Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang. So. 47. j Berlin, 18. November 1904. Vellage zur „Allgemeinen Leitung dr§ Judentums lkorrrlpondkn-m und Kachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 13. November. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat eine reiche, fast zu reiche Fülle von Schriftstücken, zugleich mit dem Wahlzettel, an die Mitglieder der Gemeinde verschickt. Die interessantesten darunter sind der Verwaltungsbericht über die Zeit vom 1. April 1901 bis zum-31. März 1904, der Bericht über die Schulen und der Rechnungsbericht über diesen Zeitraum. Indem wir uns Vorbehalten, aus diese Schriftstücke ausführlich zurückzukommen, bemerken wir für heute nur, daß die Anzahl der Besteuerten gegenwärtig 26 471 gegen 23171 im Jahre 1901 beträgt. Während dieser drei Jahre sind im ganzen 377 Personen durch Erklärung vor Gericht aus dem Judentum ausgeschieden; die Zahl derer, die aus religiösen Bedenken aus der Gemeinde ausgeschieden sind, beträgt 29. Die Kosten für die Festgottesdienste belaufen sich 1904 auf 80 905 Mark, für die Jugendgottesdienste auf 14 808 Mark. Die Subventionen für die Religionsvereine betragen 65 908,59 Mark und. 1800 Mark an einmaligen Ausgaben. 8. Berlin, 13. November. Die heutige Repräsentantenversammlung erledigte in kaum halbstündiger Sitzung ihre Tagesordnung; zur Beratung standen ausschließlich Vorlagen geschäftlicher Natur, die zumeist debattelos zur Annahme gelangten. An Stelle eines aus dem Dienst geschiedenen Hilfsorganisten wurde der Musiklehrer Herr Ernst Frank mit einer Jahresremuneration von 300 Mark auf die Dauer eines Jahres angeftellt. In den Vorstand der alten Synagoge wurde Herr Aron Hirsch, in die Bibliothekkommission Herr Verlagsbuchhändler Felix Speyer gewählt; in die Kommission für die Friedhofsangelegenheiten' wurde Herr Gerson Simon neu gewählt, während die Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder dieser Kommission genehmigt wurde. In die Kommission zur Beratung des Neubaus des jüdischen Krankenhauses wurden die dirigierenden Aerzte des Krankenhauses Professor Israel und Sanitätsrat Lazarus als stimmfähige Mitglieder ausgenommen. Ein Legat des im Jahre 1903 verstorbenen Kaufmanns Joseph Meyer im Betrage von 3000 Mark zu Grabpflege- und Wohltätigkeitszwecken wurde genehmkgt. Die Grabpflege erfordert nach der Berechnung der Friedhofskommission ein Ablösungskapital von 2200 Mark. Der Gemeindevorstand hatte den Wunsch, die restlichen 800 Mark dem Kuratorium des II. Waisenhauses zu überweisen; die Versammlung hingegen beschloß 8em Anträge des Ausschusses gemäß die 800 Mark als besonderen Fonds direkt der Verwaltung des Gemeindevorstandes zu unterstellen. — Zu den Kosten des jüdischen Religionsunterrichts an der Brühl'schen höheren Mädchenschule werden pro 1904/05 400 Mark gewährt, für die Kraft'sche Knabenschule ein Beitrag in Höhe der Hälfte der Kosten—die Summe dürfte etwa 240 Mark betragen — bewilligt- Die Brühl'sche Schule zählt 60 Zöglinge, die Kraftsche Anstalt 33 Knaben. In der kurzen Debatte wird mehrfach auf die Notwendigkeit der Inspektion des jüdischen Religionsunterrichts an sämtlichen Schulen hingewiesen. Professor Geiger erklärt es für unmöglich, daß die im Schul- und Talmud-Thora-Vorstand bisher hierfür tätigen vier Pädagogen ausreichen, und fordert deshalb dringend die Anstellung eines Schulinspektors. Dem Gemeindevorstand steht, wie noch Herr Martin Simon auf Anfrage'erwidert, jederzeit das Recht zu, den Religionsunterricht in den Schulen, denen ein Kostenzuschuß gewährt wird, inspizieren zu lassen. Mit der Vertagung des Rechnungsabschlusses des II. Waisenhauses endete die öffentliche Sitzung, welcher eine geheime Sitzung folgte, die sich fast nur mit Personalien zu befassen hatte. . . L2 Berlin, 14. November. Bekanntlich hat der Hilfsverein der Deutschen Juden mit der Durchführung der von ihm vorgeschlagenen Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa auf deutschem Gebiete bereits begonnen. Zu den in Ostpreußen bestehenden Schutzkomitees des Hilfsvereins für durchreisende russische Juden, welche eine überaus rege und segensvolle Tätigkeit entfalten, sind in den letzten Tagen neue Komitees dieser Art hinzngekommen. Um die gegenwärtige Lage auch an der Grenze in den Provinzen Westpreußen und Posen kennen zu lernen, sandte der Hilfsverein der Deutschen Juden den Sekretär Herrn A. Meyerowitz dorthin, und es wurden in vergangener Woche auch in den Städten Thorn, Gollub und Jnowrazlaw Schutzkomitees für -durchreisende russische Juden gebildet. Diese Schutzkomitees, welche gleichzeitig als Lokalkomitees für den Hilssverein der Deutschen Juden zu Propagandazwecken sich konstituierten, find seit einigen Tagen bereits in Aktion getreten. Eine große Anzahl von auswandernden Glaubensgenossen sind durch diese Komitees befördert worden. Die Vorsitzenden dieser Schutzkomitees sind: In Thorn Herr D. Wolff, in Gollub Herr- Apotheker A. Riesenseld, in Jnowrazlaw Herr Leo Davidsohn. In letztgenannter Gemeinde -fand auch eine öffentliche Propagandaversammlung für den Hilssverein unter dem Vorsitz des Herrn Stadtrat Salomonsohn statt. Nach einem Referat des Herrn Meyerowitz über Ziele und Bestrebungen des Hilfsvereins, wurde die Begründung eines Lokalkomitees für denselben einstimmig beschlossen. Es traten auch eine große Anzahl von Herren dem Hilssverein als Mitglieder sofort bei. Auch in anderen Gemeinden Westpreußens und Posens ist das Interesse für den' Hilfsverein ein sehr reges. So finden unter anderem am 30. November in Bromberg, am>-1. Dezember in Posen öffentliche Propagandaversammlungen für den Hilfsverein statt. In diesen Versammlungen werden voraussichtlich die beiden ersten Präsidenten des Hilfsvereins der Deutschen Juden, die Herren James, Simon und Dr. Paul Nathan, als Redner fungieren. s. Berlin, 11. November. Im Verein für jüoische Geschichte und Literatur hielt am 9. d. M. Herr Dr. Arthur Eloesser, der bekannte Kritiker und Literarhistoriker, einen höchst interessanten Vortrag über das Themas „Der ewige Jude in Sage und Literatur." Im ersten Teil gab er eine genaue Darstellung von der Entstehung der Sage, im zweiten eine feine kritische Ilebersicht über die verschiedenen Bearbeitungen derselben von Goethe bis aus Robert Hamerling. Mit einer zutreffenden Anwendung der der Sage zugrunde liegenden tieferen Idee auf die Verhältnisse der Gegenwart schloß der Vortrag, der mit Recht allgemeinen und starken Beifall seitens des sehr zahlreich versammelten Auditoriums gefunden hat. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen! In Königsberg i. Pr. sprach Dr. Perles über „Mathias Jakob Schleiden", in Graudenz Dr. Loevy „über Babylon und Israel"; inLissa Rabb. DrMandl- Meutitschein über „Der Monotheismus als Weltprinzip"; in Küstrin Frl. Dr. Samter über „Jüdische Gestalten in der neueren Literatur"; in Forst Dr. Biram-Hirschberg über „Gabriel Rießer" - und Dr. Poritzky-Berlin über „Die Inquisition in Spanien"; in Hamburg Professor Lefmann-Heidelberg über „Antikes Judentum unv moderne Weltanschauung"; in Braunschweig Frau Rahmer- Nothmann: Rezitationen; in Oberstein Lehrer Lasker über „Der Charakter des Shylock"; in Mannheim Dr. Franz Oppenheimer- Berlin über „Die Ursachen des Verfalls der antiken Staaten mit besonderer Berücksichtigung des Reiches Israel." In den Vereinen Aachen, M.-Gladbach. Duisburg, Wesel, Mülheim a. d. R. und Neuwied hielt Dr. Adolf Brüll-Frankfurt a. M. folgende Vorträge: „Ueber das Wesen des Judentums und seine Stellung zum Christentum", „Josephus Flavins, seine Zeit und sein Wirken", „Der Kampf um den Talmud zur Zeit der Reformation". — Ein neuer Literaturverein wurde in Hechingen begründet. Er zählt bereits 40 Mitglieder. Den ersten Vorträg hielt Prediger Felix Wolff über „Moses Mendelssohn". Der Vorstand besteht aus den Herren Felix Wolff, Emil Weil, Eugen Wolf. 8. Berlin, 6. November. In den festlich geschmückten Räumen der „Gesellschaft der Freunde" feierte heute die im Jahre 1804 be-