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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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-- 576 - besitze." Wie dem aber auch sei, Amsterdam ist noch immer, eine Großgemeinde, in der jüdisches Leben kräftig pulsiert. Freilich findet die Jugend an dem Men und Hergebrachten keinen besonderen Gefallen mehr, aber das liegt nun einmal am den. Zeitverhältnissen, die mächtiger sind als alle sophistischen ‘ Beweise, daß das Judentum nur in ängstlicher Abgeschlossenheit von der Außenwelt und ihren Bestrebungen existieren könne. Andererseits aber ist auch die Sorge und der Kummer der Alten, die die Jugend in wilder Flucht scharenweise an das Banner einer Tradition, religiöses Leben und gesellschaftliche Ordnung negierenden Lehre sich herandrängen und mit allen Abarten und Auswüchsen der modernen Kultur behaftet sehen, zu begreifen und zu respektieren. Ich -muß hierbei an ein Wort Spinozas denken: „Die Dinge begreifen, heißt alle Störungen, Abirrungen und Gewaltsamkeiten verzeihen." Der Ausspruch des Amsterdamer Denkers verdient auch gegenwärtig volle Beachtung, und so überlasse ich die Beurteilung der eigenartigen religiösen und sozialen Verhältnisse, die in dieser Muttergemeinde in Israel obwalten, allen denen, die sie besser, als ich es vermag, begreifen, und kehre nun zurück zum Bericht über das, was ich gesehen, begriffen und verstanden habe. Natürlich interessierten mich in erster Reihe die jüdischen Sehenswürdigkeiten, von welchen Amsterdam, von dem Leben und Treiben in derJoden-Breetstraat ganz abgesehen, noch eine Menge auszuweisen hat. In jeder Synagoge, in jedem Betlokal gibt es etwas Besonderes zu sehen und zu bewundern. Neben der ca. 230 Jahre alten portugiesischen Synagoge mit ihrer heiligen Lade j fesselte meine Aufmerksamkeit das Gemeindehaus, in welchen: j einst die Chachamim über Uriel Acosta zu Gerichte saßen. Die Wände sind mit prächtigen Bildern geschmückt, die von einem äußerst talentvollen jüdischen Maler namens Brandom herrühren, dessen Gemälde wahre Meisterwerke jüdischer Kunst präsentieren. Schon Berthold Auerbach hat diese Bilder bewundert und in seinen Reisebriefen, auf die/ich den geneigten Leser verweise, lobend hervorgehoben. Ich beschränke mich deswegen darauf, nur zwei dieser Gemälde zu erwähnen: „Die Predigt des Rabbinats-Assessors Cardoso" und „die Einweihung der jetzigen Synagoge." Zu gern Hütte ich etwas Näheres über den Schöpfer dieser Bilder, die der Nachwelt einen unverfälschten Einblick in eine längst verschwundene Vergangenheit gewähren, zu erfahren gewünschtallein seine Spur ist nicht zu entdecken gewesen: sie ist ebenso verschollen und verwischt wie jede Erinnerung an Uriel Acosta ausgelöscht ist, über dessen Geschick in diesen: Gemeindehaus die Chachamim einst so verhängnisvoll entschieden' haben. Das einzige, das mich an diese traurige Episode in unserer Kulturgeschichte dort erinnert hat, war der Stoßseufzer eines Chachams dieser"Gemeinde, als er mir gegenüber sein schwerbeladenes Herz über die um sich greifenden modernen Ideen innerhalb seiner Gemeindemitglieder ausschüttete. In anerkennenswerter Selbsterkenntnis klagte er mir ein über das anderemal: „Unsere Zeit ist vorüber, unsere Macht ist gebrochen." Wir unterhielten uns hebräisch, aber so oft ihm ein Ausdruck fehlte, zeigte er nur seine weißen Zähne und blickte mich dabei mit seinen rabenschwarzen Augen so durchdringend an, daß ich unwillkürlich ün jene Geistlichen denken mußte, die srüher - in dem Lande, aus dem seine Ahnen entflohen waren, in gleichem Maße, wie später die Chachamim in Amsterdam über Acosta und Spinoza, sich das. Richteramt Gottes über die Juden angemaßt hatten. Zweifellos befand sich unter den von den Marannen aus Spanien und Portugal nach Amsterdam mitgebrachten Gepäckstücken auch ein ziemlich großes Stück katholischer Intoleranz und Jnquisitionshärte, dessen die Chachamim und Parnassim (Vorsteher) später in Form von niederschmetternden Bannstrahlen gegen jede freie Bewegung des Geistes sich bedientei: und dadurch nicht die Schlechtesten aus der Mitte des Judentums verdrängten. Vergeblich sah ich mich im Gemeindehaus der Portugiesen nach einen: Bilde von Spinoza um: ausgerottet ist in diesen heiligen Hallen jedes Andenken an den Mann, dessen Verdienste um den Fortschritt der Menschheit auch die geborenen Feinde seines Stammes freimütig anerkennen. Sein Vorgänger, der unter dem Namen „Acher" bekannte Faust des Talmuds, Elischa ben Abuja, war glücklicher als er: Sein Freisinn hielt einen gottesfürchtigen Jünger von ihm nicht ab, an seinem Grabe zu weinen, und der Redaktor der Mischnah scheute sich nicht, seine weisen Sprüche der Nachwelt zu überliefern, während an Spinoza noch gegenwärtig kein frommer Jude in Amsterdam denkt, ohne das „Jimach Sch'mo" (ausgelöscht sei sein Name) „er war ein. Feind der Juden", hinzuzufügen. Nur die Diamantenhändler, die in der Spinozastraße ihre Geschäfte abwickeln, schreiben und sprechen unzähligemal täglich diesen Namen aus, ohne ihm zu fluchen, vielleicht aus Dankbarkeit dafür, daß er einer der ersten gründlichen jüdischen Schleifer war. Wer weiß, ob dieser scharfe jüdische Geist, der bekanntlich sein täglich Brot mühsam als Diamantenschleifer verdiente, nicht in der Tat Bahnbrecher aus diesem Gebiet für seine Stammesgenossen war, die jetzt das Hauptkontingent der Klover, Snijder und Slijper bilden, ohne welche der Diamantenhandel in Holland und Belgien, ja auf dem ganzen Kontinent, brach läge. Das haben sie ja erst kürzlich durch ihren Ausstand bewiesen, der einen völligen Stillstand dieses kolossalen Geschäftszweiges herbeiführte. Spinoza hätte es sich sicherlich nicht träumen lassen, daß seine Berussgenossen dereinst eine so große Rolle im Verkehrsleben von Amsterdam spielen würden. Die 12000 Streikenden, unter welchen höchstens 500 Christen sich befanden, jubelten in den täglich abgehaltenen Versammlungen ihrem, nach seinem Namen „Pollack" zu urteilen, aus dem europäischen Osten stammenden Wortführer frenetischen Beifall zu und kümmerten sich um die Drohungen und bitterbösen Resolutionen ihrer Brotgeber ebensowenig, wie Baruch Spinoza um die Verwünschungen und Bannflüche der Chachamim sich gekümmert hat. Wohl gibt es in Amsterdam eine beträchtliche Anzahl reicher Juden, auch eine ganze Menge jüdischer Intelligenz, die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zur gebührenden Geltung kommt; allein die überwiegende Mehrheit der dortigen Judenheit ist blutarm und steht trotz aller Vildungsgelegenheit, politischen Freiheit und bürgerlichen Gleichberechtigung, deren sie sich zu erfreuen haben, auf einem sehr niedrigen Bildungsniveau. Eine löbliche Ausnahme machen die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eingewanderten Glaubensgenossen aus Deutschland und dem Osten Europas. Aus ihren Reihen rekrutieren sich die Industriellen, Diamantenfabrikanten, Bazarinhaber und Bankdirektoren, während die Nachkommen der alten Aschkenasim und noch älteren und einst so stolzen Portugiesen das bedauernswerte Proletariat bilden, das zum Teil in der Joden-Breetstraat mit Karren umherzieht und zum Teil als Klover, Snijder und Slijper ein kümmerliches Dasein führt. Sic transit gloria mundi! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Vera.tttvortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz m Berlin.

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