Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228630--61286-3275102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- I '' WMM HMMH ‘; ’ ' Mangel herrscht, alljährlich 1000 bis ^1200 Mark zu, gewähren. Der Verband muß, wie der Vorsitzende weiter ausführt,- nunmehr dazu übergehen, sich auch mit anderen Gruppen von 'AnterstützungS-. KW' bedürftigen zu befassen. Der hier bestehende Deutsche ' Verein für ' Kinderasyle, welcher auch hilflosen jüdischen Kindern aus den ersten Lebensjahren eine eigene Abteilung 'eingeräumt hat, ist mit der An-' frage lau den Verband, getreten, welche Vereine oder Stiftungen sich bereit finden würden, das Kinderasyl finanziell zu unterstützen. Die Unterstützung werde naturgemäß nur unter der Bedingung erfolgen können, wenn die Beitrag zahlenden Vereine betreffs der Versorgung der jüdischen Kinder einen Einfluß aus die Verwaltung des Kinderasyls erhalten. In der Frage der Hauspflege sind bisher wesentliche Fortschritte noch nicht erzielt worden. Der Mangel liegt darin, daß der Weg der Hilfeleistung ein falscher ist. Zunächst wird der Arzt festzustelleN haben, ob es sich im einzelnen Falle um einen Kranken oder um einen Armen handelt;', im ersteren Falle wird er selbständig die erforderlichen Maßnahmen treffen, im anderen Falle lvird der Armenpfleger in Tätigkeit zu treten haben. Es fehlt noch die Hauspflege, die bisher nur irr Krankheitsfällen geübt wurde, in Fällen der Not, und gerade diese Fälle werden gefunden werden, wenn erst der Arzt die Untersuchung - vornimmt. Solange die Scheidung zwischen Armen und Kranken nicht genügend vorgenommen wird, so lange wird die Hilfe keine ausreichende sein können. —Dem Verbände sind nunmehr 69 Vereine angeschlossen. Vom 1. April bis 31. Oktober d. I. sind 4922 Gesuche eingegangen, denen 4712 Berichte gegenüberftehen, welche an die Zentralstelle abgegeben worden sind. Der Vorsitzende empfiehlt schließlich noch, in Erwägung zu ziehen, ob nicht die Errichtung gemeinsamer Beratungslokale für alle Ver- , eine ein recht wünschenswertes Ziel sein dürfte. Der innere Betrieb dev Vereine würde dadurch erhebliche Erleichterungen und Verbesserungen erfahren, die unangenehmen Nebenarbeiten würden in Fortfall kommen, ja selbst die Berichte an die Zentralstelle könnten gespart werden, da der Beamte der Zentralstelle den Sitzungen der Vereine beiwohnen müßte, das gesamte Aktenmaterial könnte in Peinlicher Ordnung gehalten werden und endlich könnte die Einziehung der Beiträge für die einzelnen Vereine durch das Bureau in einer sestzustellenden Reihenfolge vorgenommen werden. — Alsdann hielt Herr Rechtsanwalt Dr. Felix Meyerstein den angekündigten Vortrag: „Die jüdische Wohltätigkeitspflege für Minderjährige — ein Rückblick — ein Ausblick." Von dem Gedanken ausgehend, daß wohl niemals stärker die Fürsorge für Minderjährige in die Erscheinung getreten ist als im letzten Jahrzehnt, dem eine stattliche Anzahl der verschiedensten Spielarten solcher Institutionen zu danken ist, die ihren krönenden Abschluß in dem preußischen Fürsorgegesetz mit seinen weitgesteckten Zielen der Zwangserziehung gefunden haben, gab der Redner zunächst eine Rückschau auf die Kinderfürsorge bei den Juden des Altertums. Während in den ältesten Zeiten die Kinderfürsorge einzig und allein den Familien oblag, trat erst mit der Entstehung der jüdischen Gemeinden und mit deren äußerer Erstarkung und innerer Festigung ein bewundernswerter Fortschritt auf diesem Gebiete ein. Im Jahre 1829 wurde in dieser Beziehung die erste Stiftung errichtet, die Moses Mendelssohwsche Waisenerziehungsstiftung, in welcher 50 arme jüdische Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren zur Erziehung und Ausbildung untergebracht sind. Vom Jahre 1829 ab bis zur Jetztzeit ist eine unermeßliche Zahl von Wohlfahrtseinrichtungen entstanden, welche fast jedes Alter der Kinder bis zu ihrer vollen Selbständigkeit nach Menschenkrast und Menschenmöglichkeit versorgen. Und doch gibt es noch einen Weg zum Wohltun, der bisher noch nicht . genügend beschritten ist ' und noch lange nicht ausreichende Beachtung gefunden hat, einen Weg, der des Anbaus wert und fähig ist/ Es ist die präventive oder vorbeugende Jugendfürsorge. Während der bisherigen Fürsorgetätigkeit das Merkmal eigen ist, daß sie erst gewährt wird, nachdem die Notlage eingetreten und den Gemeinden, den Stiftungen oder den einzelnen nachgewiesen ist, soll die vorbeugende Fürsorge die Gefahr eines wirtschaftlichen oder Persönlichen Niederganges rechtzeitig erkennen, die Mittel ersinnen, um der Gefahrlage vorzubeugen und nicht bloß unterstützen durch Geben, sondern unterstützen durch Helsen, damit die Kinder der Armen zu selbständigen und selbsttätigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden können. Ihr ^Tätigkeitsfeld wird diese Art der Fürsorge bei den Kindern im 14; bis 21. Lebensjahr zu suchen haben, doch wird sich ihr Zweck nur dann erfüllen, wenn sie miteinem erheblichen Fonds ausgestattet und von -einer Zentralstelle aus geleitet und geübt wird. Diese Aufgabe könne leicht mit Hilfe der bereits bestehenden und segensreich wirkenden Fürsorgekommission der jüdischen Gemeinde erfüllt werden,.. welche bisher nur den Strafentlassenen oder Untersuchungsgefangenen' zur Seite steht und den verwahrlosten Kindern oder solchen, welche der Verwahrlosung entgegengehen, Schutz angedeihen läßt. Das Tätigkeitsgebiet der Fürsorgekommission zu erweitern, die Zahl der ehrenamtlichen Pfleger, und Pflegerinnen nach Möglichkeit zu vermehren, etwa durch eine Reihe von besoldeten Rechercheuren, wäre die dring? lichste und wünschenswerteste Forderung der Zukunft. Den Mitgliedern der Kommission würde, die Aufgabe zufallen, ihr Augenmerk denjenigen notleidenden Familien zu widmen, in denen eine heranreisende Jugend lebt, um diese Kinder in eine reinere und sorgen- - freiere Atmosphäre überzuführen, ihnen den Weg zu bahnen für ehrliche und redliche Arbeit. Daneben hätte sie ihre Arbeit denjenigen Familien zuzuwenden, in denen beide Eltern den Tag über außer dem Hause für den Erwerb sorgen'müssen, oder vielleicht durch Krankheit verhindert/sind, sich um ihre Heranwachsenden Kinder zu kümmern. Zu der leiblichen Not gesellt sich gar bald eine geistige und sittliche Verwahrlosung, die in späteren Jahren recht häufig den Steg zur Straftat bildet. Die Schwierigkeit der vorbeugenden Jugendfürsorge soll nicht unterschätztwerden. Der Widerstand unverständiger Eltern, ja oft der Pfleglinge selbst sei zunächst zu überwinden. Doch, wie die gesamte Armenfürsorge individuell zu be- ' trachten sei, so werde in dem einen Falle schon der Rat eines Pflegers genügen, in anderen Fällen der wiederholte Besuch die pflichtvergessenen Eltern an ihre Pflicht erinnern. Mit Langmut und Güte, den Vorbedingungen jeglicher Liebestätigkeit, werde das gesteckte Ziel erreicht werden können. Wenn es uns gelingt, den Kreis derer zu mehren, welche durch vorbeugende Fürsorge errettet wurden, so war's der Mühe wohl wert. Je mehr man der vorbeugenden Jugendfürsorge Rechnung trägt, um so mehr wird sich die Zahl derjenigen vermindern, die in reiferen Jahren genötigt sind, die Hilfe der Armenkommission oder mildtätiger Gemeindemitglieder in Anspruch zu nehmen. — Der nach Form und Inhalt gleich vorzügliche Vortrag .fand außerordentlich lebhaften Beifall. Sämtliche Redner in der sich anschließenden Diskussion betonten die große Schwierigkeit, diese ernste Frage zu lösen, aber alle anerkannten den hohen.Wert des neuen Gedankens, denjenigen Jugendlichen zu helfen, bei denen es sich nicht um eine Gefährdung im Sinne des Fürsorgegesetzes, sondern im Sinne der Wohlfahrtspflege handelt. Die einmütige Zustimmung zu den Ausführungen des Referenten fand ihren Ausdruck in der widerspruchslosen Annahme einer von Herrn Martin Simon angeregten Resolution, in welcher die bisherige Wirksamkeit der Fürsorgekommission dankend anerkannt und im Anschluß an die Vorschläge des Referenten eine Erweiterung ihrer Tätigkeit uns die Minderjährigen gewünscht wird. Die Verbandsleitung wird den sehr interessanten Vortrag in Druck geben und außer den Verbandsmitgliedern , auch dem Vorstande der jüdischen Gemeinde zugleich mit der Resolution überreichen lassen. 1 . s. Berlin, 21. November. Am 12. d. M. verschied nach schwerem Leiden der Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr S a l l y D r o g o t s ch y n. Nachdem der nunmehr Verstorbene bereits mehrere Jahre im Dienste der Gemeinde gestanden, wurde er als ständiger Kantor der Lindenstraßensynagoge angestellt, wo er etwa 13 Jahre amtierte. Hier erwarb er sich durch seinen Gesangsvortrag und seine schone Tenorstimme die Anerkennung der Besucher des Gotteshauses. Der Dahingeschiedene, der von seiner Heimat in Russisch-Polen ein tüchtiges hebräisches und auch talmudisches Wissen mitbrachte, war sehr religiös und hatte auch ein fühlendes Herz für die Armen. Die am vorigen Dienstag in Weißensee erfolgte Beerdigung geschah unter Beteiligung zahlreicher Gemeindemitglieder, sowie der Kollegen, des Verstorbenen. Rabbiner Dr. Rosenzweig hielt die Trauerrede, in der er in beredter Weise das Charakterbild des Verstorbenen zeichnete.' Seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung. Sodann rezitierte der älteste Kantor der Gemeinde, Herr Rosenthal, in ergreifender Weise das Gebet ,E1mole rachamim“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.