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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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Engelhorn-Romans. Warilin wir dies so umständlich hier auseinandersetzen? Auf diese Frage möge mm die Antwort folgen. Die „Hervay" ist eine geborene Jüdin aus Posen und heiß eigentlich Bellach, alias Bellachini. Mit Entrüstung wies die jetzige Witwe des ehemaligen Bezirkshauptmanns von Mürzzuschlag es zurück, wenn man sie im Gerichtssaal an ihre jüdische Geburt erinnerte. Sie sei, so rief sie pathetisch aus, evangelischen Bekenntnisses, aber dieses Bekenntnis hielt sie nicht davon ab, wieder ein andermal zu bekennen, sie sei im Kloster saerö eoeur in Paris erzogen worden, wo bekanntlich die katholische Religion den Fräuleins eingeimpft wird. Es fehlte nur noch, daß die verwitwete Hervay auch zum Islam sich bekannt hätte, — das ist ja jetzt, nach dem Falle Bühlau—Al-Raschid auch nicht ganz unmöglich, — und dann hätte sie in sich die ganze Legende von den „drei Ringen" verkörpert. Wir haben keinen Anlaß uns dieser, wie man jetzt sagt, interessanten Person anzunehmen. Wie sagt doch der alte Weise: „Wenn die Parteien von Dir gehen, betrachte sie als unschuldig, da sie Deinen Rechtsspruch übernommen haben." — Die geborene Bellachini, die vierfach geschiedene Frau und jetzt verwitwete Hervay, hat gebüßt und wird büßen, wir wollen ihr keinen Stein nachwerfen, wie es die geschmackvollen antisemitischen Blätter tun, wir wollen kein Wort der Verteidigung für dieses Weib sprechen, aber einige Bemerkungen wollen wir doch an den „Fall Hervay" knüpfen. Da kommt also eine ganz unbekannte Person nach Mürzzuschlag, es ist dies eine wirklich schöne Gegend jenseits des Semmerings, in der grünen Steiermark, sie weiß den dortigen blutjungen Bezirkshauptmann, der in Jahren zu seinem Amte gekommen war, in denen mancher, sagen wir jüdische Rechtspraktikant, froh ist, zum Auskultanten ernannt zu werden, zu behexen, er kann aus dem „Hexenring" nicht heraus, „halb zog sie ihn, halb sank er hin," sei es nun, daß das gewisse weibliche Etwas diese dämonische Gewalt ausübte, sei es, daß es die prosaische Macht des „Dämons Gold" ist, die den Bezirkshauptmann umstrickte; denn mit den Geldverhältnisfen des Mannes stand cs offenbar nicht gut, aber auch mit denen der modernen Circe nicht. Sie aber scheint aus dem nicht ganz ungewöhnlichen Wege der Versprechungen dem Herrn Hervay von Kirchberg goldene Berge vorgezaubert zu haben. Hervay drängt mm zur Eheschließung, das ist aber leichter gesagt, als getan. Der geborenen Bellachini fehlen alle Dokumente, sie ist von ihrem letzten Gatten noch nicht gesetzlich geschieden. Macht nichts. Was vermag in Oesterreich nicht ein Bezirkshauptmann, der zu hohen Persönlichkeiten in so nahen Beziehungen steht, daß er sie sogar anpumpt, anpumpt in ganz gewöhnlicher Weise. Kurz, die guten Freundchen treten in Aktion. Der Herr Bürgermeister des Ortes, mit dem der Herr Bezirkshauptmann wohl gar manchmal heiter gezecht hatte, stellt einen Heimatsschein aus für die Braut; Heimat unbekannt, die soll der Herr Pfarrer finden. Prangl heißt der Hochwürdige, und der Herr Pfarrer nimmt ohne Aufgebot, ohne Dokument der geborenen Bellachini zu besitzen, die Trauung am 9. August 1903 vor. Der Herr Bezirkshauptmann hat es gewünscht, und es geschah. Ein böser Zeitungsschreiber aber bekommt Wind von der nicht ganz reinlichen Angelegenheit, veröffentlicht in seinem Blättchen ein ziemlich durchsichtiges „Härchen", in dem die Affäre Hervay gar deutlich für die Eingeweihten und Nichteingeweihten durchscheint. Der Bezirkshauptmann fühlt seine Stellung nach jeder Richtung erschüttert, und er, der frühere Günstling von Ministern, Statthaltern, Grafen und Rittern, geht hin und erschießt sich. Die Circe, geborene Bellach. Tochter eines in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr bekannten Taschenspielers, wird vor Gericht gestellt. Es ist gewiß, daß hier Richter und Zeugen nicht nach dem edlen Wortechorgingen, das vor Jahrtausenden im Judenlande gesprochen wurde, und dein Paul Heyse sein letztes Drama widmete: „Wer sich-,frei fühlt von jeder Schuld, werfe den ersten Stein auf sie." Und diesem Worte, das der Stammvater Abraham, nur in anderer Variation, vor noch mehr Jahrtausenden Ausdruck gegeben, fügen wir noch ein anderes hinzu, das sich zuerst im Talmud findet: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet." — Alle diese Worte rufen wir den Parteien in diesem Prozesse nach. Die geborene Taschenspielerstvchter, die zufällig als Jüdin — Gott bewahre uns vor solchen Jüdinnen — zur Welt kam, wurde wegen Bigamie verurteilt. Wer aber leistete ihr Vorschub? War es nicht ihr gewesener Gatte und der hochwürdige Pfarrer Prangl? Und nun kommt der famose Zeuge, der sich, wie sie selbst sagte, an dem Tische der Frau Hervay einst dick gefressen — ja, Bauer, das war etwas anderes — und behauptet, er habe an ihren Worten erkannt, sie sei keine Baronin, sondern eine Jüdin. Wie erkennt man dies, Herr Zeuge? Es gibt ja auch Baroninnen, die wie Stallmügde sprechen, und Jüdinnen, in deren Häusern die Großen der Erde verkehren und es sich an ihren Tischen gar wohl ergehen lassen. Gegen diese „Jüdin" sagten Zeugen aus, die es sehrnotwendig haben, mit dem Kehricht vor ihren Türen äufzuräumen. Eine sehr nette Gesellschaft das, die vor dem Machtgebote des Bezirkshauptmanns zitterte, seine Befehle gegen jedes Gesetz vollstreckte, an seinem Tische aß und von seinen Weinen trank. Und jetzt waschen alle diese Herren ihre Hände in Unschuld, schimpfen über die „Jüdin", die mit Respekt gesagt, von ihnen an Moral kaum übertroffen wird. In diesem. Leobener Gerichtssaale fiel ein grelles Licht auf unsere Zustände, ein Llcht, das uns hell die Tatsache verdeutlicht: In Oesterreich können ein Bezirkshauptmann und seine Kumpane, können hochwürdige Herren manches tun, was anderen, minder bevorzugten Menschenkindern kaum gestattet ist. Und insonderheit, wenn jemand mit dem Judentums auch nur an einem dünnen Fädchen zusammenhängt, so wird ihm das Schlechteste zugemntet. Diese Hervay, verwitwete Lützow, ist gewiß das wert, wozu sie verurteilt wurde. Aber ihre größte Schuld ist doch, daß sie eine geborene Bellach, eine gewesene Jüdin aus Posen ist. Iwri. Der Milche Mtilemitismus. Von Alfred Dallmann-Rügenwalde. er Antisemitismus in allen seinen Erscheinungsformen' ist für uns zu einer konstanten Einrichtung geworden, > ohne die wir uns leider das moderne Kulturleben kaum noch! vorzustellen vermögen. Nur hin und wieder, wenn eine be-! sonders widerliche antisemitische Heldentat bekannt wird, - kommt uns das Blut auf kurze Zeit in Wallung — ein paar mehr oder weniger temperamentvolle Worte, und die Sache ist erledigt. Wir haben uns mit dem Antisemitismus fast wie mit einer Naturnotwendigkeit abgefunden, wir haben uns an ihn gewöhnt wie die Bewohner südlicherer Gegenden an Erdbeben und Epidemien und die Bürger von Südamerika an Revolutionen. Es scheint fast, als ob wir ohnmächtig gegen ihn sind und der Zeit vertrauen müssen, die einst Recht und Gerechtigkeit sicher zum Siege führen wird. Aber der Antisemitismus hat manche betrübende Folgeerscheinungen gezeitigt, deren Abstellung in unserer Macht liegt. Er hat nicht nur weiten christlichen Volkskreisen sein Gift ein-

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