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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-02 · Heft 49 (2.12.1904) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 Anhänger in die Arme der Gegner getrieben. Wohl hörte man auch heute noch hier und da die Meinung, .man dürfe die Liberalen nicht wählen, „sie würden ja den Sabbat abschaffen." Doch die Führer und Kandidaten des „Zentralvereins für die religiösen Interessen der jüdischen Gemeinde" waren am Wahltag ruhiger und, da sie den gewünschten Erfolgnicht sahen, wohl auch mehr entmutigt als vor drei Jahren. Noch aus einem anderen Grunde ist der Sieg der Liberalen bemerkenswert. Sie hatten gegen drei Gegner zu kämpfen, die sich gegen sie verbunden hatten, und sie waren ganz allein geblieben. Der „Zentralverein", wohl wissend, daß er diesmal einen .harten Kampf zu bestehen haben werde, hatte den „Verband der Synagogenvereine" sich dadurch zu gewinnen gewußt, daß er den Vorsitzenden des Verbandes als Kandidaten auf seine Liste stellte. Aber auch die Mitwirkung der Zionisten erschien den Konservativen erstrebenswert und ihnen bewilligte der „Zentralverein" als äominus tractans sogar zwei Kandidaten. Man ist versucht zu fragen, wo in aller Welt denn das ganze Kontingent der Anhängerschaft dieser verschiedenen Vereinigungen geblieben ist? Der Synagogenverband behauptete, mindestens 2000 Stimmen aufzübringen, die Zionisten noch mehr, und schließlich ist die Gesamtzahl der Stimmen aller drei Gegner eine kleine geworden. Und was für Anstrengungen hat der Zentralverein und sein Gefolge unternommen, um den Sieg an seine Fahne zu ketten! In jeder konservativen Wahlversammlung konnte man es hören, wie gefährlich es fei, einen Liberalen in die Gemeindeverwaltung zu entsenden; so hieß es dort: wer den sonntäglichen Predigtgottesdienst in der Synagoge will, der wähle die liberalen Kandidaten, wer aber nicht, der wähle die anderen Kandidaten. Mit anderen Worten wollten die Gegner damit sagen, wer daß Judentum vernichten will, der möge die liberalen Kandidaten wählen. Glücklicherweise hat die Wählerschaft allen diesen Entstellungen und Unrichtigkeiten das Ohr nicht geliehen. Die Wähler konnten nicht glauben, daß Männer wie Moritz Manheimer und Louis Sachs, die sich seit Jahren um alles das, was großes in der Gemeinde geschaffen worden ist, verdient gemacht haben, daß diese Männer sich dazu hergeben würden, Einrichtungen schaffen zu Helsen, die dem Judentums nicht zum Heile sein sollten. Die Berliner Wähler sind im Grunde immer liberal gewesen. Sie haben sich nur dem Liberalismus abhold gezeigt, als man sie durch eine unerhörte Agitation glauben machte, daß die Liberalen an den Grundfesten des Judentums rütteln wollten; nachdem sie sich aber überzeugt, daß die liberale Partei ganz und gar nicht daran denke, haben sie sich wieder dem Liberalismus, der durch das Treiben der pseudo-konservativen Partei gefährdet erschien, zugewendet und werden ihm wohl auch ferner treu bleiben, indem sie die bewährten Traditionen der Berliner Gemeinde festhalten. Der Kampf, der zwischen den um den Sieg ringenden Parteien geführt wurde, hat sich so lange in ruhigen Bahnen bewegt, bis die Gegenpartei ein viele Unrichtigkeiten enthaltendes Flugblatt veröffentlichte. Hierin wurde unter anderem zum Ausdruck gebracht, daß die Konservativen Zwietracht vermeiden und ein Kompromiß schließen wollten, daß ihre Bemühungen aber vergeblich gewesen seien. Gerade das Gegenteil war der Fall! Der Vorstand des - „Liberalen Vereins" war sehr geneigt, eine Verständigung zwischen beiden Parteien herbeizuführen; natürlich konnte er nicht aus Bedingungen eingehen, die für den Bestand der liberalen Partei gefährlich geworden wären. Doch nicht der „liberale Verein" ist es gewesen, welcher schließlich die Unterhandlungen abgebrochen hat, sondern der „Zentralverein" war es. Die Führer des letztgenannten Vereins wären zwar noch zu einer Verständigung bereit gewesen, die sogenannte 75 er Kommission überstimmte jedoch den eigenen Vorstand und wollte von einem Vergleich absolut nichts wissen. Auf diese Weise haben sich die Verhandlungen zerschlagen. Der Zentralverein ist eben nicht mehr Herr im eigenen Hause, indem — wie überall im öffentlichen Leben — die radikaleren Elemente nachdrängen und alles über den Hausen' zu werfen drohen. Das zeigt sich schon jetzt, indem sofort nach der Wahl zur Gründung eines neuen „Jüdischen Volksvereins" alle diejenigen ausgefordert werden, welche „von der Unzulänglichkeit der bisherigen Wahlagitation durchdrungen sind." Weiteren Unrichtigkeiten des oben erwähnten Flugblattes begegnete in überzeugender Weise ein Aufruf, den der „Liberale Verein" an alle Wähler zur Versendung brachte, in welchem auch darauf hingewiesen wurde, daß der Zentralverein sein vor neun Jahren veröffentlichtes Wahlprogramm, abgesehen von zwei Ergänzungen, fast wörtlich diesmal wiederholt und hierdurch dokumentiert habe, daß er trotz seiner langjährigen Herrschaft in der Repräsentantenversammlung keine einzige seiner Forderungen zu erfüllen versucht hat. Noch am letzten Tage vor der Wahl folgte eine Entgegnung des Zentralvereins, die aber keinen Erfolg hatte. Wenn es in derselben heißt, die liberalen Kandidaten wollen den sonntäglichen Predigtgottesdienst, sie müssen ihn wollen, so ist dies eben nach den vorangegangenen Erklärungen seitens der Liberalen bei jedem einsichtigen Wähler ohne den gewünschten Eindruck geblieben. Die Schärfe in den Wahlkamps ist, wie wir in Vorstehendem gezeigt haben, sicherlich nicht von den Liberalen hineingebracht worden. Nur die Gegenpartei hat Anlaß gegeben, den Wahlkampf im letzten Stadium zu einem so erbitterten zu gestalten. Sie stellte Behauptungen auf, für welche absolut keine Unterlage zu finden gewesen ist, sie schob den Liberalen Gedanken und Absichten unter, die diese nie und nimmer gehabt haben. So sagte noch am 31. November ein Flugblatt, daß die Liberalen den Wahlmodus abändern und 'allen denjenigen, die nur sechs Mark Steuern zahlen, das Wahlrecht nehmen wollen. Nicht ein einziges Wort ist hiervon wahr! Die in Ermangelung sachlicher Behauptungen unternommenen persönlichen Angriffe gegen einige liberale Kandidaten konnten noch in der letzten Versammlung des Liberalen Vereins mit vollem Erfolge von Herrn Benas Levy zurückgewiesen werden. Bemerkenswert ist es auch, daß. die Ankündigungen des Zentralvereins in den Tageszeitungen betreffs der Kandidaten nicht etwa lauteten: die Konservativen sind . . . ., nicht einmal, unsere Kandidaten, oder die Kandidaten des Zentralvereins sind. . ., sondern es hieß lediglich: die Kandidaten für die Repräsentantenwahlen sind folgende Herren. Der Zentralverein zog es also vor, diesmal nicht unter offener Flagge zu segeln. Wir sind sicher, daß die Wirksamkeit der liberalen Repräsentanten, welche am 1. Januar nächsten Jahres ihr Amt antreten werden, den Beweis erbringen wird, daß alle ihre Maßnahmen dazu bestimmt seien, nicht nur das Judentum zu erhalten, sondern es zu fördern und zu kräftigen und allen religiösen Richtungen gerecht zu werden — in wohltuendem Gegensatz zur Herrschaft der Konservativen, die lediglich ihre Interessen in der Gemeindeverwaltung vertreten haben. Die Regsamkeit, die früher unter liberalem Regime geherrscht hat, wird nach diesem Interregnum sich hoffentlich wieder geltend machen zum Wohle unserer Gemeinde! -«8. '

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