Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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M Lehrer zugleich, war, vereinigte ihn ein starkes Band?, der .Sympathie und treuer Liebe. Er wollte ihnen nur ein Gleicher unter Gleichen sein. . . Der Jugend und der Menschenbildung widmete er seine sch r i ft st e llerische Tätigkei t. Außer dem kleinen Schauspiel „Emma, oder der gestickte Taler", einigen Sprachbüchern, sind besonders die beiden Jugendschristen „Graumantel" und „Selke", ein Mortara des 16. Jahrhunderts, von bleibendem Werte. In fesselnder Weise erzählt er uns im „Selke" das Leben, dieses Mortara. . Wie gemütvoll und anheimelnd ist die Schilderung des jüdischen Lebens in Drovau (jetzt Drove bei Düren, Treus Geburtsort), der Vorbereitung zur Barmizwah, und dann;,,die Beschreibung des Sturmes, den mittelalterlicher Fanatismus üW die Drovauer Juden beschwört, in dessen Abgrund das Glück der Juden Drovaus versinkt. Selke im Kloster, sein Widerstand gegen den Bekehrungseifer der Mönche, seine Vernunft im Glauben, womit er seine Widersacher verblüfft und schlägt; sein geheimer Freund Nathan, den er im Kloster entdeckt, der sein Freund und Berater wird; die Flucht aus dem Kloster und sein weiteres Leben, das alles erzählt er mit tiefem Gemüt, in fließender Sprache. Wahrlich, ein Buch, das jedes jüdische Kind lesen soll, das in keiner jüdischen Schülerbibliothek fehlen dürfte. Doch war sein Wirken nicht auf die Schule beschränkt. Seiner Anregung verdankt.der westfälische Vogelschutzverein seine Entstehung, den er mit Professor Karsch von der Münsterschen Akademie leitete. Eine Folge dieser Gründung war die Errichtung des zoologischen Gartens in Münster. Aber hat der jüdische Lehrer nicht noch mehr Anspruch aus Hilfe als die lieben Vögelein, wenn er in Not gerät, wenn Krankheit und Alter die Niederlegung des Amtes verlangen, eine Versorgung durch eine Pension aber den wenigsten in Aussicht steht? Von diesen Gedanken durchdrungen, legte ein wackeres Dreigestirn, Gesinnungs- und Jugendgenossen Treus, entschlossen Hand ans Werk und gründete den Verein israelitischer Lehrer Rheinlands und von Westfalen nebst einer Unterstützungskasse. Die Mitbegründer sind die Herren Sanitätsrat Dr. Kronenberg-Höhscheid, Treus Schwager, und Professor Lefmann-Heidelberg, beide ehemalige Lehrer, jetzt Ehxen- . Mitglieder des Vereins. Treu war ein Lehrer, der unsere Reihen zierte, der uns würdig zu vertreten wußte. Als Diesterwegs Denkmal in Herdeke a. d. Ruhr enthüllt wurde, betraute man ihn mit der Ehre der Einweihungsrede. Auch mit dem bekannten Pädagogen Oberkonsistorialrat Natorp stand er in freundschaftlichen Beziehungen. Ein Neffe desselben, Justizrat Niemeyer in Essen, gab ihm das Geleit zum Grabe. Noch harrt manches Goldkörnlein unter seinen hinterlassenen Handschriften der Hervorziehung ans Licht. Zweifellos bieten seine „Erinnerungen" viel des Interessanten, Erinnerungen, die wert sind, in unserer rasch lebenden und vergessenden Zeit gehört zu werden. Wir aber dürfen mit Stolz von ihm sagen :-Er war ein wackerer Jude und Mensch. S. Lohn. Von Professor Dr. A. Kisch in Prag. ^j m 6. d. M. ist hier ein Wahrzeichen des jüdischen Prag, der greise Schriftsteller S. Kohn vom Schauplatze seiner Tätigkeit verschwunden. Salomon Kohn war weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus eine populäre Persönlichkeit, ein verehrter Schriftsteller, ein rechtgläubiger charakterfester'Jude.. Selten traf einer der zahlreichen Pilger nach den weltberühmten .Sehenswürdigkeiten. des. Prager Ghetto in unserer Stadt ein, der nicht nach dem mit dem Sagenkreise und der alten Judenstadt der berühmten Stadt und Mutter in Israel engverwachsenen „Schriftsteller Kohn" gefragt hätte. Seme noch im 80. Lebensjahre kraftvoll aufrechte Gestalt, sein charaktervoller Kops mit denn dichten grauen Kopf- und Barthaare, der kühngeschwungenen Nase und dem schönen, freundlichen Munde befriedigte auch jeden Neugierigen, der gerne vorgelassen wurde.. Eine auffallende Ähnlichkeit mit dem schlesischen. Dichter Karl von Holtei beschränkte sich nicht nur auf seine Erscheinung und Gesichtszüge. . Wie Karl von Holtei sich in seinen letzten Lebensjahren, als er vereinsamt dastand, in ein Kloster in Breslau zurückzog . und ein freundlicher Genosse der dort in asketischer Zurückgezogenheit lebenden Brüder wurde, hat auch Kohn seine letzten Lebensjahre in dem jüdischen Stifte der „Fundationsrabbiner" als zahlender Einwohner im lebhaften Verkehre mit den hier weilenden Talmudgelehrten gelebt und ist auch in diesem. klosterartigen Gebäude nach kurzer Krankheit, wenige Monate vor seinem 80. Geburtstage, zu dessen Feier man in Freundeskreisen bereits Vorkehrungen traf, gestorben. Salomon Kohn, der Verfasser des „Gabriel", wie er sich selbst gern nach diesem seinem Erstlingswerke nannte und auf jeder literarischen Veröffentlichung bezeichnet^ wurde am 8. März 1825 in Prag als Sohn eines wohlhabenden Wollhändlers geboren. Er besuchte 1844—46 Vorlesungen über Mathematik an der hiesigen Universität, war jedoch als einziger Sohn eines Kaufmanns bestimmt, dessen Handelshaus zu erben und weiterzuführen. Während der Blütezeit des freien talmudischen und jüdisch-wissenschaftlichen Studiums in Prag in der ersten Zeit der RappaPoEschen Wirksamkeit in unserer Gemeinde,' wo Männer von späterer großer Bedeutung, vom Mainzer Lehmann bis Holdheim, Zunz bis Sachs hier studierten, bildete sich auch unter den einheimischen jungen Kaufleuten, die, wie es damals keine Seltenheit war, auf ihren talmudischen Kenntnissen wissenschaftliche und schöngeistige Fortbildung anstrebten, ein Kreis von Männern, die nach altjüdischen Vorbildern auf streng religiöser Basis neben ihrem Berufe eine geistige Tätigkeit entfalteten, die einerseits in einem Talmudvereine (Schaschewre), andererseits in belletristischen Schöpfungen (später in Pascheles Sipporim veröffentlicht) sich unterhielten und förderten. Zu diesen Männern gehörten in erster Reihe S. Kohn, Koppelmann Lieben (Verfasser des Gal Ed) und Simon Hock (dem Dr. David Kaufmann in der Einleitung zu den „Familien Prags" ein schönes literarisches Denkmal gesetzt hat). S. Kohn war aus diesem Kreise der einzige, der . über den Dilettantismus hinausragte. Seine größeren und kleineren Erzählungen aus dem Prager Ghetto sind mit meisterhafter Kleinmalerei,' mit überzeugender Wahrhaftigkeit und sachkundiger psychologischer Entwicklung geschaffen. Ein ungekünstelter Humor, der pietätsvoll zu starken Farbentönen ausweicht, macht uns jede Gestalt, die er der .Wirklichkeit nachgebildet hat, lieb und teuer. Das Milieu des Prager Ghetto wird in jeder folgenden Erzählung, weil der Wirklichkeit abgelauscht, mit denselben Details und demselben Ensemble vor unser Auge als altbekannt vorgeführt. Kohn ist . daher trotz vieler Nachahmungen der Prager. Ghetto-Dichter geblieben und nach jeder Publikation kamen Hunderte von Briefen aus allen Gemeinden der Welt, die ihm den Ausdruck treuer Bewunderung übermittelten. Als Kohn im Jahre. 1873 sein Vermögen verlor, widmete er sich ganz der Schriftstellerei und war. dadurch genötigt, auch