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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-02 · Heft 49 (2.12.1904) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
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religionsgeschichtlichen Forschungen überhaupt, glücklich nachgegangen. Wir beginnen immer mehr einzusehen, daß die differenzierten, zuweilen feindlich genug einander gegenüberstehenden Geschwister : Religion und- Philosophieaus dem gemeinsamen Mutierschoße des Mythoshervorgegangen sind. Im „Sinn des Daseins" (S. 39) suche ich zu zeigen, daß im tiefsten Wesensgrunde die gemeinsamen Stammeszüge von Philosophie und Religion unverwischbar bleiben. Wie die früheren Mythologien zwei Weltprinzipien, Licht und Finsternis/ Liebe und Haß, Ormuzd und Ahriman, Wischnu und Schiwa, Gott und Natur, Engel und Teufel, Christ und Antichrist einander gegenübergestellt haben, so haben die Philosophen aller Zeiten parallele Gegensatzpaare herausgearbeitet. Wer einen Blick hinter die Kulissen der landläufigen Weltbegriffe zu tun vermag, der wird bald inne, daß auch die großen Philosophiesysteme den führenden -Religionssystemen des Menschengeschlechts parallel laufen. Im Kain- und Abelmythos ist gleichsam das Schicksal des feindlichen Geschwisterpaares: Religion und Philosophie symbolisch vorgebildet'. „Zwei Seelen, ach, wohnen in meiner Brüst", ' das ist die Tragik wie jedes Einzelmenschen so des ganzen Menschengeschlechts. Wir Menschen sind wie in unserem Körperbau — anatomisch sind wir aus zwei Hälften zusammengesetzt — so auch seelisch Hermaphroditen (vergl. dazu: Sinn des Daseins, Tübingen, Mohr, 1904, S. 399 ff). Nicht bloß das Individuum, auch die menschliche Gattung hat gleichsam ihr „Doppel-Jch". Aus dem Sehnen, Staunen, Wünschen und Hoffen der Menschenbrust werden die Mythen geboren, aus deren Schoße alsdann Religion und Philosophie hervorgehen. Und deshalb wird sich dieser gemeinsame Ursprung, niemals ganz verleugnen lassen. Führen also unsere Philosophiehistoriker die Ahnenreihe unserer heute im Schwange befindlichen philosophischen Systeme mit Vorliebe auf die Griechen, zuweilen sogar auf die Inder zurück, so bleiben sie für die Probleme: Optimismus und Pessimismus aus halbem Wege stehen. Denn die Weltbewertung des Pessimismus, die einem unwiderbringlich verlorenen Rückwärts Jahrtausende hindurch sentimentale, tränenselige Sehnsuchtsseufzer nachjammert, ist ebensosehr unmittelbarer Stimmungsausfluß wie die des Optimismus, die der kommenden Vollendung des Menschengeschlechts hoffnungsfreudig und zukunftssicher entgegenjauchzt. Beide wurzeln in der Sehnsucht. Nur haben die Pessimisten eine rückwärtsgebogene, die Optimisten eine vorwärtsgerichtete Phantasie.^) Beide vergießen in schwelgerischer Hingabe an ein Unendlichkeitsideal Tränen; jene Tränen der Trauer über das Verlorene, diese der Freude über das zu Erringende. Für jene ist die Welt ein ewiger Abstieg vom Vollkommenen zum Unvollkommenen, vom Paradies zur Hölle, vom goldenen zum kupfernen Zeitalter, vom Unschuldzustande zur Verdammnis durch den Sündenfall, von Gott zum Satan, vom Engel zum Menschen. Umgekehrt im Optimismus. Ihm ist die Welt ein ewiger Aufstieg vom Unvollkommenen zum Vollkommenen, von der starren Ruhe zur lebendigen Bewegung, von der toten anorganischen zur lebendigen organischen Naturvom Protoplasma zur Zelle, von der Zelle zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier, vom Tier zum Menschen, vom Menschen zu Gott. Dort lautet die Parole: Gott war; hier : Gott wird sein, Dort bedeutet Gott ewiges Sein, hier ewiges Geschehen'und Werden. Die pessimistische Bewertung der Welt findet ihren - knappsten religiösen Ausdruck im „Nirwana"?) der >) Vgl. oben S. 234 ff.. 2) Vgl. Dahlmann, Nirwana, Berlin, 1896, gegen die abschwächende Deutung Max Müllers. Inder, die optimistische in der „Wiederkunftslehre" des ParstSmus. Und so wird es verständlich, daß der Pessimist Schopenhauer den indischen Buddhismus, der Optimist Nietzsche hingegendie parsische Lichtfigur Zarathustra (Zoroaster) wieder zu beleben sucht. Der ewige Refrain alles Pessimismus, wie er im „Nirwana" seinen religiösen Niederschlag gefunden hat,; heißt: „es war"; der des Optimismus, wie er in der Wiederkunftslehre des Parsismus, sowie im Prophetismus und Messianismus der Juden zutage tritt, lautet: „es wird sein". Dort wird die Unendlichkeitssehnsucht rückwärts,, in die Längstvergangenheit, jedenfalls örtlich, in das Paradies der beschaulichen, seligen Ruhe, hier vorwärts, in die entfernteste Zukunft (Eschatologie), projiziert. Läßt sich also die Vorfahrenreihe der pessimistischen Lebensbewertung, über den Kopf des Christentums hinweg, geschichtlich bis zum indischen Brahmanismus rückwärts verfolgen, .so die des Optimismus, über die Köpfe des daseinsfreudigen Hellenismus Und diesseitsheiteren Mosaismus hinweg, weiter hinauf bis zur Lichtreligion des Parsismus zurückrücken. Es eröffnen, sich alsdann ganz andere welthistorische Perspektiven, als die kleinen Grenzstreitigkeiten zwischen den einzelnen christlichen Sekten oder auch zwischen Christen- und Judentum, oder endlich zwischen Philosophie und Religion heute ahnen lassen. Wir streiten heute um Nichtigkeiten. Unsere kirchlichen oder politischen Fehden erweisen sich im Lichte prähistorischer Betrachtung als Lappalien. Wir Zwerge putzen Liliputanerprobleme zu Herkules- und Theseusfiguren heraus. Unter dem angedeuteten prähistorischen Gesichtswinkel gesehen, der die psychologischen Wurzelstämme aller Religionen und philosophischen Systeme sub aeternitatis specie betrachtet, öffnen sich uns unterirdische seelische Zusammenhänge und vorgeschichtliche Weiten, neben welche gehalten alle unsere religiösen, politischen und philosophischen Streitfragen der Gegenwart zu zwerghafter Winzigkeit verschwimmen und zusammenschrumpfen^ Wer mit uns die Genealogie des Optimismus bis zum Parsismus, wie die des Pessimismus bis zum Brahmanismus zurückverfolgt, der vermag sich über historische Abhängigkeitsfragen, wie Babel-Bibel, Moses-Hamurabi, die uns heute über Gebühr beschäftigen, nicht sonderlich aufzuregen. In unseren Augen ist' ein Hamurabi ein ebensolcher Ausläufer einer geschichtlich nicht übersehbaren kulturlichen Vorfahrenkette, deren erster, historisch faßbarer Ring Hamurabi für uns heißt, wie er Moses für unsere Vorfahren hieß. Hat man sich erst mit der Geologie und Paläontologie an das Rechnen mit Jahrzehntausenden gewöhnt, so verlieren solche" Detailfragen einer historischen Abhängigkeit von wenigen Jahrhunderten ihren Stachel. Sehr wohl möglich, daß wir, durch neue Ausgrabungen angeregt, noch tiefere Schichten untergegangener Kultursysteme aufdeckend, dermaleinst auch Hamurabi als einen historischen Sprößling erkennen werden. Denn was zählen Jahrhunderte, wenn es sich um die Ursprünge der menschlichen Kultur handelt? Genau so wie unsere heutigen Biologen das Leben des Menschen,, wie das Leben überhaupt, Jahrhunderttausende zurück bis zur einfachen Zelle, ja bis zum Protoplasmaklümpchen rückwärts verfolgen oder unsere vergleichenden Anatomen und Histologen unser Knochengerüst und Gewebeshstem über den Anthropoiden hinaus tief in die tierische Vorfahrenreihe, also über Jahrzehntausende hinaus, rückwärts konstruieren, so werden wir einst die menschliche Gedankenbildung bis zum Keimplasmä des Intellekts zu verfolgen suchen. Aus dem Chaos verwirrender Mythologien heraus werden wir allmählich den Kosmos des sich lichtenden Denkens herauszupräparieren vermögen. Aus dem gedanklichen Urnebel von stummen Stimmungen und in der stammelnden Sprache

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