Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 572

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228630--61280-3275096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rechnung tragen, den Nachweis geführt, daß der Sophist Protagoras endgültig triumphiert. Auf den ersten Blick hat diese fatale Ahnengalerie, die so unheimliche Familienähnlichkeiten in den Stammeszügeu aufweisen, wie etwa die berühmte Unterlippe der Habsburger auf den Bildern des Velasquez, etwas Beschämendes und Niederdrückendes. Soll das unser Stolz sein, daß. wir nach unsäglichen Irrfahrten und gewundenen Umwegen des Denkens in zweieinhalbtausendjähriger unverdrossener Arbeit dort wieder anlangen, wo wir dem Anschein nach angefangen haben? Was rechtfertigt den aufgeblähten Machtkitzel unserer „Kulturerrungenschaften", wenn unsere führenden Geister im zwanzigsten Jahrhundert erklären, wir seien gedanklich nicht weiter gekommen als Pythagoras, wie die einen, oder Protagoras, wie die anderen behaupten? Steht denn das- Denken still, wie die Erde nach der ptolemäischen Astronomie? Dann freilich ist der sonst so beliebte Vergleich der Philosophie mit der trostlosen Arbeit der Penelope, die am Abend die Maschen wieder auflöst, die sie am Tage zuvor zur Täuschung ihrer Freier angesetzt hatte, nicht mehr zutreffend, wohl aber die Erinnerung an Jxion, den Zeus mit eisernen Klammern an Händen und Füßen an ein ewig rollendes feuriges Rad fesselte. Kehrt das Weltenrad menschlichen Denkens nach genau 2500 jährigem Lauf auf denselben Fleck zurück, wo — nach einem Bericht des Heraklit — „Pythagoras, des Mnesarchos Sohn, Forschung und Erkundung getrieben hat mehr als alle anderen Menschen, und sich seine Weisheit zurecht gemacht hat aus Vielwiffen und schlechten Künsten?" Lohnte es dann, sich an dieses Rad des Jxion, an diese Weltschaukel dialektischer Meßbudenkunst spannen zu lassen, um sich gedanklich im Kreise zu drehen? Wenn dem so wäre, so bliebe nicht jener soziale Optimismus endgültig im Rechte, den wir vertreten, sondern der unglückselige Geschichtspessimismus triumphierte, den Schopenhauer verkündet hat. Vorausgeschickt sei, daß das Alter einer anerkannten „Wahrheit" wohl kein zwingendes Argument für ihre Unfehlbarkeit ist, wie die Orthodoxen aller Lager und Schattierungen behaupten, zumal alle Wahrheit, wie Bacon mit Telesius treffend ausführt, „eine Tochter der Zeit" ist. Ebenso verkehrt wäre es aber, eine „Wahrheit" in ihrer Glaubwürdigkeit deshalb zu verdächtigen oder auch nur zu beanstanden, weil sie alt ist. Der pythagoreische Lehrsatz z. B. gewinnt weder, noch verliert er etwas an seiner Sicherheit, weil er 2500 Jahre alt ist. Daß ein Credo Jahrtausende hindurch unangefochten gegolten hat, ist sicherlich kein zwingender Beweis für seine Glaubwürdigkeit, da Hunderte von unkontrollierbaren Ammenmärchen und selbst staatlichgeeichten Aberglaubensformen ungeprüft und gutgläubig hingenommen wurden, bis philologische oder historische Kritik ihnen endgültig den Garaus gemacht haben. Jede Wahrheit muß es sich vielmehr gefallen lassen, von der jeweiligen Generation, deren Anerkennung sie beansprucht, nochmals überprüft zu werden. Hält sie diese Prüfung, wie der pythagoreische Lehrsatz etwa, in jeder Generation unangefochten aus, so bleibt ihre Glaubwürdigkeit unangetastet; sie gerinnt alsdann zum wissenschaftlichen Lehrsatz (Dogma). Anders eine Philosophische Lehrmeinung, wie das pythagoreische: „das Wesen der Dinge ist Zahl", oder ein religiöser Welterklärungsversuch wie das biblische: „Zu Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Solche Ueberlieferungen müssen an der Hand unserer übrigen wissenschaftlichen Einsichten und Erkenntnisse immer wieder vergleichend-geschichtlich geprüft und auf ihre Verträglichkeit mit allen unseren sonstigen Ueberzeugungen untersucht werden, um Bestätigung zu erfahren, wenn sie mit ihnen übereinstimmen, aber auch unbarmherzig preisgegeben zu werden, falls sie diese vergleichende Prüfung nicht aushalten. Das Alter allein ist kein luft- und wasserdichter Schutzmantel für die Wahrheit. Ein gewisses Dekormn freilich wird eine ehrwürdige geschichtliche Altersrunzel iinnrer noch für sich in Anspruch nehmen dürfen. Niemals werden wir uns zur Pietätlosigkeit unserer „Allzujungen" verstehen, welche sich gegen jede altersgraue Weisheit nur deshalb sperren und sträuben, weil sie alt ist. In autoritätsglüubigen Zeiten galt alles für wahr, was die „Alten" lehrten, und für desto wahrer, je älter die Lehre war. In unserer pietätlosen Generation hingegen gilt alles für falsch, bloß weil es alt ist. Beide Extreme verfehlen den Sinn der Wahrheit. Darf man auch den . Adelsstolz nicht so weit treiben, den Wert des Menschen nach der Zeitdauer seiner nachweisbaren Ahnenreihe zu bemessen, so ist es ebenso unzulässig, den Wahrheitswert einer Idee von vorn herein abschätzig zu beurteilen oder deswegen geringer zu achten, weil sie auf eine mehrtausendjährige intellektuelle Ahnengalerie hinzuweisen vermag. Schimmel und Rost sind doch nicht die einzigen Tribute des Alters! ^Gesetztheit, Abgeklärtheit, Ausgereiftheit sind doch sicherlich Eigenschaften, welche der gebrechlichen Seite der Senilität die Wage halten. Und der historische Respekt vor uralten Weisheitssprüchen, Klugheitsregeln, Maximen der Lebensführung und zum Sprichwort verdichteten Einsichten wird sich naturgemäß in demselben Maße steigern, wie es uns gelingt, die Ahnenreihe räumlich auszuweiten und zeitlich zurückzurücken. Geht die Legitimation einer Klugheitsregel auf sämtliche zivilisierten Völker der alten Welt historisch zurück, so daß der Nachweis gelingt, daß alle Kulturvölker aus ihrer isolierten Stammeserfahrung heraus, ganz unabhängig von einander, zu dieser Erfahrung gelangt sind, so dürste ein solcher sensus communis seinen Eindruck auf unser Vertrauen zu ihrer Nichtigkeit nicht verfehlen. Denn sobald alle kultivierten Völker der Erde in einem Punkte übereinstimmen, muß eine notwendige Gattungserfahrung als psychologisches Fundament zugrunde liegen, welche die Völker mit steigender Ausbildung ihres Seelenlebens offenkundig zu dieser Einsicht gedrängt hat. Die historische Uebereinstimmung wurzelt solchergestalt in einem psychologischen Erdreich. Wenn alle vorschreitenden Völker z. B. Sprache, Religion, Recht, Sitte, Kunst und Wissenschaft erzeugt haben, ohne in direkten geschichtlichen Beziehungen zu einander gestanden zu haben, so muß diese vergleichend-geschichtliche Uebereinstimmung letzten Endes auf einem psychologischen Untergründe, einem Vorstellungszwang, einer Gedankennötigung, kurz einem parallel verlaufenden seelischen Entwicklungsprozeß beruhen. Und so mündet denn das tiefste Wesen aller historischen Betrachtung in psychologische Prozesse ein. Hier ist nun der Punkt, wo wir mit der „Genealogie des Optimismus" emsetzen möchten. Wie uns die Geologen gelehrt haben, statt der ärmlichen drei bis fünf Jahrtausende, mit denen die beglaubigte Geschichte rechnet, Lagerungen und Schichtungen von ebenso vielen Jahrzehntausenden zugrunde zu legen, so sind wir heute geneigt, gewisse Urgedanken des Menschengeschlechts über die geschichtlichen Perioden hinweg bis zum vorgeschichtlichen religiösen Mythos zurückzuverfolgen. Das vorangegangene Forschergeschlecht begnügte sich mit der Ableitung unserer Philosophischen Theorien aus jenem „Ahnensaal unseres Kultnrsystems", der in Athen seinen tausendjährigen Mittelpunkt hatte. Seit . der. Erschließung der Sanskritliteratur, die uns England mit seiner Bezwingung des indisch-arischen Kultursystems beschert hat, schrumpfen die 2500 Jahre der griechischen Philosophie zu einem winzigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.