Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 571

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228630--61279-3275095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

tu ms auf, denn alle anständigen Juden, so gern sie auch eine Reform herbeifuhren möchten, wollen natürlich auch den Schein vermeiden, als hätten ihre Bestrebungen mit denen dieser Leute irgendwelche geistige Verwandtschaft. Es gibt Juden, die es geradezu als Sport betreiben, mit antisemitischen Witzeleien 31t brillieren, die aber außer sich geraten, wenn ihnen solches von christlicher Seite zugemutet wird. Sie haben aber damit einen ganz bestimmten Zweck im Auge: sie glauben nämlich, in den Augen der Christen dadurch eine Stufe höher zu stehen als die andern Juden. Sie können es immer noch nicht begreifen, daß solches Gebaren alle anständigen Leute anwidern muß. Sie können es nicht verstehen, daß sie, gerade sie es sind, die dem Antisemitismus Angriffspunkte bieten. Sie beanspruchen für sich eine Ausnahmestellung; nur ihnen gegenüber Hot der Antisemitismus keine Berechtigung! Es wird im Judentum viel in dieser Beziehung gesündigt. Es hat sich noch immer nicht die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß in jedes einzelnen Juden Hand die Würde des Judentums liegt. Was der einzelne sündigt, fällt der Gesamtheit zur Last; dessen müssen wir uns stets bewußt sein. Der jüdische Antisemitismus ist eine sehr häßliche Erscheinung; wo und wie er sich auch äußert, immer trägt er das Zeichen des gestörten moralischen Gleichgewichts an der Stirn. Niemand wird ihn mit der berechtigten Kritik des Judentums verwechseln, denn diese entspringt der innigsten Liebe, und ihren: Wesen ist der Spott fremd und die Frivolität. Wir haben soviel unter der Ungerechtigkeit unserer Feinde zu leiden, daß wir wohl den Anspruch erhebe:: können, daß man uns in unseren Kreisen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Es ist so imsagbar dumm, mit den Argumenten unserer Gegner zu Protzen, denen die Böswilligkeit aus der Stirn geschrieben steht. Wenii wir dieser Sucht, sich antisemitisch zu gebärden, gründlich steuern könnten, so wäre damit schon der Anfang zur „ethischen Reform" des Jildentums geschehen. Die Mnengslerie des Optimismus/' Von-Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern. I. roße Weltanschauungen, welche ganze Geschlechter oder Zeitalter beherrschen, weisen in der Regel — als Granden im Reiche der Geister — eine stattliche Ahnenreihe auf. Wie Nietzsche der Genealogie der Moral nachgegangen ist, so bietet es einen aparten Reiz, die Genealogie jener Ideen zu verfolgen, die man als den ausfüllenden geistigen Lebensinhalt eines Denkers begreift. Und so wird man es verständlich finden,. daß auch jener Optimismus, dessen Grundlinien ich in einer Reihe von Werken zu ziehen unternommen habe, auf eine ansehnliche Vorfahrenreihe zurückzublicken vermag, die kennen zu lernen denr Vertreter einer Weltanschauung eine erlesene Freude bereitet, aber auch weiteren Kreisen vielleicht etwelches Interesse ^einflößt. Was die Heraldik den Blaublütern, das leistet die Philoy Im Verlage von Hermanii Costenoble in Jena erscheint demnächst ein neues Werk „Der soziale Optimismus" von Prof. Ludwig Stein (Bern). Preis 5 Mark. Aus dem letzten Kapitel brachte jüngst eine hiesige Tageszeitung einen Auszug. Wir sind in der erfreulichen Lage, dies Schlußkapitel des Steinschen Werkes ohne Kürzung heute schon zum Abdruck bringen zu können. sophiegeschichte den Intellektuellen; die Aufdeckung und Festlegung reiner Stammbäume. Nur rechnet die Genealogie der Ideen dort mit Jahrtausenden, wo die Adelsgeschlechter ini besten Falle nach Jahrhunderten zählen. Die Ahnensäle unseres Kultursystems tragen die Ueberschrift: Rom, Hellas und Judäa. Was ilns Rom sür das Recht lind Judäa für die Religion geboten und überliefert haben, das bebeutet uns Hellas für Kuiist und Philosophie. Und gleichwie die griechische Kunst das ewige Modell der Klassizität sein und bleiben wird, so die griechische Philosophie das alle Zeiten und Völker überstrahlende Muster philosophischer Systembildung. Nicht bloß der Optimismus, desseii Ahnengalerie zu enthüllen wir uns anschicken, vermag in der „Philosophie der Griechen" seine Urbilder nachziiweisen, sondern jedes neuzeitliche Gedankensystem hat seine überraschenden Analogien in der griechischen Antike. Abgesehen davon, daß die Griechen nach dreihundertjähriger erschöpfender Gedankenleistung in der nacharistotelischen Philosophie sich selbst wiederholten — die Stoiker galvanisieren in der Physik Heraklit lind in der Ethik die Cyniker, die Epikureer in der Physik Demokrit und in der Ethik die Hedoniker, die Skeptiker rekapitulieren die Sophistik, die Neupythagoreer Pythagoras, die Neuplatoniker Plato — ist der Nachweis leicht zu führen, daß die gesamte neuere Philosophie die Jdeengünge der Griechen nur aufgegriffen, wiederbelebt und in die Sprache ihrer Zeit übertragen hat. Wie das ganze Mittelalter philosophisch zwischen Platon und Aristoteles hin- und herpendelte, so die Neilzeit seit Galilei, Bacon lind Descartes zwischen Denlokrit und Heraklit, zwischeii ewiger Konstanz des Stoffes (Atom) und eiviger Konstanz der Kraft (Bewegung). Hie mechanische, hie dynamische Weltanschauung; hie Materialismus, hie Energetik;. hie Kausalität, hie Teleologie. Einem anderen Zusammenhang mag der Nachweis Vorbehalten bleiben, wie die großen Weltanschauungen der Renaissance — Roger Baco, Telesius, Bruno, Galilei und Campanella — und die des gedankengewaltigen 17. Jahrhunderts — Franz Bacon, Descartes, Spinoza, Malebranche, Hobbes, Locke, Leibniz — in ihren wesentlichsten Grundzügen griechische- Gedankenbildung in bereicherter und vertiefter Gestalt wieder ausnehmen. Ueberzeugender dürfte auf unser eigenes Geschlecht der Hinweis wirken, daß die Philosophie des 20. Jahrhunderts in ihren vorzüglichsten Vertretern sich an griechische Muster anlehnt. So hat der jüngst verstorbene Universalphilosoph unserer Zeit, Herbert Spencer, den dunklen Weisen von Ephesus, Heraklit, zu Ende gedacht. Die Neukantianer der Marburger Schule (Cohen, Natorp) gehen eingestandener- und ausgesprochenermaßen auf Plato und Pythagoras zurück. Ihre Gegenfüßler, die radikalen Positivisten, die vorzugsweise in Naturforscherkreisen heimisch sind (der Physiker Mach in Wien, der Chemiker Ostwald in Leipzig) bringen das Haupt der griechischen Sophistenschule, Protagoras, unsereni Zeitalter wieder zu lebendigem Bewußtsein. Die alten Erbfeinde in der Philosophie: Idealisten und Realisten oder Spirituälisten und Materialisten, haben ihre besviideren philosophischen Wappenschilder. Die Genealogie ihrer Ideen ist klar und durchsichtig. Die Idealisten führen ihren geistigen Stanimbaurn auf Platon Und Pythagoras, die Realisten auf Protagoras und Heraklit zurück. So sagt das anerkannte Oberhaupt der Neukantianer, Hermann Cohen in Marburg, in seiner 1902 erschienenen Logik (System der Philosophie, 1. Teil) ausdrücklich: „Wiederum zeigt sich Pythagoras als der ewige Führer: die Zahl ist das Sein." Dagegen hat der Begründer des deutschen Positivismus, Ernst Laas, dem die nachfolgenden Positivisten Avenarius, Mach und Ostwald, nicht genug geschichtlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.