Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ja, eine absonderliche Verwandlung ist mit dem fremden Jüngling vor sich gegangen." sagte jetzt einer der anwesenden Jünger. „In der Säulenstraße wars, wo ich ihm begegnete; ich rief ihn an, allein er achtete meines Grußes nicht — scheu, mit zu Boden gesenkten Blicken schlich er an mir vorbei. Ich traute meinen Augen nicht und als ich mich nach ihm wandte, da sah ich ihn vor der Bildsäule einer heidnischen Göttin stehen und wie von irrem Wahn befangen hing sein Auge an diesem Blendwerk. „Gott meiner Väter," seufzte Samuel, welch neue Prüfung hast Du Deinem Knechte auferlegt. Wie jubelte mein Herz, als mir die Gnade der Königin zuteil ward und in meinem Geiste malte ich mir das glückliche Antlitz Assads aus, wenn er die Kunde vernehme, daß er nun bald die Erwählte seines Herzens als Gattin in sein Haus führen werde und nun kehrt er nicht heim, um mir die Kunde von den Lippen abzulesen — nein irrt umher in den Straßen der freunden Stadt und scheint von irgend einem Wahne befangen die Nähe seiner Getreuen zu fliehen." „Ihr sehet zu schwarz, würdiger Rabbi," warf begütigend Jochanan ein, „mag sein, daß die Fülle der Wunderwerke, mit denen unsere Stadt geschmückt ist, auf den unerfahrenen Jüngling eme starke Wirkung hervorgebracht hat, so daß sein Sinn davon gefangen wurde, allein sein Herz weiß nichts davon und sein frommer Sinn ist derselbe geblieben ..." „Sein frommer Sinn?" warf hier einer der Jünger ein, „verzeihet, ehrwürdiger Jochanan, wenn ich dem widerspreche: denn auch in der Frömmigkeit und im strengen Glauben an die Lehren der heiligen Religion ist Assad wankend geworden." „Weshalb verläumdest Du den Fernen?" unterbrach ihn Leilah scharf, „was tat er Dir?" „Euer Gast ist meinem Herzen fremd," lautete die in abweisendem Tone gegebene Entgegnung Josuahs. „Mit ihin verbindet mich nur die Verehrung für Dein ehrwürdiges Haupt, Rabbi, allein Unmut ergreift mich, wenn ich sehen muß, wie er dieses Haus meidet, ja, mehr als das. Euer Ansehen herabsetzt durch sein absonderliches Gebahren." „Die Säulen des Glaubens stützen mein Haus, und nichts vermag sein Ansehen wankend zu machen." „Wenn auch Deine Frönnnigkeit erhaben ist über alle Zweifel, so gibt es immer noch Stimmen in der Gemeinde, - die sich erheben werden und Leute, die auf Euch deuten werden: Seht, Rabbi Jochanan beherbergt in seinem gottessürchtigen Hause einen Gast, der unseren Glauben verleugnet, der das Gotteshaus flieht und in ruchloser Verblendung an den Altären der heidnischen Götzen kniet ..." „An den Bildsäulen kniet?" entrang es sich bebend Samuels Lippen, „heidnischer Götzen? Und Du sagst es?" „Glaubt seinen Worten nicht, Rabbi!" rief Leilah und ihre zornfunkelnden Augen nraßen den Sprecher mit tiefster Verachtung. „Die Jungfrau mag mir verzeihen, wenn ich ihr Herz! verwunde," nahm Josuah mit unterdrücktem Grimme das Wort, „nein, ich sah ihn nicht, denn wär' ich Zeuge gewesen so schändlichen Beginnens, ich hätte den Gottesleugner auf der Stelle getötet. Allein er sah's!" und er bezeichnete einen der Jünger, der jetzt in tiefer Verwirrung auf Leilah blickte, gleichsam als suche er bei ihr, deren Bild in seinem Herzen herrschte, einen Ausweg zu finden. „Es ziemt Dir nicht," nahm rasch, ehe der Jüngling antworten konnte, Lellah wieder das Wort, „Dich zum Richter aufzuwerfen über den Jüngling." „Allein auch Dir nicht, meine Tochter," unterbrach sie Rabbi Jochanan, „seine Freveltaten zu entschuldigen. Er ist unser Gast — und wir haben uns bemüht, ihn gastlich zu bewirten — allein wir müssen uns auflehnen dagegen, wenn er unser frommes Haus durch sein frevlerisches Tun entwürdigt." „Das tat er nicht, Vater! Der Jüngling ist reinen Sinnes und folgt den heiligen Satzungen unseres Glaubens!" „Und flieht unser Gotteshaus!" lautete die hämische Entgegnung Josuahs, „oder sahst Du ihn heute beim Minchagebete?" Und sein Auge bohrte sich mit feindseligem Ausdrucke in das Antlitz Samuels, „sahst Du ihn all die Tage her?" Er aber hörte die in giftigem Tone hervorgestoßenen Worte des zelotischen Jüngers nicht. Bleich, die Augen in tränenlosem Jammer zu Boden gerichtet, so saß er da, während um ihn her die Worte flogen, die seinen Assad, seinen geliebten Assad verurteilten, und grenzenloses Weh erfüllte sein Herz. „Fasset Mut, ehrwürdiger Rabbi, nahm jetzt Jochanan das Wort, „wir wollen jetzt den Jüngling selbst hören; es ist' spät am Tage und er wird ja zur Nachtruhe heimkehren." „Falls es der Götzenanbeter," warf hier lächelnd Josuah ein, „nicht vorziehen sollte, im Hause eines Heiden zu übernachten. . ." „Weh über mich!" stöhnte der alte Samuel in namenlosem Entsetzen, „wehe über mein Haupt!" „O glaubet mir, ehrwürdiger Rabbi," flehte Leilah, „Assads Herz ist rein und nur böswillige Verleumdung ist^s, die ihn des Götzendienstes anklagt." Da erhob der Alte sein tränenschweres Haupt und mit tiefem Mitleid hing sein Blick an dem in heißer Erregung glühenden Zügen des Mädchens. Welch unerhörtes Leid hatte er über dieses so friedliche Heim gebracht! Welch bitteres Weh dem Herzen dieses edlen Mädchens bereitet, das er um ihre glückliche Ruhe gebracht, indem er den Jüngling ihr zuführte, dem sie liebend nahte und der sie wohl umgarnte mit seinen süßen, glatten Worten, um sich dann von ihr abzuwenden, wie er auch sie verließ, die seine Gattin hätte werden sollen — und wie er jetzt gar in gräßlicher Verblendung seinen Gott verleugnete. Und bange Qual ergriff seine Seele, wenn er der Zukunft dachte, die er in kurzsichtiger Verblendung so herrlich geschaut hatte und die doch so trostlos düster vor ihm lag. „Doch in der Hand des Ewigen liegen die Geschicke der Menschen und so erhebe ich denn mein Auge zu Dir, Allgütiger und flehe Dich an, lasse den verirrten Sohn wieder heimkehren zu den Seinen! Richte den Gesunkenen wieder aus, lasse ihn wieder vor Deinen himmlischen Thron Gnade finden und erhebe ihn wieder im Angesichte unserer Frommen!" Tiefes Schweigen herrschte in dem Gemache und nur das leise Gebet des alten Samuel unterbrach die Stille, die mit dumpfem Drucke die Seele umklammert hielt. Eine düstere Ahnung nahenden Unheils erfüllte das Gemach Rabbi Jochanans und eine beklemmende Angst um den geliebten Jüngling hielt Leilah umfangen und quälte ihr Denken. Wo mochte er weilen? Und was war es, daß ihn hinwegtrieb aus ihrer Mitte? Welch geheimnisvoller Zauber hielt ihn umfangen all die Zeit her, seit sie ihn das letzte Mal allein gesprochen, an jenem Abende des Laubhüttenfestes, wo sie — und heiße Glut färbte ihre Wangen — nahe daran war, das so sorgsam gehütete Geheimnis ihres Herzens zu verraten. O er hatte ihrer gar nicht geachtet, wie ein Trunkener war er an ihr vorbeigestürzt und seither, seit diesem traurigen Beisammensein, da hatte sie ja nie mehr Gelegenheit gesucht, sich ihm zu nähern — wußte sie ja nun und konnte es mit gräßlicher Klarheit aus seinen Mienen lesen, wie gleichgültig sie ihm geworden, wie ihre Nähe ihm nichts bedeute.