Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die fieberheiße Stirne' auf den/kalten Stein gebettet, so* verharrte der Unglückliche wahrend der Nacht, doch als jetzt hinter dem Gebirge El Akra die Sonne ihr strahlendes Antlitz erhob und in den schweigsamen Straßen geschäftig das Leben erwachte, da eilte er hinweg aus der Nähe der Menschen/um allein zu sein mit der Pein seiner Seele.. Tagsüber hatte er "sich -in den . menschenleeren, um diese Zeit - verödeten Gärten aufgehalten, die in reicher Fülle die Stadt umzogen, war vordem Auge der Menschen geflohen und barg sein fieberglühendes Antlitz im Schatten der dichten Lorbeerbäume. Es verlangte ihn nicht nach Nahrung, auch nicht nach einem Lagerhaus dem er die müden Glieder zur Ruhe betten könnte — nein! — Nimmer wollte er zurück zu jenen Menschen, die ihn gequält hätten, mit ihrer ängstlichen Sorge und mit ihrem müßigen Geschwätz verhindert hätten, daß seine Gedanken dahin eilten, wo sie weilte, sie, die Göttliche, aus deren lebenspendender Nähe er verbannt sein sollte. Nein, er wollte nicht zurück zu Rabbi Jochanan, der ihm wohl mit allen Strafen des Himmels drohen würde, wüßte er sein frevelhaftes Beginnen; mochte er doch eifern, auf sein Haupt die wildesten Flüche sammeln, mochte auch sie, Lellah, seiner nur mit Haß gedenken — was kümmerten ihn jene? Still und friedlich flog ihr Leben dahin, was hatten sie gemein mit ihm, dessen Weg — er wußte es — ein verworrener war, aus dem kein rettender Ausweg ihm verheißend winkte. Mochte auch der alte Samuel allein heimkehren nach Thayaskus, woher sie gekommen und daheim den Seinen Kunde bringen, daß er für sie verloren, daß sie sein fluchwürdiges Andenken aus ihrem Herzen bannen mögen. Und mit lebendiger Klarheit zogen vor seinem Geiste die Bilder seiner Heimat auf; er sah sich wieder daheim, sah die teueren Gestalten seiner Eltern, die liebliche Schwester wieder und vor sein inneres Auge trat das Bild der Zerstörung, die er über .sein friedliches Elternhaus gebracht, sah die gramgebeugte Mutter, den frommen Vater, der fastete und sein Gewand zerriß und Buße tat für den abgefallenen Sohn . . . Und das Bild seiner züchtigen Schwester erschien ihm, deren holder Liebreiz vom Gram zerstört und deren Leben vernichtet war durch seine Schuld. Nein, nicht seine Schuld war es, die all das Unheil heraufbeschworen,' das seinem Geiste vorähnend erschien. Ihn traf nicht die Schuld — kein Ungefähr wies ihm den Weg hierher — er mußte ihn gehen! Eine höhere Macht leitete seine Schritte, ein mächtigerer Wille hatte ihm seine Bahn vorgezeichnet — und er wollte sie nicht verlassen, mochte seine Straße ihn zum Verderben führen oder zu ungeahntem übermenschlichen Glücke! Wie einen lästigen Traum schüttelte er all die bösen Gedanken von seiner Seele, die ihn gepeinigt und ihn verjagt hatten — ruhelos irrend ihn immer weiter von seinem Glücke entfernt hatten. Jetzt aber fühlte er allen bösen Zauber schwinden. Frei und leicht atmete seine Brust, sein Auge leuchtete und in seine bleichen Wangen kehrte die Röte des Glückes wieder. Unaufhaltsam trieb es ihn weiter, sein Fuß berührte kaum die Erde und seine glänzenden Augen richteten sich in die Ferne. Mit fliegender Hast hatte er den Weg zurückgelegt, der ihn von seinem Ziele trennte. Jetzt umfing ihn der stille Lorbeerhain der Göttin. Vor der Statue Astartens verharrte eine knieende Gestalt, die sich bei Assads Nahen erhob uud auf den Jüngling zuschritt. „Du säumtest, Jüngling, und ich habe die Zeit benutzt, um mein Gebet zu verrichten." Erschreckt war Assad vor der Unbekannten zurückgewichen und kein Laut entrang sich seinen bleichen Lippen, „Du nennst-Dich Assad?" begann sie jetzt aufs neue, „Du bist bei Rabbi Jochanan 'zu Gaste . . ." uud als er noch immer den Blick mit trostlosem Ausdrucke ins' Leere gerichtet verharrte, fuhr sie fort- „Wenn - Du nun Assad bist — uud nicht sein abgeschiedener Geist, dem die Sprache nicht mehr zu Gebote — so komm und folge mir!" „Ich habe nichts mit Dir zu schaffen," entrang es sich seiner gepreßten Kehle, „geh, entweihe diesen' Rasen nicht, wenn . . ." „Nun ja. Du lebst," sagte sie lachend, „bist nicht der Geist eines Abgeschiedenen, Du lästerst ja, und weil Du Assad bist, 'den ich hier erwartet, so komm Und folge mir zu Zenobia, unserer allergnädigften Kaiserin." --- Mit einem Aufschrei seliger Lust war Assad zu den Füßen der Kaiserin hingesunken. Sie aber löste sanft die Hände von seinem Antlitz, und ihr leuchtendes Auge senkte sich auf seine erglühenden Wangen. (Fortsetzung folgt.) pus der flmlter!rsmer Iudengallk Von Albert Katz. Unter der mehr als eine halbe Million zählenden Bevölkerung von Amsterdam wohnen ungefähr 50 000 Juden, von welchen nur ein geringer Teil mit Glücksgütern gesegnet ist, während die überwiegende Mehrzahl, von der großen Masse der Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilligen, verschämten und unverschämten Armen ' abgesehen, eine nur mühselige und kümmerliche Existenz fristet. Man sagt: „Armut ist keine Schande"; allein wenn die von ihr Heimgesuchten sich für sie prädestiniert betrachten und nichts wesentliches zu ihrer Bekämpfung unternehmen, dann ist sie eines jener fürchterlichen Nebel, das, böses fortzeugend, wie ein unheilvoller Fluch auf ihnen und ihrer ganzen Umgebung lastet. Und unter den Juden in Amsterdam ist leider eine beträchtliche Anzahl zu finden, die sich nicht bloß ihrer Armut . nicht schämen, sondern sie als eine Art privilegierten Handelsobjekts zu Markte tragen. In gleichem Maße wie die emsigen, Wind und Wetter trotzenden Händler und Händlerinnen in der Joden-Breetstraat schreiend und singend ihre Waren feilbieten, ' bemühen sich die dort und in den angrenzenden Gassen und - Gäßchen einzeln' und in Gruppen herumlungernden Armen in allen Tonarten und durch eigenartige, zumeist ekelerregende Gesten die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken, um durch den Empfang einer Gabe etwas von ihrer Besitzlosigkeit äbzugeben. Zu bedauern aber ist derjenige, der so unbesonnen gutmütig ist, das Bettelgeschäft dieser im wahren Sinne des Wortes unverschämten Armen in irgend einer Weise, sei es durch Verabfolgung eines noch so geringen -Almosen, zu fördern. Wie von einem Bienenschwarm wird er -dann von der.in Schlupfwinkeln auf ihn lauernden Bettlerzunst umringt und nicht eher freigelasfen, bis er sich ihren von Stöhnen, Jammern und genauer Schilderung der angeblichen Notlage begleiteten Bitten und Ansprüchen gefügig zeigt. „Schenken Se mer 50 Cent," redete mich eines Tages in - der Joden-Breetstraat ein sehr reduziert aussehender älterer .Mann mit langem zottigem Bart und stark geröteten Augen an. „Lieber Mann", erwiderte ich ihm, „ich bedauere sehr, Ihren Wunsch, nicht erfüllen zu können."