Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'' ’ '--- 575 --~ : „Vielleicht ischt: dem Herrn a halber Gulden zu viel, so können Se es mer ungescheniert sagen': ich bin dann auch mit 40 Cent zufrieden." „Es tut mir leid", entgegnete ich schroffen Tones, „ich gebe Ihnen auch keine 40 Cent." „Der Herr ischt doch a frommer Jehudi," — versuchte er mir zu schmeicheln „so helfen Se mer doch wenigstens mit a Nedowe (Gabe) von 30 Cent; denn so wahr soll der Herr leben und gesund sein, wie ich heute noch nischt gegessen habe." Eurpört über die Frechheit konnte ich nicht umhin, ihm entgegen zu halten : Aber desto mehr getrunken! Scheren Sie sich doch- „Was sagt der Herr?" sprach er mehr verwundert als gekränkt. „Scheren soll ich. mich! Ich soll mich scheren! Rebb Wolff Rubens aus Amsterdam soll sich auf seine alten Tage den Bart scheren! Nein, guter , Herr, das tut man nischt, und das tut Rebb Wolff Rubens aus Amsterdam auch nischt, nischt einmal für a Nedowe von zehn Gulden. Doch ich merk' es schon, der gute Herr hat nur gespaßt und wird mer jetzt dafür gewiß a ganzen Gulden schenken." Ich reichte ihm zehn Cent und beeilte mich, so schnell als möglich seinem Gesichtskreis zu entkommen. Allein kaum hatte ich einige Schritte seitwärts getan, da sah ich mich plötzlich von einer Horde entsetzlich verkommen aussehender Gestalten verschiedenen Alters und Geschlechts umzingelt, die in verschiedenen Idiomen kreischend auf mich einredeten, mich immer enger umkreisten und zupften und stießen und in geradezu empörender Weise so lange in ihrer Mitte .eingezwängt hielten, bis ich mich zur Entrichtung eines Tributs an ihre, wie ich später erfuhr, mehr heuchlerisch zur Schau getragene, als in Wirklichkeit existierende Dürftigkeit entschließen mußte. Indes, viel schlimmer als diese allen Schamgefühls baren Bettler sind die in der Joden-Breetstraat an allen Ecken und Enden auf „Kunden" lauernden sogenannten verschämten Armen, die ihr „Geschäft" mit einer gewissen Grandezza betreiben. Sie besitzen große Menschenkenntnis, viel Lebenserfahrung und „arbeiten" darum stets mit gutem Erfolg. Ohne eine Spur von Aufdringlichkeit treten sie gemessenen Schrittes dem Fremden entgegen und bieten ihm in hochdezenter Weife ihre Dienste an. Nur ist ihr Blick so traurig und auf ihrem Gesicht so viel Leid- und Kummer zu lesen, daß der Fremde, von Mitleid mit dieser stillen, würdevollen Armut ergriffen, bereitwilligst auf das von deren Träger ihm gemachte Anerbieten emgeht. So wenigstens erging es mir bei meinem ersten Zusammentreffen mit einem dieser Leute, der sich mir als Führer angeb oten hat. Leider war ich nur so leichtsinnig, ihm auf sein frommes Gesicht zu glauben, daß er in seinen Ansprüchen bescheiden sein werde, und mußte darum später meine'Leichtgläubigkeit teuer bezahlen. Der gute Mann verstand nämlich sein „Geschäft" ganz vorzüglich. Die kürzesten Wege dehnten sich unter seiner Führung in unendliche Entfernungen aus; alle Paar Minuten traf er einen Bekannten, dem er immer etwas sehr Wichtiges mitzuteilen hatte; in der einen Straße wohnte sein Bruder, in der anderen seine einzige, nebbich kranke Schwester, denen _ er, ohne sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, nicht vorüber gehen mochte; mindestens alle halbe Stunde bekam er, wie er sich auszudrücken beliebte, „fürchterliches Herzweh" und verschwand bald mit, bald ohne meine Genehmigung in die nächst gelegene Speisewirtschaft, um eine kleine Erfrischung zu nehmen und sich einige Minuten auszuruhen. Und so verrannen, bevor ich mich umsah und irgend eine nennenswerte Sehenswürdigkeit in Augenschein nahm, vier volle Stunden, 'für die der gute Mann nicht mehr als acht Gulden verlangte, die ich wohl oder übel bezahlen 'mußte. Auf meine Bemerkung, daß ich seine Forderung gar nicht bescheiden, sondern im Gegenteil äußerst horrend finde, erwiderte er mir in aller Gemütsruhe in einem Tone, der keinen Widerspruch meinerseits mehr anfkommen ließ: „Ich bin doch' kein gewöhnlicher Fremdenführer; ich bin, müssen Sie wissen, ein frommer Jehudi, ein großer Lamden (Gelehrter), und das ist mein Geschäft." Als ich einem dortigen Bekannten von mir dieses Erlebnis mitteilte, tröstete er mich mit den Worten: „Seien Sie froh, daß Ihr frommer und gelehrter Führer Ihnen wenigstens keine Proben seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit abgelegt hat, Sie hätten sonst sicherlich noch viel mehr bezahlen müssen. Ich wüßte Ihnen — fuhr er fort — keine zweite Gemeinde in Westeuropa zu nennen, die auch nur. annähernd soviel Schmarotzer aufzuweisen hätte, wie,Amsterdam : Schmarotzer und Vatlamm, die unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ihre gutmütigen, vertrauensseligen Glaubensgenossen in unverschämtester Weise ausbeuten. Es ist ja leider ein offenes Geheimnis, daß bei uns mit Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, obwohl die eine wie die andere in den meisten Fällen nur auf Lug und Trug basiert, ein schwungvoller Handel, getrieben wird, der so einträglich ist, daß der größte Teil dieser Leute schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit in die Lage kommt, an der hiesigen Börse in Kaffee und Tabak zu spekulieren oder als Diamantenhändler in die Welt zu ziehen." „Und was sagen Ihre Herren Rabbiner zu dieser Schmarotzergesellschaft?" fragte ich. „Was sollen sie sagen?" antwortete er mir. mit der üblichen Gegenfrage. „Nichts sagen sie, denn sie können nichts sagen und haben nichts zu sagen. Außerdem nimmt sie die Aufsicht über die Schechita, über die vielen Fleischgeschäfte, Wurst- und Käsesabriken so sehr in Anspruch, daß ihnen wirklich keine Zeit übrig bleibt, sich noch darum zu kümmern, ob und wieviel Schmarotzer in Amsterdam existieren, die durch ihr freches, von Pietismus und Scheinheiligkeit begünstigtes Gebühren den Ruf der Gemeinde und des Judentums schänden und schädigen." „Und die Jugend," fragte ich, „wie ist es mit ihr bestellt?" „Diese — erwiderte er — ist auch hier unsere Hoffnung für die Zukunft; allein vorläufig macht sie uns viel zu schaffen, da sie mit Ausnahme eines sehr, geringen Teils fast durchweg polnischen Ursprunges, der aus den Zionismus schwört, sich für die Lehren von Marx und Lassalle so sehr begeistert, daß sie allmählich für Abstammung, Pietät, Religion und Tradition jegliches Verständnis und Empfinden verliert. Dieser in der einst gutjüdischen Gesinnung unserer Jugend'so jäh eingetretene Umschwung, sowie die ablehnend schroffe Haltung unserer starren Orthodoxie gegen jede noch so geringfügige Neuerung auf dem Gebiete der Armenpflege, des Kultus und sonstigen Gemeindelebens, zeitigen jene Verhältnisse und Gegensätze, die ■ Hermann Heijermans einen so ergiebigen Stoff für seine Ghettobilder bieten." Die Ausführungen meines Gewährsmannes wurden mir auch von verschiedenen anderen Seiten bestätigt. Ein hervorragender dortiger Rabbiner klagte mir: „Amsterdam sei schon lange nicht die orthodoxe Gemeinde, für welche sie noch jetzt -allgemein gehalten wird," während ein reformlustiger Fabrikbesitzer mir versicherte, „die Schuld an dem sittlichen Niedergang der Amsterdamer Gemeinde sei einzig und allein der vorherrschenden Orthodoxie zuzuschreiben, die für die Forderungen der Gegenwart nicht das geringste Verständnis