Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MI DWK & f? fe L'M, fclf ft 1. Dezember 1841 erhielt der Verein Mag ine Reim die.K.or^ P.vrationSrechte und konnte a.uch bald darauf die Wiederaufhilfe der durch Mangel an Mitteln in ihrer Tätigkeit gehemmten Mitglieder in das Programm : der l Gesellschaft ausgenommen werden. .Bis zum 50jährigen Jubiläum der Magine Reim im Jahre 1854 war die vollständige Gleichstellung der verheirateten mit den unverheirateten Mitgliedern angebahnt worden.. Die Ausgabe der Vereinskasse von .1845 an bis Ende des Jahres 1854 betrug die stattliche Summe von 14825 Talern. Eine kurze Zeit von der Gesellschaft eingerichtete Oekonomie zu geselligen Zusammenkünften der Mitglieder ging wieder ein; dagegensind interessante Akten im Vereinsarchiv erhalten, betreffend ein Gastmahl im August 1811, aus denen wir wegen ihres külturgeschichtlichen Wertes einiges wiedergeben. .Die Einladung zu dem Gartenfest „zum Kaffee und Abendbrot". erfolgte mit jüdischen Lettern. Dann folgt die Tischordnung:. „Jeder Vorsteher „bewirtete" (d. h. hatte die Aussicht) über elf Gäste." Der Vorsteher Aharon bar L. bar G. „hatte die Aussicht über das Bier." •, . Aus der Abrechnung entnehmen wir, daß Madame Simon und Madame Beer zur Besorgung sämtlicher Speisen 124 Taler 13; Groschen erhielten und daß der Köchin Scheindel fürs Kochen .12 Taler, zwei Aufwartsfrauen am Tage der Zudeh (8uäe) 4 Taler bewilligt.wurden. Der teuerste Posten der ganzen Rechnung sind Kaffee, Zucker und Gewürze, wodurch die Wirkung der Napoleonischen Kontinentalsperre veranschaulicht wird,' die damals auf der Höhe stand. Das Leihgeld für Glas.rc.betrug über 6 Taler, wobei man erwägen muß, daß es aus rituellen Gründen ganz neu sein mußte. Ein Herr Pentz rechnete für 6 Dutzend Salbegeten (er meinte „Servietten") 3 Taler. Wein wurde nicht getrunken. Die 32 Butelj Fredersdorfer Bier (Fredersdorf hieß der ehemalige Kammerdiener- Friedrichs des Großen, der die Brauerei betrieb) und zwölf Butelj Weißbier kosteten 4 Taler 2 Groschen. Also im Trinken waren unsere Altvorderen sehr mäßig. - Herr Dr. Minden hat uns aber nicht nur einen Blick in das kulinarische Leben der damaligen Berliner Khille, sondern auch in die Gedankenwelt jener Zeit eröffnet. Das Statut der Magine Reim führt als Motto folgende Verse: „Zwillingsschwestern sind den Menschenleiden Schützend als Gefährten mitgeboren: Holde Menschenlieb und edle Freundschaft, - - Möge unser Bündnis ewig dauern." Unter den Vorsitzenden der Magine Reim im letzten Hatbjahrhundert sind an erster Stelle zu nennen : Meyer Samuel Baswitz und Joel Wolff Meyer, Teilhaber der angesehenen Seidenfabrik Jakob Abraham Meyer, der dieses Amt von 1855 bis zu seinem Tode im Jahre .1869 verwaltete. In dieser Zeit wuchs der Verein von 408 auf' 559 Mitglieder. Zum fünfzigsten Stiftungsfest am 25. März 1855 war das anfangs in Aussicht genommene Lokal der. Gesellschaft .der Freunde zu klein. Die Magine Reim unterscheiden sich von dieser gleichfalls auf dem Boden der jüdischen Gemeinde erwachsenen Gesellschaft und von dem ebenso könstituierten Brüderverein, die ebenfalls ursprünglich Vereinigungen von' Junggesellen waren, dadurch, daß die Magine Rei'rn nur Juden aufnehmen, während die beiden anderen bekannten Vereine , den konfessionellen Charakter abgestreift haben. In ihrer Humanitären Wirksamkeit begegnen sich alle drei Vereine; eine große Anzahl der Mitglieder. gehört allen dreien an, sie helfen sich im Leben und geben einander das letzte Geleit. Daß-Männer,-die znm Teil erheblich mit Glücksgütern gesegnet find, aus der Höhe ihrer gesellschaftlichen Stellung sich fortdauernd an den Wandel-alles Irdischen in derftnterftützung Notleidender erinnern, darin liegt der 'moralische Wert einer solchen Vereinigung, die, wie die'Magine Reim mit der jüdischen Gemeinde Berlin eng verwachsen ist. Demjenigen, der in der Geschichte der Berliner Familien genau bekannt ist, erzählt das Archiv der Magine Reim so manche erschütternde Tragödie mit dem alten Motto: „Wie. wandelbar ist doch irdisches Glück!" , Dieser , oder jener war einst bei der . Aufnahme in den Verein ein reicher Mann, der mit vollen Händen spendete und nicht daran dachte, daß ihm einst die Wohltaten des Vereins zugute kommen würden. Und doch sind solche Wendungen eingetreten und die Magine Reim haben stets das schöne Gebot talmudischer Ethik hierbei beachtet: Man müsse Wohltaten in der Art erzeigen, daß derjenige, dem sie zugute kommen, darüber nicht zu erröten brauche. Außer den Vorstandsmitgliedern, welche tiefstes Schweigen darüber beobachten, erfährt keiner, ob jemand und in welcher Weise derselbe vom Verein unterstützt worden ist. Von den verdienten Vorsitzenden der Gesellschaft sind aus neuerer Zeit zu nennen: Hermann Demuth, ferner von 1879 bis. 1890 Hermann Meyer, der Sohn des früheren Direktors Joel Wolff Meyer, dann Salomon Lachmann und von 1893 bis zur Gegenwart Herr Moritz Manheimer. Schriftführer war seit 1868 der bekannte Literarhistoriker Dr. David Cassel und nach dessen Tode seit 1893 Dr. Georg Minden, dem wir die interessante Festschrift verdanken. Als Arzt der Gesellschaft fungierte Dr. C. Lehseld, welcher 1891 starb. An seiner Stelle übernahm diese Tätigkeit der Geheime Sanitätsrat Dr. I. Blumenthal. Unter den 14 Stiftungen des Magine Reim seien hier nur erwähnt : die Moritz und Bertha Manheimer - Stiftung, die Franziska Ginsberg - Stiftung, die Adolf Ginsberg-Stiftung und der Hermann Demuth- Fonds. Es sei uns zum Schluffe gestattet, mit einigen Sätzen der Festschrift unsere Mitteilungenzu beschließen: Im Jahre 1804, als die Magine Reim begründet wurdezählte Berlin 182 157 Einwohner, jetzt ist die Zahl auf zwei Millionen gestiegen, wozu noch etwa eine halbe Million Einwohner der Vororte kommen. Die jüdische Gemeinde zählte damals wenige tausend Mitglieder und ist jetzt auf mehr als 100 000 Seelen angewachsen ... Im Beginn des 19. Jahrhunderts wohnten die Israeliten Berlins eng zusammengedrängt in der Nähe der Synagoge in der Heidereutergasse, in der Gegend der Spandauerstraßedem Sitze des Großhandels. Zwar nannte Berlin sich schon von langer Zeit her die „Stadt ' der Intelligenz" und wir wollen die Bemerkung nicht unterdrücken, daß schon in der Zeit der Gründung des Vereins jüdische Männer und jüdische Frauen Berlins, in der literarischen Welt eine hervorragende Rolle spielten . . . Heute ist Berlins Bürgerschaft eifrig 'bemüht, in allen Zweigen der Kultur den ersten Platz zu erringen und zu behaupten. Der in der Magine Reün lebendige Geist, der- Geist brüderlicher Gesinnung ist derselbe Geist, der das ganze gewaltige Gebäude der modernen Wohltätigkeit geschaffen hat. In diesem Geiste hat die Magine Reün hundert Jahre hindurch ihren Mitgliedern zugerufen: „In jeder Zeit liebt der Freund. Aber für die Not ist er als Bruder geboren." So möge denn der Gesellschaft auch im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens eineffegensreiche Tätigkeit beschieden sein. Es sei ihr auch ferner' vergönnt. Gebeugte aufzurichten und Trauer in Trost zu verwandeln.' Üi