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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-25 · Heft 48 (25.11.1904) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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gehindert wurde, ganz ausgehört, ja selbst solche, die seit Jahren . hier ans äs sig sind und gute Steuerzahler waren, werden, bei irgend welchen Konflikten oder Denunziationen 'ausgewiesen. Bedenkt Man, daß. bei der Volkszählung am 1. Dezember 1900 in Deutschland. 46 971 russische, ,371 022 österreichische Untertanen, mit denen, ' die in anderen Ländern Europas staatsangehörig waren, insgesamt 757185 gezählt wurden, die doch sicherlich nicht alle nur ganz vorübergehend als Reisende oder Studierende ~ gerechnet wurden, so ergibt sich, wie streng bei uns gerade gegen die Ausländer vorgegangen wird, im Vergleich zu den übrigen Provinzen und Staaten des Deutschen Reiches, Und doch sind die Juden so wertvoll für die Deutschen im -Osten. Denn an die Stelle des jüdischen Deutschen tritt nach seinem freiwilligen Weggang meist der Pole, es sei denn, daß den ersteren da, wo die Macht der Regierung oder Ansiedlungskommission wirksam ist, der Evangelische von seinem Platze verdrängt." Soweit Herr Dr. K. — Seine Ausführungen können gar nicht widerlegt werden und daß sie nicht vergessen werden, dafür werden schon die Elemente sorgen, deren blinder Judenhaß so groß ist, daß sie lieber eine Provinz wirtschaftlichen ' und nationalen Fährnissen aussetzen, als den Juden ihr Recht zu geben. Aber dem Walten dieser Elemente sollten alle di Kreise, denen der wirtschaftliche Niedergang und die Zurück drängung des deutschen Elements in der Provinz Posen nicht gleichgültig ist, doch nicht mit verschränkten Armen zusehen, bloß weil es sich diesmal n u r um die Juden handelt. iÄ Dir Mochr. Berlin, 22. November, er es bisher noch nicht'gewußt hat, was die Antisemiten eigentlich wollen, der konnte es endlich aus einer Rede genau entnehmen, die einer ihrer Reichstagsabgeordneten in einer vom „Deutschen Mittelstandsbunde" eine berufenen Versammlung kürzlich gehalten hat. Aus dieser Programmrede interessiert uns natürlich nur das, was über die Stellung zum Judentum gesagt wird. Da heißt es: „In letzter Zeit habe es den Anschein erweckt, als sollten wir Antisemiten von unsern Bahnen abgedrüngt werden, als hätte sich in den Kreisen unserer Gesinnung' eine gewisse Unklarheit über die Bestrebungen und Ziele unserer Bewegung und namentlich über die Mittel zur Lösung der Judensrage festgesetzt. Demgegenüber müsse er erklären, daß die Resormpartei und mit ihr der D. A.-B., sowie wohl die allergrößte Mehrheit aller Antisemiten auf dem Standpunkt ständen, daß wir im Nahmen gesetzlicher Maßnahmen eine. Lösung der Judenfrage anstreben wollen, daß Gewaltmittel unserer Bewegung nur schaden könnten. (Lebhafter Beifall.) Der Redner geht dann auf die Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland ein und weist nach, aus welchen Gründen heutzutage der Antisemitismus berechtigt und sogar verpflichtet sei, stets mit lauter Stimme darauf hinzuweisen, wie gefährlich der Einfluß des Judentums nach jeder Richtung hin in unserm Staatsleben sei und wie es Pflicht des gesamten Volkes und auch der Regierung sei, diesen Ein« fluß zu brechen, damit unser deutsches Vaterland nicht vollständig iw geistiger, wirtschaftlicher und politischer Beziehung unter die Herr-- schaft des Judentums und seiner Schildträger verfalle. (Stürmischer Beifall.)" ' Der erste Teil der Rede geht natürlich gegen den Grafen Pückler, den dieselben Herren jahrelang in ihren Versammlungen haben sprechen lassen. Was den zweiten Teil anbelangt, so wird man äbwarten müssen, ob und wieweit die antisemitischen Abgeordneten mit den „gesetzlichen Maßnahmen" kommen lverden. Viel dürsten sie kaum erreichen — aber es wäre mehr als töricht, deshalb den Gegner zu unterschätzen, der im gegebenen Moment Sukkurs von verschiedenen Seiten erhalten könnte, die' heute noch abseits, stehen oder gar sich solchen Bestrebrlngen abgeneigt stellen. $ Der Combesffche Gesetzentwurf über die Trennung der Kirche vom Staate in Frankreich macht nun doch den Juden daselbst viel Sorge. Der Großrabbiner von Frankreich Z ad ok Kahn hat an die Redaktion des „Signal" ein Schreiben gerichtet, Worin er seine Ansichten über die Frage, soweit sie den jüdischen Kultus berührt, ausspricht. Er sagt darin, er wäre förmlich erschrocken, als er den Artikel 8 des Gesetzentwurfes gelesen hätte. Denn die kleinen Gemeinden, die sich nicht selbst erhalten könnten, würden darin ihren Untergang besiegelt sehen. In Frankreich sei der jüdische Kultus vornehmlich in Paris konzentriert, und verteile sich auf einige Hauptgemeinden wie Nancy, Lyon, Marseille, Bordeaux rc. Aber wie viele Departements gebe es in Frankreich, wo nur eine oder zwei ganzkleine Gemeinden existieren, welche entweder, um ihr Budget bestreiten zu können, von den reicheren Gemeinden oder gar direkt vom großen Konsistorium unterstützt werden müssen. Diese wären dann genötigt, ihre bescheidenen Synagogen und Bethäuser zu schließen. . In Rußland gehen jetzt die Prozesse in Kischinew wegen der Unruhen im Dorfe Mireni bei Kischinew am dritten Massakretage, 22. April v. I., unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vor sich. Es tritt dabei aber doch deutlich hervor, wie die Konnivenz der Behörden zu einer Ausdehnung der Exzesse auf die kleineren Orte Bessarabiens geführt hat. Ein Beamter der Landpolizei von Mireni war an den Ostertagen in der Hauptstadt Kischinew, hatte nicht nur vergnügt zugeschaut, sondern an den Brutalitäten gegen die Juden aktiven Anteil genommen. Am Dienstag ins Dorf zurückgekehrt, erzählte er den Bauern, es sei ein kaiserlicher Erlaß gekommen, die Juden auszuplündern und totzuschlagen. Noch in derselben Nacht wurden von den infolge dieser Mär gebildeten Bauernbanden die ansässigen jüdischen Familien überfallen und ausgeraubt. Die Verhandlung ergab denn auch, daß der Polizeiinspektor Blagoj die Leute zu den Plünderungen selbst aufreizte. Es wird ihm aber deshalb nichts geschehen. Von 40 Angeklagten wurden diesmal nur 18 freigesprochen und 13 zu achtmonat- . licher Einreihung in die Arrestantenkompagnie und fünf zu sechsmonaLlichem einfachen Gefängnis verurteilt. Diese, Leute bildeten jedoch zufamuren nur einen Teil der wegen begangener Verbrechen in der Skuljanska-Vorstadt allein unter Anklage gestellten Exzedenten, während z. B. die in derselben Stadtgegend zu gleicher Zeit erfolgte grausame Ermordung des Schmiedes Chazkelewitsch und die Zertrümmerung seiner Schmiede zum Gegenstand eines besonderen, noch ausstehenden Prozesses gemacht werden soll. Der -Vertreter der beschädigten Juden-protestierte daher wieder bei Beginn der Verhandlung gegen das System der Zersplitterung der Anklage und die durchsichtige Tendenz der Justizbehörde, den Eindruck der grauenhaften Vorgänge durch Auflösung in kleine Gruppen und Verwischung des Zusammenhanges der Welt gegenüber abzuschwächen. Gegen die vor einigen Wochen erfolgte Freisprechung des an der Ermordrmg des Kaufmannes Waljowitsch beteiligt gewesenen Studenten Kawerin, hat der Staatsanwalt selbst Rekurs beim Appellationssenat in Petersburg ergriffen.

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