Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Wahrend die Res ert> i ftfe n-Un r u hen sich unablässig gegen die Juden, richten,- woran natürlich nur bie Juden selbst schuld sind/— -haben sich doch in dein Kreisstädtchen Bendzin am 8. d. der jüdische Besitzer eines ausgeraubten Ladens mit seiner Frau ermorden lassen! — macht die Affäre des Gouverneurs und. des . Polizeimeisters von M o h i l e w selbst in Rußland mehr Aufsehen, als man erwarten sollte. Wie wir schon berichtetenließ am 28. v. M. der 'Polizeimeister von Mohilew, Rodjonow, unter den anwesenden Leuten-verbreiten, daß in einigen Tagen Unruhen stattfinden würden, bei denen sich die Polizei ruhig verhalten wolle. Am Sonntag den 5. November begannen tatsächlich russische und jüdische Arbeiter, letztere jedoch in ganz geringer Zahl, eine Kundgebung gegen den Krieg und gegen den Absolutismus zu veranstalten. Darauf gab der Gouverneur Klingenberg den Befehl, man solle die Juden Niederschlagen! Wer diese „man" sind, vermag man nicht zu sagen. Jedenfalls machten sich eine große Anzahl von Bauern auf und mißhandelten die Juden, Weiber, Kinder, Greise, in barbarischer Weise und plünderten 100 Häuser und 25 Geschäfte.. Unerhört war-das Verhalten Rodjonows. Bei einer Fahrt durch die Stadt kam er an einem Hause vorüber, das zu plündern eben ein Dutzend Männer beschäftigt waren. Als der Polizeimeister herankam, standen sie stramm und riefen ihm das übliche: „Wie wünschen Gesundheit Ew. Hochwohlgeboren" zu. Ein ganz blutig geschlagener Jude kommt zum Polizeiosfizier Rone und bittet um Schutz. „Wenn man anfängt, Euch totzuschlagen, dann wollen wir sehen, was sich machen läßt," lautet die Antwort. Wenn wir die Verhältnisse richtig beurteilen, handelt es sich bei den Vorkommnissen weder um eine ernsthafte Judenverfolgung/ noch um Ausschreitungen Betrunkener, sondern um einen Protest der reaktionären Partei gegen das -liberale Vorgehen des Ministers Swiatopolk-Mirski. Es wurden nämlich während der Unruhen nur Juden v e r h a f t e t, d i e s i ch zur Wehr setzten, und an den Minister wurde berichtet, daß das Volk von den oben erwähnten Ruhestörern gegen die Juden aufgereizt sei. Die Clique in Petersburg hat unter den Gouverneuren noch viele Anhänger, und Klingenberg gehört dazu. Jetzt sucht sie zu beweisen, daß nur sie allein in der Lage sei, den Bestand des Staates zu währenwährend Swiatopolk-Mirski sich auf falscher Bahn befinde. Hoffentlich behält der Fürst die Energie, mit der er gegen Klingenberg austrat, der seines Amtes entsetzt wurde. Willy Bambus. Von I. Turoff. o ist das längst Befürchtete Ereignis geworden. Willy Bambus ist nicht mehr. Nach langjährigem qualvollen Leiden ist er am 5. November sanft hinübergeschlummert. Das deutsche Judentum hat einen seiner tapfersten Vorkämpfer und talentvollsten Organisatoren, das Judentum der gesamten Diaspora einen seiner tüchtigsten Männer verloren. Willy Bambus war in erster Reihe ein Charakter. Sein ganzes Leben war nach festen Grundsätzen eingerichtet, und er war stets bereit, für seine Ueberzeugung kleine und große Opfer zu bringen. Obwohl er nichts weniger als eine orthodoxe Erziehung genossen hatte, richtete er,. sobald er ein eigenes Heim sich gründen konnte, sein ganzes Leben streng nach den jüdischen Satzungen ein, beobachtete von da ab alle Vorschriften des historischen Judentums, obwohl gerade ihm das Heilighalten des Sabbats in allen Lebenslagen stets aufs äußerste geniert.hat. Z'dokoh geben und Privatwohltätigkeit üben war ihm /stets ein wahres Herzensbedürfnis gewesen. Schon als 24jähriger Mann mit einem kleinen Einkommen war er Mitglied fast sämtlicher Berliner jüdischen Wohltätigkeitsvereine, und gab außerdem noch eine jüdische Monatsschrift heraus, deren anfängliches Defizit er aus seiner Tasche deckte, deren spätere Ueberschüsse er aber dem Verein „Esra" überwies. Daneben hatte er für verschämte Arme noch stets ein Goldstück übrig, während er sich selber die Butter zum Brote nicht gönnte. Auch in seinem späteren Leben war er stets edel, hilfsbereit und gut,, seinen Mitarbeitern ein treuer Kollege, seinen Untergebenen ein nachsichtiger, milder Vorgesetzter. ' Ein weiteres unumgängliches Postulat wahrer Bedeutung ist, daß man nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit denr Herzen bei der Sache ist. Der Verstorbene^ erfüllte diese Bedingung wie selten einer. Er liebte nicht nur seinen Nächsten, seine Liebe umfaßte ganz Israel,, dessen tausendjährige Leiden sein Herz schmerzlich zusammenzucken ließen. Daher zog er mit wahrer Leidenschaft in den Kanrpf gegen den am Beginn der -neunziger Jahre des' verflossenen Jahrhunderts sich in Deutschland so breitmachenden Radauantisemitismus, dem er selbst die stärksten Schläge versetzt hat. Es ist hier nicht der Ort, Bambus^ Tätigkeit bei der Abwehrbewegung zu schildern. Nur das Eine sei jedoch an dieser Stelle gesagt, der Antisemitismus hat keinen großen oder kleinen Schlag erlitten, bei dem nicht dieser Mann eifrig und energisch mitgewirkt hätte. Ueberall wo es galt, die Ehre des Judentums zu verteidigen oder die im Kampfe davongetragenen Wunden zu lindern, stets war unser Toter leitend und helfend dabei. Die wahre Bedeutung bedarf ferner, um sich voll betätigen zu können, eines großen Ideals und eines weit gesteckten Ziels, an dessen Erreichung ganze Generationen zu arbeiten hätten; ohne große Ideale kann nur Eintagspolitik getrieben und nur von der Hand in den Mund gelebt werden. Ein solches höheres . Ideal fand der Verblichene in der allmählichen' Besiedlung Palästinas mit ackerbautreibenden Inden, der ökonomischen Wiedereroberung des Landes unserer Väter mit Hilfe der jüdischen Emigration. Die Kolonisation Palästinas fand daher in Bambus schon seit 1886 ihren begeistertsten Vorkcunpser und ihren geschicktesten Vertreter. Bereits als vierundzwanzigjähriger Jüngling trat er für dieses hohe Ideal seines Lebens, das für alle Juden der gesamten Diaspora gleich bedeutungsvoll bleiben wird, in Wort und Schrift und mit allen ihm zu Gebote stehenden geistigen und materiellen Mitteln in die Arena. Im Herbst 1895 gelang es ihm „nach langem Sehnen und nachdem ich viele Jahre umsonst gehofft hatte", seine erste Palästinareise zu ermöglichen. Die Palästinaausstellungen in Berlin, Köln, Breslau, Hamburg und Frankfurt a. M., die seit 1886 in Berlin bestehende „Jmportgesellschaft Palästina" sowie die Begründung der Hamburger Weingesellschaft „Eliadab" waren die Folgen dieser Paläftinafahrt. Auf die erste Reise folgte 1900 eine zweite und 1904 eine dritte. Durch die häufigen Besuche des heiligen Landes hatte sich der Verstorbene über, die ökonomischen Zustände des Landes und die Bedürfnisse seiner Bewohner so reiche, auf Grund eigener Anschauung fußende Kenntnisse erworben, daß er mit Fug und Recht als der beste Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse des heiligen Landes galt. Seine reichen Erfahrungen haben im Verein mit seiner kaufmännischen Vorbildung, seiner glühenden Liebe zu Zion und last not least seiner ganz immensen Arbeitskraft ihn zum prädestinierten Leiter der gesamten Kolonisation Palästinas gemacht. Es war nur noch eine Frage