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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 geimpft und eine Verhetzung erzeugt, die zur gesellschaftlichen AechLung des Judentums geführt hat — er hat auch im Judentum selber vielen Schaden angerichtet. Man hat es oft gehört, das seltsame Wort: „Die größten Antisemiten sind die Juden selber!" und wer hier und dort in seinem Kreise, herumhorcht, wird die merkwürdige, betrübende Erfahrung machen, daß sie nicht gar zu'vereinzelt auftreten, die jüdischen Antisemiten. Wir Juden stehen so oft völlig verständnislos antisemitisch durchseuchten Volkskreisen gegenüber und können uns nicht genug wundern, wie die blödesten antisemitischen Lügen selbst bei solchen Christen Glauben finden, die sonst nicht gewohnt sind, sich die Auffassungen und Auslassungen anderer kritiklos zu eigen zu machen. Wieviel merkwürdiger, unverständlicher aber ist es, daß selbst Juden nicht immun sind gegen-das antisemitische Gift, daß es Glaubensgenossen gibt, die aus dem antisemitischen Waffenarsenal sich ein recht gut sortiertes Lager genommen haben, mit dem sie in vorkommenden Fällen ihren Bedarf an „Antisemitismus" bestreiten! Es ist wirklich nichts Lächerliches — es gibt richtige jüdische Antisemiten, deren Wühlarbeit um nichts geringer verderblich ist als die ihrer christlichen Genossen! < Man darf sich aber über die Existenz solcher Juden' nicht wundern, so sehr man sie auch bedauern mag — die antisemitische Phrase, stetig und unaufhörlich bis zur Uebelkeit wiederholt, in allen Variationen, Tonarten und Verkleidungen immer wieder ausgewärmt und vorgesetzt, kann nicht spurlos auch an denen vorübergehen, gegen die sie gerichtet ist. Es gibt Lügen, die durch ihr Alter ein gewisses, ehrwürdiges Ansehen bekommen und von der Wahrheit nur zu unterscheiden sind, wenn man pietätlos genug ist, ihnen auf den Grund zu gehen. Von dieser Art sind die antisemitischen Ladenhüter, die die antisemitischen Geschäftsleute mit unermüdlicher Redseligkeit anpreisen. Lem^eialiquid haeret. Was einem hundert- und tausendmal vorgepredigt wird, muß einen Nachklang in der Seele zurücklassen. Es ist erstaunlich, wie solche Lügen ihren Weg zu finden wissen, sie bohren und bohren so lange, bis sie einen Unterschlupf gesunden haben, wo sie sich ejnnisten können. Das ist eben die fürchterliche Wirkung solcher immer wiederholten Schlagworte: etwas von ihnen bleibt sitzen, mögen sie an sich noch so ungeheuerlich, noch so dumm sein. Ich kenne Juden, die der festen Ueberzeugung sind, der bei weitem größte Teil des deutschen Kapitals sei wirklich in jüdischen Händen! Drese blöde Phrase ist, wer weiß wie oft, zahlenmäßig widerlegt worden — hilft nichts, es ist ihnen 'das von antisemitischer Seite so oft vorgeredet worden, daß sie es wirklich glauben. Betrübender aber ist es, daß es selbst gehässigen, verleumderischen Behauptungen der Antisemiten gelungen ist, bei manchen Juden Wurzel zu schlagen. In den Diskussionen über derartige Dinge, die ja unter den heutigen Zeitverhältnissen an der Tagesordnung zu sein pflegen, kann man solche , Beobachtungen recht häufig machen. Hier gesteht einer, daß er, wenn er nicht zufällig Jude wäre, Antisemit sein würde, und ein anderer behauptet, der Vorwurf, daß sich die Juden nicht assimilieren, sei ganz berechtigt, oder es sei eine Tatsache, daß sich die Juden überall inder unangenehmsten Weise vordrängten. Es gibt kaum eine einzige antisemitische Phrase, die nicht diesen oder jenen jüdischen Verteidiger gefunden hätte. Die Macht der Phrase ist ungeheuer groß, ihr verfallen die verständigsten Leute. Diese jüdischen Antisemiten pflegen sich, ihrer antisemitischen Allüren wegen, gern als objektive und vorurteilslose Kritiker des Judentums aufzuspielen und mit höhnischer Geringschätzung diejenigen zu behandeln, die nicht einmal „eine gewisse Berechtigung des Antisemitismus" zugeben wollen. Es ist etwas Herrliches um diese kühle Objektivität, die sie befähigt, dem Judentum so leidenschaftslos, so entzückend uninteressiert, gleichsam als Forscher und Gelehrte, gegenüberzutreten. Freilich, sie haben leicht uninteressiert sein, die Leute, die dem Judentum so fern stehen! Sie nennen es objektiv und vorurteilsfrei, wenn sie, die geschichtlichen Zusammenhänge ausschaltend, dem Judentum die alten Anklagen ins Antlitz schleudern, die von ihren christlichen Gesinnungsgenossen ersonnen sind und von diesen — längst nicht mehr geglaubt werden! Es liegt ein eigner Reiz darin, die Rolle des moralisch Entrüsteten zu spielen und als Märtyrer zu gelten, der andrer Schuld zu büßen hat. Sie verstehen es so vorzüglich, sich in die Anschauungen der Andersgläubigen zu versetzen und deren Gefühle zu achten und zu schonen — was schadet es da, daß sie ihr eigenes Nest besudeln! Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Mit den abgelegten, verschlissenen Ladenhütern antisemitischer Trödler drapieren sie ihre armselige Person und glauben sich damit ein Uebergewicht über jene Juden zn geben, die ihr Judentum „nur" zu verteidigen wissen. Von dieser Sucht, sich ein wenig antisemitisch zu gebärden, haben in letzter Zeit manche „literarischen" Erzeugnisse Kunde gegeben, deren Widerlichkeit alles in Schatten stellt, was je von antisemiischer Seite gegen das Judentum geschrieben wurde. Es gibt gewisse jüdische Kreise, in denen dies schamlose Liebäugeln mit antisemitischen Allüren sogar als Aufgeklärtheit, als Vornehmheit gilt. Diese frivolen, grenzenlos blöden Elaborate, in denen die lichtscheuen Trödler des finstersten Ghettos ihre Seele für eine Glasperle verschachern, gelten ihnen als geistreiche Auslassungen geistig und moralisch hochstehender Menschen. Glücklicherweise ist das Reinlichkeitsgefühl bei der großen Mehrzahl der Juden und Christen stark genug ent-' wickelt, daß dieser Schmutz sie nicht besudeln kann. Die wenigen Auserwählten aber, die ästhetisch so überaus zart zu empfinden vermögen, daß der Duft dieser schriftstellerischen Blüten ihr Gernchsorgan nicht beleidigt, kommen für das Judentum glücklicherweise nicht mehr in Betracht — sie haben längst das alte Ghetto verlassen, aber sie haben ein neues bezogen, das sich nicht durch den Wohlgcruch von dem des Mittelalters unterscheidet. Erstaunlich zuverlässig wissen sie ihren aus angeborenem Talent übernommenen Beruf auszufüllen, diese Kehrichtsammler Her Menschheit, deren für alles Anrüchige und Schmutzige geschärftem Blick kein Stückchen entgeht. Mit billigen stilistischen Witzchen wagen sie es, das Judentum, fein Wesen, seine Moral und seine Existenzberechtigung einer Kritik zu unterziehen, die an Schäbigkeit der Gesinnung nichts und an sachlichen: Verständnis alles zu wünschen übrig läßt. Sie wollen das Judentun: „ethisch reformieren". Diese Schacherer, die den Wert einer „Ueberzeugung" nach der Reichswährung berechnen und denen „Ethik" und „Judentum" nur. Worte sind, mit denen sich hübsch paradieren läßt! Solche Leute bilden eine Gefahr für das Judentum, nicht als ob sie dessen Bestand gefährdeten — nein, aber der Mangel an Schamgefühl, der sich in ihren Erzeugnissen offenbart, drückt das moralische- Niveau des Judentums herab. Und vor allem halten solche Sudeleien eine wirkliche Reform des Juden-

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