Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 48. Der Gemeindevote. Berlin, 25. November 1904. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums ikorrelponden-en und Mschrichtrn. Deutschland. •A- »gflttt. 21. November. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat die nachfolgende Tagesordnung für die am 4. und 5. Dezember stattfindende Frankfurter Konferenz über die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation ausgegeben. Referent ist Dr. P. Nathan. Thesen: A. Aufgaben. Die Aufgaben, die zu lösen wären, sind die folgenden: 1. Es müssen die Auswanderer aus dem östlichen Europa schon in ihren Heimatländern über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung aufgeklärt werden. Sie sind über die besten Reisewege zu informieren. Es muß angestrebt werden, zugunsten der Auswanderer möglichst gute Bedingungen für die Eisenbahn- und Schifftransporte zu erlangen. Die Auswanderer müssen auf der Reise vor Bedrückung und Uebervorteilung geschützt werden. Sie müssen im Lande ihrer Bestimmung, soweit möglich, dezentralisiert und schnell durch den Nachweis von Arbeitsgelegenheit zur Selbständigkeit herangebildet werden. 2. Es ist nicht durch Gewährung barer Zuschüsse die Auswanderung zu erleichtern und zu ermuntern. 6. Organisation zur Lösung obiger Aufgaben. Zur Lösung obiger Aufgaben sind zu bilden: 1. Landesorganisationen; ihnen liegt es ob, im östlichen Europa die Auswanderer über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung, sowie über die besten Reisewege aufzuklären und den Transport der Auswanderer alsdann bis zur Landesgrenze zu überwachen. Die Artsgabe der Ueberwachung nebst der Vorsorge für möglichst billigen Transport liegt allen Landeskomitees der Durchgangsländer ob. Die Aufgabe, für die Ausgewanderten möglichst schnell Arbeitsgelegenheit zu schaffen, fällt den Landesorganisationen jener Länder zu die das Reiseziel der Auswanderer sind. Die Landesorganisationeu, denen es vielfach obliegen wird, mit der Regierung urrd den Behörden ihres Landes zu verhandeln, müssen sich eine derartige Form geben, wie sie den Verhältnissen des einzelnen Landes am besten entspricht und zur Erreichung der vorgesteckten Ziele am zweckdienlichsten ist. Um das Zusammenarbeiten der einzelnen selbstständigen Landesorganisationen zu verbürgen, ist ein internationales Komitee zu bilden, dessen Aufgabe es wäre a) in Fällen, wo die Larrdesorganisationen versagen, einzugreisen, b) in Fallen, wo die Größe der Auswanderung ganz bedeutende Maßnahmen erfordert, die gegebene Vorsorge zu treffen. Das internationale Komitee wäre zu bilden aus je einem Delegierten der großen, auf der Konferenz vertretenen jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen und aus solchen Einzelpersonen, die für die Sache nützlich sein können. Dieses „Internationale Komitee für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa" gibt sich eine Geschäftsordnung selbst. Endlich wäre 3. ein „Internationales Zentralbureau für die Auswanderung ans dem östlichen Europa" zu bilden. Diesem Bureau läge es ob, alle auf die Auswanderung bezüglichen wertvollen Informationen zu sammeln; Eisenbahntarife, Schifffahrtstarife, die Nachrichten über die Lage des Arbeitsmarktes in den Auswanderungsländern, Nachrichten über die Vorbildung der Auslvanderer in ihren Heimatländern rc. re., um alsdann durch eine zweckentsprechende Verwertung und einen zweckentsprechenden Austausch dieser Nachrichten den Auswanderern für ihr Fortkommen möglichste Erleichterung, den Landeskomitees für ihre Maßnahmen die nötigen Unterlagen zu schaffen. Dieses Bureau müßte seinen Sitz in möglichst zentraler Lage haben, zwischen den Herkunftsländern der Auswanderer und den Ländern, in die sie sich begeben. Resolutionen: Es wird beantragt: Die Versammlung beschließt gemäß obigen Thesen, 1. daß die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde, 2. daß ein „Internationales Komitee für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa", sowie 3. daß ein „Internationales Zentralbureau für die jüdischen Auswanderer aus dem östlichen Europa" gebildet werde. y. Berlin, 21. November. In der Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin vom 5. d. M. hielt Herr Dr. Adolf Löwenberg einen Vortrag: „Wie kann der Unterricht im Hebräisch-Lesen interessant gemacht werden?" Der Vortragende behandelte zuerst die Bedeutung des Interesses und die Grenzen, welche der Forderung: Unterrichte interessant! im Rahmen eines charakterbildenden Unterrichts gezogen sind. Er prüfte dann, inwiefern mittelbar und unmittelbar der Unterricht im Hebräisch- Lesen das Kind von vornherein zu interessieren vermag und kam zu dem Ergebnisse, daß im wesentlichen nur die Fora: des Unterrichts oder die Art der Behandlung es ist, die Interesse für diesen Unterrichtsgegenstand zu erwecken vermag. Es kommt beim Unterricht im Hebräisch-Lesen hauptsächlich in Betracht das intellektuelle Gefühl der Lust, das durch gelingende Geistesarbeit, durch jede Bereicherung unseres Wissens, durch bewußte Beherrschung von Widerständen hervorgerufen wird. Es wird hierauf die Anwendung der verschiedenen Lehrmittel und Methoden, die Beteiligung der beim Unterrichte im Hebräisch-Lesen in Tätigkeit versetzten Geisteskräfte und die Bedeutung der Lehrperson darauf hin untersucht, inwiefern sie einen: Interesse erweckenden Unterrichte im Hebräisch-Lesen dienstbar gemacht werden können. Eine zweite Reihe von unterrichtlichen Maßnahmen findet ihre Rechtfertigung durch das in: späteren Verlaufe des Unterrichts sich einstellende Interesse an der Sache, wo sich der Text dem Schüler als sinnvolle Sprache enthüllt und die aus der Muttersprache geläufigen Begriffe gleichsarn ein zweites Dasein führen. — An den Vortrag schloß sich eine Diskussion, in der auf verschiedene Methoden und Lehrmittel hingewiesen wurde. Der Antrag des Vorstandes, daß neben staatlich geprüften Lehrern auch Rabbiner und Studierende der jüdischen Hochschule dem Vereine beitreten können, wurde angenommen. Ferner beschloß die Versammlung, daß aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Vereinigung eine Festschrift herausgegeben werde. 8. Berlin, 20. November. Die 16. Delegierten-Versammluug des Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege, die sich eines sehr zahlreichen Besuches zu erfreuen hatte, wurde vom Vorsitzenden, Herrn Justizrat Breslauer, mit einem Bericht über die Tätigkeit des Verbandes eingeleitet. Die Organisation der Wöchnerinnenpflege hat stetige Fortschritte zu verzeichnen; durch dieselbe ist es möglich geworden, eine große Reihe von Fällen besser zu erledigen, als dies früher geschehen konnte. Während der ersten sechs Monate des Geschäftsjahres sind von 982 Personen 269 Gesuche eiugegangen. Die Zahl derer, welche sich noch an mehrere Vereine . wenden, wird ständig kleiner. Es konnten 153 Wöchnerinnen mit einem Gesamtbeträge von 4730 Mark unterstützt werden. Auch die bewilligten Summen find gegen früher gestiegen. Die größte Zahl von Bewilligungen ist in Höhe von 30 Mark erfolgt, eine in Höhe von 55 Mark, eine andere sogar im Betrage von 60 Mark, während Unlerstütznngen in: Betrage von 10 Mark, welche früher die große Mehrzahl bildeten, nur noch in geringer Zahl gewährt wurden. Acht Fälle mußten abgewiesen werden, weil es sich um Mischehen handelte, drei Fälle wurden dem Verein „Gmilns chassodim" überwiesen, weit Frühgeburten Vorlagen, ein Fall konnte ferner durch .. die Organisation keine Erledigung finden, weil er eine uneheliche Geburt betras. Es hat sich nunmehr endlich ein Verein gefunden, der diesen Müttern Beihilfen gewähren will, doch sind die Ueberweisungen immer rwch mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Mit Recht weist der Vorsitzende des Verbandes darauf hin, daß bei allen interkonfessionellen Vereinen schon längst die Unterscheidung zwischen ehelicher: und unehelichen Müttern gefallen ist. Auf Grund vor: Vorbesprechungen wird die Arbeitsteilung in der Wöchnerinnenpflege demnächst rwch eine zweckmäßigere werden. Der Verein zur Unterstützung armer jüdischer Wöchnerinnen hat sich ferner bereit erklärt, dem Frauenverein der Berliner Logen zur Beschaffung und Ausbildung von jüdischen Wochenpslegerinnen, an denen hier großer