Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 25. November 1904. 68. Jahrgang. No. 48. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav rrrarpele». Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jemsalemerstr. 46/49. : Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten.' Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin.. Der Sückgang drr Juden IN Ovlen. Berlin, 21. November, n der Literatur über „die Juden im Osten" spielte bisher die Statistik eine sehr untergeordnete Rolle, gleichsam als fürchtete man die nüchterne Sachlichkeit der Zahlen. Und zwar auf beiden Seiten. Ein königlicher Oekonomierat — konservativer Parteischattierung — brach den Bann (vergleiche den qu. Artikel „Aus der Provinz Posen" Nr. 32) und unausgesprochen klang aus seinen Feststellungen heraus, daß der rapide Rückgang des Judentums zugleich einen Rückgang des Deutschtums bedeute. Düs wurde förmlich als ein Novum betrachtet, von der einen Seite bewußt herabgesetzt und bekrittelt, von der anderen Seite angezweifelt und verhöhnt. Aber es brachte die Frage ins Rollen und das war gut. Jetzt liegt uns eine statistische Feststellung vor, die, unabhängig von der Wendorpfschen, die Dinge beim rechten Namen nennt, und deren Verfasser — Herr Dr. L. K. — mit genauer Sachkenntnis ohne jede Voreingenommenheit so hineinleuchtet j in die verfahrenen Verhältnisse im deutschen Osten, daß wohl niemand achtlos daran vorübergehen kann. Herr Tr. L. K. konstatiert zunächst, daß im Jahre 1900 in der Provinz Posen 35 327 Juden lebten. Er erwähnt dann weiter: „Nach Bergmann gab es in der Provinz 1825: 65 130 Juden, 1831 69681, 1840 77 100, 1849 76 757 5,7 Prozent der Bevölkerung. Nach Wegners Buch (der wirtschaftliche Kampf der Deutschen mit dem Polentum um die Provinz Posen. 1903. Verlag von Jos. Jolowicz) wurden 1861 -- 74 272, 1871 61 982, 1880 56 604, 1890 44 346, 1900 35 327 Juden gezählt, letztere also nur noch 1,89 Prozent der Bevölkerung gegen 5,7 Prozent im Jahre 1849. Die Anzahl der Juden hat also seit 1849 um 41 430 d. h. bei weitem mehr als 50 Prozent abgenommen, während die Katholiken (meist Polen) sich in dieser Zeit um 51 Prozent, die Protestanten um 39,7 Prozent vermehrt haben (Wegner). Dabei existierte bis 1895 auch bei den Juden ein lleberschuß der Geburten über die Sterbefälle, der allerdings 1900 negativ geworden ist." Herr Dr. L. K. fährt dann fort: „Dieses ständige Zurückgehen der Juden in der Provinz, jetzt jährlich um zirka 1000 Seelen, hat neben den von den besseren Kreisen immer mehr befolgten neomalthusianiftischen Prinzipien i. e. geringerer Kinderzahl außerdem noch ganz andere Ursachen. Einmal ist bei den scharfen nationalen und konfessionellen Kämpfen der Jude immer der Prügelknabe. Für den Deutschen ist er der „Jude" — dies ist nicht nur draußen im Reich, .sondern auch bei uns in der Ostmark trotz Herrn v. Tiedemanns diplomatischen Worten mit Dutzenden von Beweisen zu belegen —, dem allüberall unter Assistenz der maßgebenden Faktoren, der Konsumvereine, den Raiffeisengenossenschaften u. a. m. das Fortkommen besonders erschwert wird. Trotz ihrer in jeder Hinsicht zuverlässigen Staats- und Königstreue, ihrer, trotz der so oft ungleichen. Behandlung, fleißigen und uneigennützigen Arbeit in Kommunaldiensteu, sprach der Kriegsminister im vorigen Jahre gelegentlich der Besprechung von Stadtverordnetenwahlen im Osten von den drei Parteien, Deutschen, Polen und Juden." Allerdings ist dieses Wort dann zurückgezogen oder doch falscher Deutung wenigstens entzogen worden. Aber was hilft's — es war doch einmal ausgesprochen und hat Schaden gestiftet. Und dann schildert Herr Dr. K. die wirtschaftliche Position der Juden, indem er ausführt: „Aber auch in materieller Hinsicht ist der wirtschaftlich schwache Jude aufs schwerste bedroht. . Der jüdische Zwischenhändler oder Händler für Vieh, Getreide und sonstige Produkte ist jetzt in den kleinen Städten fast ganz ausgeschaltet. Sein Verdienst wird von Tag zu Tag kleiner, weil der Kundenkreis immer enger und geringer wird. Don den'Polen oft boykottiert, findet er bei den Deutschen in den seltensten Fällen Unterstützung. So zieht er denn nach Berlin oder dahin im Westen, wo ihm leichtere Existenzbedingungen unter homogener Bevölkerung möglich erscheinen. Hierdurch aber werden die Grossisten in den größeren Städten auf das schwerste geschädigt, da sie die deutschen Abnehmer jüdischen Glaubens verlieren und die polnischen Detaillisten stets .'AN die polnischen Geschäfte oder nach andern Provinzen sich wenden. Denn für den Polen ist der Jude ein Deutscher, der bei dem Zusammenhalten der Polen auch von den einzelnen Kunden meist gemieden und geschäftlich nur dann in Anspruch genommen wird, wenn gleichwertige Ware bei ihm viel billiger zu haben ist. Ist es dann ein Wunder, wenn in den kleinen Städten der wirtschaftlich abhängige Jude nicht weiß, was er machen soll, wo gleichzeitig die Deutschen ihn zu zwingen suchen, trotz ».-des Ausbleibens jeglicher Unterstützung ihrerseits, sein Deutschtum bei den Wahlen zu beweisen, und anderseits die Polen ihn völlig zu boykottieren drohen?" Trefflicher noch weiß Herr Dr. L. K. dann die eigentümliche Haltung der Regierung gegenüber der Hineinziehung fremder Elemente in die Provinz und der Ausweisung der Juden aus der Provinz zu beleuchten. Er sagt hierüber : „Ist nun auf der einen Seite die relativ große Abwanderung der Juden hier evident, so hat andererseits der Zuzug ausländischer Juden, der in Jahren milderen Regiments'nicht