unter der allein Rußland allmählich einer freien Verfassung wie die Staaten des Westens entgegenreifen' kann. Soviel aber ist sicher, da in diesem Lande alles ruckweise sich vorwärts schiebt: die nationalistische Richtung dort hat ihre Nolle ausgespielt, welche solange Europa Sand in die Augen zu streuen suchte, alles Nichtrussische zu Boden warf, quälte und verstümmelte, jeder anderen Konfession ihre Anpflanzungen verwüstete und speziell dem jüdischen Namen und dem Wesen des; Judentums in der ganzen Welt ä la Plehwe zu schaden suchte. Wir müssen jetzt geradezu die Geduld unserer russischen Glaubensgenossen bewundern, denen das Ohr des Zaren so lange verschlossen war. Jetzt aber kann man mit Zola, diesem Verfechter stetigen Fortschritts, sagen: „Die Wahrheit ist unterwegs und nichts wird ihren Siegeszug aufhalten." Auch im Osten tagt es jetzt und mit reiner Seelensreude, hoffnungsvoller als sonst, feiern wir gleich unseren Glaubensbrüdern im Osten das Fest der Makkabäer, der Ahnen, welchen gleichend auch sie sich nicht vor den eitlen Götzen beugten, ob es gleich nur eines Tropfens Wasser bedurft hätte, um die von einem barbarischen Gesetzbuch verweigerte Gleichstellung 311 erkaufen. Diejenigen, welche das Gesetz als „Fremdling" brandmarkten, hielten nicht nur die Treue ihren Mitbürgern, sondern sie waren ihre Vorkämpfer. Der allgewaltige Minister, der noch vor einem Jahre den jüdischen Notabeln drohte, er werde sie ob ihres Zusammengehens mit der russischen Intelligenz als Aufrührer aus Rußland verbannen, er sank dahin wie die Götzen eitlen Ruhmes! Schon beginnt auch über die Grundsteine seines tyrannischen Systems hinweg das Rad der fortschreitenden Wahrheit seinen Siegeslauf. Danto es dinom, nokamto es nikmöshom. Der Götze ist gestürzt und der Allgütige führte siegreich den weltgeschichtlichen Streit. Jeder Sieg der Wahrheit ist mit ein Sieg des jüdischen Prinzips, dessen wir uns freuen, nicht allein um des Judentums willen, sondern zum Frommen und Heil der ganzen Menschheit! Nicht erschleichen wollten unsere Brüder in Rußland die Gleichstellung, Uebles haben sie erduldet, Schweres steht ihnen noch bevor, darmn wird auch ihnen Hilfe werden von dem: scheosho nishim laawosheno bajömim hohem basman hase, der Wunder getan hat an Unseren Ahnen in jenen Tagen um diese Zeit! Rußland schaffe und halte Ordnung im Lande, dann wird es keine treueren Untertanen haben als die Juden. Die Woche. Berlin, 6. Dezember, ndlich haben sich die liberalen Parteien im Reichstage dazu ermannt, dem Pückl er -Unfug auf den Leib zu rücken, nachdem man jahrelang ungestraft und unbehelligt die jüdischen Staatsbürger aus der Straße und in Volksversammlungen in einer bisher unerhörten Weise angreifen durfte. Die Deutsche' und die Freisinnige Volkspartei haben jetzt folgende Interpellation eingebracht: „Hat der Herr Reichskanzler davon Kenntnis genommen, daß seitens des Grafen Pnckler und seines Anhanges durch Reden in öffentlichen Versammlungen und durch Verteilung von Flugschriften an öffentlichen Orten fortgesetzt in Verletzung von § 130 des Strafgesetzbuchs in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten gegeneinander angereizt werden? Welche Maßnahmen gedenkt der Herr Reichskanzler zu ergreifen, um einer Wiederholung solcher den öffentlichen Frieden gefährdenden Verletzungen der Reichsgesetze vorzubeugen?" Offen gestanden: Wir sind weder auf. die Beantwortung der Interpellation, noch auf die etwa daran sich schließende Verhandlung sonderlich neugierig. Es gehört nicht einmal viel Geschick dazu, um - schon jetzt den Inhalt der Antwort im voraus skizzierenzü können. Was aber die Verhandlung anbelangt, so könnte die Debatte über die Mittelstandsbewegung am 2. d. M. einen Vorgeschmack von dem geben, was wir zu erwarten haben. Auch den Verlauf der nächsten Debatte könnte man im wesentlichen bereits heute andeuten. Von besonderem Interesse waren in jener. Sitzung vom 2. d. die Enthüllungen über die Praxis antisemitischer Blätter, sogenannter inittelstandsrettender Organe, die in ihrem Inseratenteil genau demselben Unwesen, durch das angeblich der Mittelstand ruiniert wird, bereitwillig Tür und Tor öffnen. Dabei fiel manches kräftige Wort über die gesamte Mittelstandsbewegung. So sagte unter anderem ein Redner aus der Gegenpartei über das neueste antisemitische Schlagwort: „Es gibt nicht wenige Erzdemagogen, die ganz genau wissen, daß sie den Handwerkern, den Kleinbauern blauen Dunst vormachen, um im Trüben zu fischen, namentlich um in diesen Kreisen bei den Wahlen Geschäfte zu machen. Bei den Antisemiten ist die Demagogie in fast verblüffender Weise ausgebildet; für sie ist die Mittelstandspolitik das Mittel zum Zweck. Es gibt bestimmt abgrenzbare Klassengebiete, aber kein bestimmt abgrenzb.ares Gebiet, welches man Mittelstand nennen könnte; der Mittelstand hat keine gemeinschaftliche Klasseninteressen. Ueber den Zerfall des Handwerks und des Mittelstandes hat man in Deutschland schon geklagt, lange bevor es einen Kapitalismus gab." Die Debatte, so berichtet ein liberales Blatt, nahm fast den Charakter einer antisemitischen Radauversammlung au. Für den über den Parteien stehenden ruhigen Beobachter bewahrheitete sie nur die traurige Ueberzeugung, daß in unserem öffentlichen Leben leider die Heuchelei immer mehr Trumpf wird und daß an dieser Entsittlichung des Volkslebens der Antisemitismus einen wesentlichen Anteil hat. Auch in R u ß l a n d selbst kommt man allmählich 311 der Einsicht, daß die in erschreckender Weise sich mehrenden Exzesse gegen die Juden energischer Abhilfe bedürfen. Die „Jaschnija Sapiski", das Organ der südrussischen Professoren, widmet dieser Frage einen längeren Artikel, in welchem die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland als die einzige Ursache der ununterbrochenen Exzesse gegen die Juden bezeichnet und von der russischen Intelligenz verlangt wird, diesem Zustande der Rechtlosigkeit der Juden so bald wie möglich ein Ende zu machen. Das Blatt schildert gleichzeitig das Elend der Juden im Niederlassungsgebiete und konstatiert, daß dieses Elend Steine erweichen müßte. Auch auf den Prozeß in Homel wird hingewiesen, wo sich die Belastungszeugen einander in bunter Reihe ablösen, ohne die gewagten Behauptungen der Anklageschrift irgendwie bestätigen zu können. Wenn ihre zum Teil sichtlich beeinflußten, zum Teil subjektiv gefälschten, widerspruchsvollen und verworrenen Aussagen etwas beweisen, so nur die verblüffende Liederlichkeit, mit der die Voruntersuchung geführt wurde. Den jüdischen Zeugen wurde nicht gestattet, über ihre Beobachtungen und Erlebnisse einen zusammenhängenden Bericht zu erstatten, sie dursten nur einzelne Fragen des Untersuchungsrichters beantworten. Die Methoden des Untersuchungsrichters zur Rekognoszierung des Angeschuldigten waren nichts weniger als einwandsfrei.