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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-18 · Heft 47 (18.11.1904) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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flus drr Lrrlinrr chrmeinde. k'. Berlin, 15. November. ^ir haben bereits wiederholt daraus.aufmerksam.'gemacht,; . ■ daß die bevorstehenden Wahlen für die Repr äsen tauten Vers a m mlu n g der jüdischen. Gemeinde zu Berlin eine über das lokale Ereignis weit.hinausgehende Bedeutung-Haben. Zwar ist die Berliner Gemeinde bisher nicht tonangebend für das deutsche Judentum, gewesen, wie sie es nach ihrer Stellung, nach der Zahl ihrer Mitglieder, nach der Intelligenz und Bedeutung derselben von Rechts, wegen. sein sollte. Aber sie ist Hierzu auf dem besten Wege gewesen, in der Zeit, in der Meyer und Makower — ihr Andenken sei gesegnet! — die Gemeinde leiteten und den Fortschritt auf allen Gebieten förderten. Seit" dem Hinscheiden dieser beiden verdienstvollen Männer hat sich die Lage wesentlich verändert. Schuld daran.trägt d i e Partei, , die seden vernünftigen Fortschritt hemmt, ohne etwas Anderes und -Lebensfähigeres an dessen Stelle setzen, zu können. ... Man würde es begreifen, wenn eine entschieden orthodoxe Richtung — die es freilich in Berlin überhaupt nicht gibt — den ehrlichen Versuch machte, in der. Gemeinde zu größerer Geltung zu gelangen. Aber das Streben der Richtung, die gegenwärtig in Berlin den meisten Lärm macht, - kann kein vernünftiger Mensch begreifen, geschweige denn billigen. Denn tatsächlich besteht zwischen den Vertretern.dieser Richtung, und denen des extremsten Fortschritts weder in der Weltanschauung noch in der Lebensführung auch nur der geringste Unterschied; ihr Bemühen aber, in Synagoge und Schule alles beim alten zu belassen, erinnert an die Parole einer andersgläubigen Partei: „Richtet euch nach unseren Worten, nicht nach unseren Taten! Für eine solche Anschauung ist jedoch innerhalb des Judentums kein Platz. Es berührt deshalb mehr als seltsam, wenn nach seinem für die gegenwärtigen Repräsentantenwahlen erlassenen Wahlaufruf der Zentralverein für die „Interessen dex jüdischen Gemeinde in Berlin", für „die geschichtliche Bedeutung des Judentums" eintrrtt. ’ Ebenso steht es auch um die meisten anderen Forderungen, die' dieser Wahlaufruf aufstellt. Obwohl erst in der letzten Repräsentantenversammtung gerade die Petition der Vorstände her drei Orgelsynagogen, an den predigtfreien Sabbaten Schrifterklärungen einzuführen, nach Antrag des Vorstandes einstimmig angenommen worden ist, bringt der konservative Wahlaufruf als zweite Hauptforderung, oder richtiger nur als Agitationsmittel, wörtlich noch einmal das Verlangen: „Predigt oder Schrifterklärung. an allen Sabbaten und Festtagen in allen Synagogen." * Auch mit einer ganzen Reihe.seiner anderen Forderungen rennt der „Zentralperein" ebenso entweder offene Türen, ein oder er fordert Neues, dessen Erfüllung nicht und sicher nicht allein von der Berliner Gemeinde abhängt. Hätte z: B. doch bei der sechsten Forderung des konservativen Wahlaufrufs ,> Einführung von Synagogenbezirken (Parochialsystem) auch die Regierung bei einer, so einschneidenden Verwaltungsangelegenheit noch ein Wörtchen mitzureden.. Wie das Wort „Parochie" dem Gebiete eines anderen Kultus entlehnt ist, so. erscheint uns die bloße Uebertragung solcher, Einrichtungen anderer Kirchen auf unsere. doch ganz, anders gearteten Verhältnisse doch noch als. eine vorerst gründlich zu prüfende interne Frage der Verwaltung und man soll es sich reiflich überlegen, ehe man solche die Köpfe der Massen blendende Schlagwörter kurzerhand in den Wahlkampf hineinwirft. Bisher haben die Liberalen gegen dieses „Parochialsystem", das für die Orthodoxen ja eigentlich „LkuLkat ha-Goi" sein müßte, weder ein „Für" noch ein „Wider" ausgesprochen. Derliberale Wahlaufruf ist unseren Lesern ja bekannt; sie werden danach prüfen' können/ inwieweit der Zentralverein in Wahrheit behaupten kann: „Gleiches Recht für alle!"sei die Devise, welche/ er und seine kleine, aber mächtige Partei auf ihr Banner geschrieben habe. Das Banner mag zum Erobern der Wählermassen wohl diese Devise haben, aber gehandelt haben die Männer des Zentralvereins bisher nicht nach dieser bekannten Fortschrittsdevise, sondern nach engherzigen, fast mittelalterlichen Grundanschauungen und geleitet von dem Streben zu herrschen, so z. B. in der Orgelfrage, wo die Mehrheit der Gemeindemitglieder für die Synagoge in der Rykestraße die Orgel wünschte, die konservative Minorität aber die liberale Majorität - in ihrem Rechte beschränkt hat. Auch die Autorität der Rabbiner, welche einmütig erklärten, daß gegen die Orgel keine religiösen Bedenken vorliegen, hat die Herren, welche ja für ihren Standpunkt auch in Berlin genug Privatsynagogen zur Verfügung haben, nicht gehindert, einem ganzen großen Stadtteil ihre exklusive Ansicht aufzudrängen. Man kann schon jetzt .voraussehen, welche Ueberraschungen ein die konservative Herrschaft verewigendes System selbst in der Erhöhung der Gemeindesteuern allen denen bringen würde, die nicht um jeden Preis in religiöser Hinsicht ins Mittelalter zurückmarschieren wollen. * Die Herabsetzung des Steuerminimums auf drei Mark pro Jahr in einer Gemeinde, deren große Lasten mit Opferwilligkeit doch hauptsächlich von Wohlhabenden. getragen werden, würde aber auch alles eher als die Erfüllung des Grundsatzes „Gleiches Recht für alle" bedeutennur gleiche Pflichten bedingen in solchen Fragen, auch gleiche Rechte. Der Zentralverein käinpft nach außen mit einem Fortschrittsbanner und mit fortschrittlichen Schlagworten zur Wahlzeit, nach der Wahlzeit in Wahrheit aber für den Rückschritt. Was würde ein Mann wie der ehemalige Rabbiner der Hauptgemeinde, Abraham Geiger, heute sagen, wenn er mit solchen Worten diese angeblich 1 allein für die „geschichtliche Bedeutung des Judentums" eintretenden Massen gegen alle die Bestrebungen anstürmen sähe, welche erst den Eintritt des Juden in die moderne Geschichte der Völker ermöglicht haben, welche in Wahrheit unter der Devise „Gleiches Recht für alle" unseren Auszug aus dem Ghetto herbeiführten. Der erste Historiker des Judentums, Professor Grätz,. den auch die Herrendes Zentralvereins wohl kaum einen Zertrümmerer des Judentums nennen werden, hat von einem solchen . Ansturm der schwarzen Massen in der Geschichte des jüdischen Gemeindelebens in seiner Geschichte der Juden gesagt: „Im Jahrhundert des Descartes und Spinoza brachten sie ein neues Mittelalter über die europäische Judenheit." Hüten wir uns in unserer Zeit vor solchen Rückfällen! Auch wir wollen inmitten der heftigen Angriffe von außen wahrlich fest und treu alles das Hochhalten, was an dem Erbe der Väter uns brüderlich eint; wir bestreiten aber dem Zentralverein das Recht, sich den Massen allein als Hüter des Judentums in Berlin vorzustellen, wie es der Schluß des konservativen Wahlaufrufs jetzt versucht. Ein Führer des geistigen Fortschritts wiegt auch, da auf ihn die Augen aller Mitbürger auch anderer Konfessionen gerichtet sind, für die in dem Aufruf betonte „Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte" mehr als alle diese Führer des Rückzugs ins Ghetto zusammen. Es sind ernste Zeiten da draußen! Wie wir aber stets in diesen Dingen und bei der Hilfe in schweren Zeiten nicht nach der Parteischattierung innerhalb unserer Gemeinschaft gefragt haben, so wollen wir gerade aus dem Bewußtsein heraus, daß die erstrebte Alleinherrschaft der

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