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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
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Zeitknötchen zusammen. Männer wie Röth, Glaoisch, Schröder und Max Müller, welch letzterer der Lehre vom Nirwana einen vergleichsweise harmlosen Sinn unterlegt, begannen vor einem halben Jahrhundert bereits an dem „Dogma vom klassischen Altertum" respektlos herumzustochern. Es mag richtig sein, so sührten diese nach damaligen Wissenschaftsbegriffen zu philologischen Ketzern gestempelten Gedankenrevolutionäre aus, daß die heute herrschenden philosophischen Systeme ihr unmittelbares Vorbild in Hellas haben. Das schließt aber nicht aus, daß die Hellenen selbst keine Originale, sondern nur Kopisten gewesen sein können. Schürfe man tiefer, so stoße man aus ältere Gedankenschichten, aus babylonisch-ägyptische, wie Aegyptologen und Assyriologen behaupten, oder gar auf indisch-arische Urgedanken, wie die Sanskritgelehrten nachzuweisen sich bemühen. Was bedeuten also jene 2500 Jahre, die uns von dem anerkannten Begründer der griechischen Philosophie, Thales, trennen, im Vergleich zu jener indisch-arischen Urweisheit, welche die Griechen aus ' ihrer arischen Heimat mitgenommen und uns nur in hellenischem Gewände übermittelt haben? Heute liegen die Veden und Upanischaden sogar in genießbarer Verdeutschung vor uns. Die Sanskrit-Literatur füllt eine ansehnliche Bibliothek. Deussen hat uns die Kunde dieser angeblichen Urweisheit vermittelt. Wir sind jetzt dank Barth, Hardy, Kern, Davids, Oldenburg und Walleser über die indischen Philosophenschulen leidlich gut unterrichtet. Von einer direkten Abstammung der griechischen aus der indischen Philosophie, gegen welche sich Zeller einst mit dem ganzen Aufgebot philosophischen Scharfsinns und voller enthusiastischer Hingabe an den Hellenismus gesträubt hat, ist auch bei Deussen nicht mehr die Rede. Wenn zwischen der griechischen und indischen Philosophie merkwürdige Analogien in der Systembildung sich anstun, so sind wir heute geneigt, eher an eine logische Kontinuität in der menschlichen Jdeenbildung, als an eine historische Kontinuität der unmittelbaren geschichtlichen Berührung zwischen indischer und griechischer Kultur zu glauben. Gehen doch griechische und indische Mythologie auf noch ältere gemeinsame Muster aus vorgeschichtlicher Zeit zurück!l) Anders urteilen wir hingegen in bezug auf solche ethischreligiöse Bestandteile der Philosophie, wie sie etwa in den Grundstimmungen der Lebensbewertnng — als Pessimismus oder Optimismus — zum Vorschein treten. Für solche Grundstimmungen hat der vergleichende Ethnograph Bastian den Terminus „Völkergedanken" eingeführt, der für vorgeschichtliche oder unzivilisierte Völker ungefähr das leisten sollte,' was die Lazarus-Steinthalsche „Völkerpsychologie" für geschichtliche Völker intendierte. Bastian suchte jene gemeinsame psychologische Wurzel bloßzulegen, aus welcher schließlich die geschichtlich bekannten Glaubensformen und Lehrmeinungen herauswuchsen. Was Bastian beabsichtigte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Prähistorie der menschlichen .Gattungsseele - — eine rückwärtskonstruierte Paläontologie des gemeinsammenschlichen Denkprozesses. (Fortsetzung folgt.) *) Max Walleser, Die philosophische Grundlage des älteren Buddhaisrnus. Heidelberg, Winter 1904, S. 2, führt aus, daß lange vor dem Auftreten Buddhas die Philosophie in Indien schon blühte, was die Aufzählung der ketzerischen Lehrer beweise. Lik Lmlrrin drs Oltens. Historische Novelle von Eduard Roth. Siebentes Kapitel. Die Entdeckung. Iljie in wirrem Taumel war Assad an jenem Abend, der dem Tage der Audienz voranging und der ihn: so Ungeahntes brachte, aus dem Hain der Astarte ün Lustschloß der Königin hinweggeeilt. Ein eisiger Schauer rüttelte seine Glieder, seine Füße wankten, das Haar klebte ihm in nassen Strähnen auf dem Haupte und wildes Feuer glühte in seinen blauen Augen. Lähmendes Entsetzen hatte ihn erfaßt, als er aufgeschreckt aus feinem Liebestraum vernahm, wem er in Liebe, genaht, zu welch vermessener Höhe seine srevlerischen Gedanken sich erhoben, welch unerhörte Tat er beging, indem er der mächtigen Kaiserin, gleich dem erstbesten jungfräulichen- Wesen von der Leidenschaft geredet, die für sie sein Herz erfüllte, daß er mit ihr gelacht und getändelt hatte, als wäre sie seinesgleichen und nicht die über alles gefürchtete Herrin des Landes. Allein auch sie war ihm ja begegnet, wie eine Niedriggeborene und nichts in ihrem Wesen hätte den Anschein erwecken können, daß sie soweit, so himmelhoch über allen Menschen throne — Wilde Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Wohin war er geraten? Welch böse Macht hatte ihn: dieses himmlische Weib in den Weg geführt, deren verführerische Schönheit seine Sinne geblendet und deren zauberhafte Anmut ihn zu ihren: Sklaven gemacht und der er doch nicht wieder nahen, nein, deren Nähe er meiden mußte bei Gefahr seines Lebens. Seines Lebens! . . . Hatte dies denn noch Wert für ihn, wenn er aus ihrem Angesicht verbannt sein sollte — nein! Er wußte es: Nur zu ihren Füßen winkte ihm verlockend das Leben, nur im Anschauen ihrer königlichen Gestalt vermochte er zu atmen. Wenn er aus ihrer Nähe verbannt, ihres zauberischen Anblickes beraubt sein sollte, dann wollte er auch nicht mehr auf Erden wandeln, dann hatte diese Welt jeden Reiz für ihn verloren und ein rascher seliger Tod wäre Erlösung aus seiner Qual. Planlos war er durch die Straßen gestürzt. Sachte umfing ihn die Nacht und netzte seine brennende Stirn mit kühlendem Hauch. Und während sie daheim zärtliche Sorge ob seines Fernseins marterte, lehnte er die fieberhafte Wange an den Fuß der Statue des Baalsgottes und seine wirren Blicke hingen andächtig flehend an dem Götzenbilde. Hier sah ihn Gideon und mit gütigen Worten ermahnte er den Verirrten, diesen unheiligen Ort zu fliehen und heimzukehren zu den Seinen. Affad aber horte ihn nicht. „Hebe Dich hinweg, Assad!" mahnte Gideon von neuern, „fliehe die verpestende Nähe jener Götzen und ihrer Anhänger — was würde Rabbi Jochanan sagen, erblickte Dich sein Auge zu Füßen des heidnischen Baals! — Komm' folge mir, Du schweigst, Du verhüllst Dein Gesicht! Wohlan, Assad, auch der Ewige, unser Gott, wird Dir sein Angesicht verhüllen und Du wirst ausgelöscht sein vor seinem'himmlischen Auge." Und gesenkten Harrptes eilte er hinweg aus der Nähe jenes Unseligen, den ein irrer Wahn umfangen hielt — wie hätte er es denn vermocht, die holde Lerlah zu fliehen und hier, in der fremden Stadt, vor dem fremden Gotte im Staube zu liegen!

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