Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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es. Jahrgang. No. 50. Berlin, 9. Dezember 1904. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Betzakteurr Gustav rrarpele». Begründet von Rabbiner D*> Ludwig PHMppson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Dir Weihe des Kitsrs. Berlin, 6. Dezember, ie Makkabäer zertrümmerten dereinst in diesen Tagen die Götzen der Lüge und weihten aufs Neue den Altar des einzigen Gottes der Wahrheit. Man spricht heute so oft in gewissen Kreisen vom „Altar des Vaterlandes", und in diesen Chanukahtagen mag im Osten bei unseren Glaubensbrüdern in Rußland so manche Mutter ihren Sohn als Opfer beweinen, das sie auf dem „Altar des Vaterlandes" dargebracht hat. Sollte in der Tat jetzt auch diesem Altar eine neue Weihe bevorstehen, sollen auch die Juden in Rußland in Wahrheit ein Vaterland erhalten, dein sie als gleichgestellte Bürger angehören? Nach all den Hiobsposten von drüben hören wir in diesen Tagen, daß die in Petersburg zwar inoffiziell aber mit stillschweigender Billigung der Regierung versammelten 101 Deputierten der Landschaften, der Semstwos, die Gleichstellung aller Bürger ohne Ansehen des Glaubens z als einen ihrer verfassungsmäßigen Wünsche in einer Eingabe an den Zaren aufgestellt haben. Mitunter liegt in dem bloßen Aussprechen der Wahrheit schon eine Weihe und so hätte auch diese Aeußerung eines frommen Wunsches, wenn sie sich bewahrheitet, schon eine reinigende, erhebende Kraft, die unseren Glaubensbrüdern im Osten das diesmal so sehr von bangen Gefühlen um ihre Angehörigen umwölkte Chanukahfest ein wenig aufhellen und durchstrahlen könnte. Auch für die westeuropäischen Juden bedeuten die Beschlüsse der Semstwos den Sieg der Wahrheit über die Lüge. Hat doch die russische offizielle Telegraphenagentur auch in den gelesensten deutschen Zeitungen stets die Lüge verbreitet, es gebe gar keine Verfassungsbewegung in Rußland und nur die Juden stifteten Unruhen. Die Beschlüsse des Semstwos-Kongresses müssen aller Welt die Augen darüber öffnen, wie tief in der Lüge verstrickt das gerade besonders die Juden drangsalierende System Plehwe gewesen ist, und daß auch hier, wie bei so vielen weltgeschichtlichen Ereignissen, die Juden nur die Vorposten gewesen sind, die man um ihres Eintretens für die Wahrheit willen eingeschüchtert, bedrängt, ja abgeschlachtet hat. Doch, wie einst in den Tagen der Makkabäer, auch dieses jüdische Blut ist nicht umsonst geflossen! Wenn wir auch für den Augenblick noch keine entscheidende Wendung sehen, es ist sicher, daß ein solcher unter den Augen des Zaren (dem die Macht, die Berufung von über 106 Vertretern der russischen Landesintelligenz, der Semstwos, zu verhindern, sowie ihre Zusammenkunft zu sprengen, wenn er ernstlich wollte,. nicht gefehlt hätte) einmal inaugurierter Schritt zu tiefgehenden Reformen innerhalb der von dem Semstwo-Kongreß befehdeten Bureaukratie führen kann und muß. Schon mit der Anbahnung dieser Reformen wäre für die Juden viel gewonnen. Denn die Juden haben bisher am meisten unter der „administrativen Willkür" gelitten, von der Punkt 3 der Semstwo- Beschlüsse sagt: „Das bureaukratische Regime, welches die oberste Gewalt vom Volte trennt, schafft den Boden für administrative Willkür!" Und viel ist schon für uns wenigstens damit gewonnen, daß der Zar jetzt sieht, sehen muß, wie die Drentelen, Jgnatiew, Plehwe rc. ihn belogen haben, als sie ihm unaufhörlich versicherten, nur die Juden seien unzufrieden, nur die Juden demonstrierten gegen ihn und seine Herrschaft, und diese Lüge sollte durch ewiges Wiederholen auch Europa aufgehalst werden, - dessen Geld Rußland braucht und dem daher in den Depeschen der bereits genannten Agentur stets die Juden und nur die Juden als die einzigen Protestler und Demonstranten gegen das bisherige Regiment, das den Zaren isolierte, hingeftellt wurden. Jetzt ist der Vorhang aufgezogen, und der Zar erfährt es aus dem Munde der Getreuesten, selbst seiner Adels- und Bauerngenvssenschaften, aus der Eingabe von 101 Deputierten der Semstwos, von den Vertretern der russischen Intelligenz, daß ganz Rußland, soweit es denken kann und mit zur Administrative gehört, diese bestechliche Bureaukratie satt habe. Der Punkt 7 der Semstwo - Beschlüsse, daß alle Bürger vor dem Gesetze gleich sein müssen, hätte, wenn durchgeführt, der russischen Bureaukratie Millionen erpreßten Geldes vorenthalten, die sie unter dem Schein der Administration den rechtlos umhergehetzten Juden abgepreßt hat. Daß der Zar auf die Dauer jetzt nicht mehr ganz an diesen Dingen vorbeisehen kann, ist klar. Der Stein ist nun ins Rollen gekommen. Bisher konnten die Vertreter der durch die Beschlüsse der Semstwos jetzt richtig gezeichneten Bureaukratie, von der betreßten Exzellenz bis zum Dorfpolizisten herab, von neuen Beschränkungen der Juden stets nur Vorteile und neue Bestechungen erwarten. Wo alles Geld nahm, galten eben nur die Ukase, die welches brachten oder doch das Bringen nicht verhinderten. Der bestechliche Beamte demoralisierte zugleich den Juden u n d den Gutsbesitzer, der jetzt durch den Mund der Semstwos sich beschwert. Es würde, wenn die Beschlüsseder Vertreter der Landschaften angenommen werden, sowohl für die Juden wie für den Bauernstand vieles besser werden. Unterliegen ja die russischen Juden seit 100 Jahren einer Macht, welche sie unter dem Zeichen des Gesetzes unter die Füße trat und. gleichzeitig die Hand hinhielt, um sich gegen sich selbst für etwas weniger hartes Zutreten bestechen zu lassem Alles das würde nach