Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228631--61296-3275113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dir Lntltchimg und Lntwicklung drr jüdilchkn Schule. Von Realschuldirektor Dr. Adler-Frankfurt a. M. y ie jüdische Schule sieht in dem Mann ihren Begründer, der die Juden Deutschlands aus dem geistigen Ghetto in die moderne Kultur hinüberführte, in Moses Mendelssohn. Mendelssohn' hatte seinen Glaubensbrüdern zunächst an seiner eigenen Person gezeigt, wie d e u t s ch e Bildung und Gesittung sich mit treuer Anhänglichkeit an der Väter Glauben harmonisch verbinden lasse; um diese Verbindung zum Gemeingut aller jüdischen Bewohner Deutschlands zu machen, begründeten'dann seine Jünger und Anhänger zahlreiche Schulen, die bald die alten Talmudschulen völlig verdrängten und überraschend schnell die Unterschiede in Sprache und Sitte zwischen den christlichem und jüdischen Bewohnern verschwinden ließen. Als zwei Jahrzehnte nach Mendelssohns Tode erleuchtete Staatsmänner die Emanzipation derpreußischen Juden anstrebten, damit auch dieser Teil der Bevölkerung an der Neuaufrichtung des seit dem Tilsiter Frieden geschwächten und zerstümmelten Landes teilnehmen könnte, fanden sie bereits die Juden für die Aufnahme in den Staat durch die jüdischen Schulen wohl vorbereitet; dank der in ihnen empfangenen Bildung wurden die neuen Bürger sich sogleich der Pflichten bewußt, die sie durch ihre Einbürgerung übernommen hatten und erfüllten sie in der gewaltigen Zeit der deutschen Freiheitskriege, wie manche Tafel-in den Gotteshäusern der östlichen Provinzen berichtet, durch die Tat oder doch wenigstens durch willige Hergabe reichlicher Mittel. Und noch ein zweites Moment muß bei diesen Erziehungsschulen, so verdienen die jüdischen Schulen im wahren Sinne des Wortes genannt zu werden, hervorgehoben werden:' Ihr Entstehen fällt in das Zeitalter der Aufklärung und Humanität, in dem die Idee der allgemeinen Menschenrechte, der Würdigung des Menscher: als Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft und Glauben alle gebildeten Kreise erfüllte. Diese Idee gab die Grundlage für die neuen Schulen ab, Duldsamkeit und Friedfertigkeit wurden in ihnen von ihrer Begründung ab oberstes Erziehungsziel. Lehrer und Schüler waren, auch wenn sie die Formen der jüdischen Religion aufs peinlichste und strengste wahrten, zu allen Zeiten von dem Geist durchdrungen, der ihren Vätern Erlösung aus jahrhundertelangem unsagbaren Druck gebracht hatte: Währe Humanität, Mensch en- und Nächstenliebe, wie sie vor mehr als drei Jahrtausenden der aus der Sklaverei Aegyptens befreiten Schar jzur göttlichen Pflicht gemacht worden war, Achtung vor jeder anderen Ueberzeugung und treue und nnige Anhänglichkeit an das Land, das ihnen nun wieder, wie schon einmal vor Jahrhunderten, Heimat und Vaterland geworden war — diese Gesinnungen durchwehten die Räume des jüdischen Schulhauses, wo wackere Männer, die sich mühsam und ohne jede Anleitung zu Lehrern herangebildet, die wissensdurstige Jugend unterrichteten. Bei solchen Gesinnungen konnten die jüdischen Schulen nicht in die engen Schranken des Bekenntnisses gebannt werden, die den übrigen Volksschulen, die von Religionsgemeinschaften erhalten wurden, eigen waren. Von vornherein sollten die Wohltaten der jüdischen — so wollte es Israel Jacobson für die Schute in Seesen,-so Geisenheimer für das A) Aus : einer demnächst' erscheinenden Broschüre: „Das Schulunterhältuugsgesetz und die preußischen Burger jüdischen Glaubens". Philanthropin ist Frankfurt, so David Friedländer für die jüdische Freischule zu Berlin — allen Kindern ohne Unterfchied des Glaubens zuteil werden, „alle Kinder sollten in dem großen Garten des Herrn Gleichberechtigte sein, alle sich zu dem hohen und höchsten Zwecke vereinigen, zum gemeinschaftlichen Wähle der Menschheitjeder nach seinen Kräften, fördernd zu helfen!" Wenn trotzdem-die Wohltaten, die von den jüdischen Schulen ausgingen, in Preußen zumeist nur dem jüdischen Teil der Bevölkerung zugute kamen, so lag die Schuld hierfür lediglich an den Regierungen, die die Aufnahme christlicher Kinder in jüdische Schulen durch gesetzliche Bestimmungen unmöglich machten. Auf die Hoffnungsblüten der neuen Bürger des Vaterlandes siel nach Beendigung der Freiheitskriege der Mehltau erneuter engherziger Beschränkungen, aber bei allen Enttäuschungen und Zurücksetzungen bewahrten die jüdischen Schulen die Ideale der vergangenen großen Epoche; ihre Lehrer, die nunmehr auf den neubegründeten israelitischen Lehrerbildungsanstalten auch mit dem Rüstzeug der modernen Pädagogik versehen waren, hielten das alte Ziel der jüdischen Volksschule: weltliche Bildung und religiös sittliche Hebung der Schülerpersönlichkeit, unverrückt fest. Unablässig blieben sie selbst trotz kärglicher Besoldung, trotz der Sorge um die ungewisse Zukunft, um die eigene Weiterbildung bemüht; schon ihr Beruf als Führer und Prediger in kleinen Gemeinden lenkte ihren Blick auf die Schätze, die im jüdischen und deutschen Schrifttum der Nachwelt überliefert sind und erhob sie auf eine geistige Höhe, die auch ihrer Lehrtätigkeit reiche Förderung brachte. Nicht wenige von diesen Lehrern sind durch unermüdliche Weiterbildung in höhere Berüfskreise gelangt; die ältere Generation der deutschen Rabbiner, die meisten Seminarleiter der früheren Zeit, zahlreiche Lehrer an höheren Unterrichtsanstalten, Aerzte, Juristen und Universitätslehrer haben sich zuerst als jüdische Volksschullehrer erproben können. Neben dem Vorzug so trefflicher Lehrkräfte waren und sind es noch heut eine Reihe äußerer Umstände, die der jüdischen Volksschule den Vorrang vor vielen anderen gleichartigen Unterrichtsanstalten gesichert haben. Zunächst waren dem einzelnen Lehrer von jeher nur eine kleine Zahl von Schülern anvertraut, die er überschauen und individuell fördern konnte. Wuchs durch Vermehrung die Zahl, so blieb es eifriges Bestreben der Eltern, die mit wachsamem Auge die Leistungen der Schule verfolgten, die Klassenzahl zu vermehren und einen zweiten oder dritten Lehrer anzustellen; es kam nur in Ausnahmesällen vor, daß die Zahl der einem Lehrer zugeteilten Kinder mehr als 50 betrug. Wie anders waren und liegen noch heut die Verhältnisse in anderen Volksschulen trotz aller eifrigen Bemühungen der Regierung; trotz der zahlreichen Vermehrung der Seminarien und Präparandenanstalten! Nach der amtlichen Statistik von 1901 hat eine Lehrkraft in 692preußischen öffentlichen Volksschulen inehr als 120 Schulkinder, in 132 Schulen mehr als 100, in 1051 Schulen mehr als 89 zu unterrichten; selbst diese letzte Zahl wird in keiner der bestehenden 244 öffentlichen jüdischen Volksschulen auch n u r a n n ä hern d erreicht. Während in Preußen durchschnittlich 56 Kinder in der Stadt, nur 54 auf dem Lande auf eine Schulklasse kommen, unterrichtet in jüdischen Schulen im Durchschnitt ein Lehrer noch nicht 28 Schultinder, ja in 129 von diesen 244 Schulen beträgt die Schülerzahl weniger als 20. Diese geringe Zahl gleicht den Mangel in der Schulorganisation (die jüdische Schule ist zumeist einklassig) nicht nur aus, sondern .läßt naturgemäß eine n a ch h a l t i g e r e E i n w i r k u n g d e s L e h r e r s, der unter so