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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-18 · Heft 47 (18.11.1904) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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schickt ihm seine Kartellträger. Er erwidert: „Ich schlage mich nicht mit einem Juden." .Hauptmann Picard erstattet nunmehr beim Oberst Anzeige, der ihn beschwört, keine Geschichten zu machen, und die Sache vertuscht. Hauptmann Picard wird in einen Jnfanteriedivisionsstab versetzt. Das Offizierkorps ächtet ihn. Der Divisionsgeneral erstattet einen vom Korpsführer an den Kriegsminister weitergeleiteten Bericht, wonach über diesen Offizier die ehrenrührigsten Gerüchte umlaufen, sein Charakter verdächtig sei und man ihm keine militärischen Geheimnisse anvertrauen könne. Es wird hinzugesügt, Hauptmann Picard habe sich geweigert, sich mit einem Kameraden zu schlagen, der ihn beleidigt habe! Der Bericht verlangt die Versetzung Picards. General de Gallifet antwortet, man müsse diesen Offizier einer strengen Untersuchung unterziehen, deren Ergebnis ihm mitzuteilen sei. Ein Jahr vergeht, ohne daß man dem Kriegsminister antwortet. Inzwischen aber bleibt Hauptmann Picard fortwährend geächtet. Er hat keine Ahnung von den Beschuldigungen, die auf ihm lasten. Ich erhalte von dieser Sachlage aus nichtamtlichem Wege Kenntnis. Ich fordere das Ergebnis der von meinem Vorgänger ein Jahr vorher angeordneten Untersuchung ein. Nun antwortet man mir, man habe die Tatsachen übertrieben. Ich befehle dem Divisionsgeneral, bestimmte Angaben zu machen. Er ist zum Geständnis gezwungen, daß alle behaupteten Tatsachen ohne eine Ausnahme falsch sind. ... Da hat nun ein Offizier ein Jahr lang unter bestimmten Anklagen gestanden und er brauchte ein anderes Jahr, um förmlich wieder in den Stand der Ehre eingesetzt zu werden. In Le Mans wird Leutnant Gluck, den man in Verdacht hat, Jude zu sein, bei seiner Aukunft im Regiment vollständig geschnitten. Seine Kameraden sprechen nur dienstlich mit ihm. In der Offizierspension ist eine Waffentrophäe mit einer preußischen Pickelhaube als Mittelstück. An den Tagen, wo Leutnant Gluck Urlaub hat, verschwindet dieser Helm, und man verbreitet, er nehme ihn mit. Gluck stellt den Tischältesten zur Rede. Er gibt ausweichende Antworten. Gluck fordert ihn. Da greift der Oberst ein und verbietet den Zweikampf. Der Vater des jungen Mannes beschwert sich über die Behandlung, die sein Sohn erleidet: Der Oberst erwidert, Zuneigung lasse sich nickst befehlen. Einige Kcuneraden möchten die Zurückhaltung aufgeben; man bedeutet ihnen, in diesem Fälle würde man sie selbst ächten. Ein einziger Offizier wagt es, sich von dieser Verabredung loszusagen; sofort wird auch er in Verruf erklärt. Ich habe mich gezwungen gesehen, Leutnant Gluck zu versetzen, und es wird mir nichts übrig bleiben, als seinen Freund ebenfalls aus dem Regiment von Le Mans zu entfernen." Damit aber unsere deutschen Antisemiten nicht allzusehr frohlocken, wollen wir auch für sie eine kleine Blüte aus dem Strauß der Erzählungen des französischen Kriegsministers pflücken. „Ein katholischer Leutnant heiratet eine Protestantin in deren Kirche. Man ächtet ihn und der Oberst laßt ihn wissen, daß inan ihn als mit einem Weib in einem unerlaubten Verhältnis lebend ansehen werde, solange er sich nicht auch in der katholischen Kirche trauen lasse." Diese Zustände muß man kennen, um zu begreifen, daß die geächteten Offiziere sich schließlich zusammentaten, um an ihren Verfolgern Rache zu nehmen und Vergeltung zu üben. Dem in solchen Angelegenheiten gut unterrichteten Nowosti zufolge empfing der russische Minister des Innern eine Abordnung der jüdischen Gemeinde in Petersburg, der er erklärte, seiner Meinung nach bestehe das anzustrebende Ideal darin, eine Gleichberechtigung aller Bevölkerungselemente zu schaffen. Das ist schön. Aber wer weiß, ob Fürst Swiatopolk-Mirski die Macht dazu haben wird, sein Ideal durchzuführen. Solange die antisemitische Nebenregierung besteht, die die Judenhetzen in den verschiedenen Teilen des Zarenreiches förmlich inszeniert, kann von einer „Gleichberechtigung" nicht die Rede sein. Und diese Nebenregierung zu beseitigen, ist heute wohl kaum noch möglich. * Sehr interessante Mitteilungen brachte in dieser Woche die „Frankfurter Zeitung" über den Wucher in Rumänien. Das Organ der liberalen Regierungspartei, die „Vointza Nationaler", veröffentlichte nämlich vor einiger Zeit eine Reihe Artikel, welche sich mit dem Wucher - auf dem Lande befassen. Verfasser dieser Artikel war D. Protopopescu, Vizepräsident der Kammer, Snbdirektor des Creditul Rural und hervorragendes und einflußreiches Mitglied der Regierungspartei. Nach dessen Feststellungen verbirgt sich auf dem Lande der grausamste Wucher unter der Form geschickt ausgearbeiteter Pachtverträge, die von den maßgebenden gerichtlichen und administrativen Behörden bestätigt werden. Wenn man nun aber fragt: Wer sind denn alle diese Wucherer, welche in so grausamer Weise, mit soviel Raffiniertheit die Bauern ausbeuten? Wohl die Juden? Keine Spur. Den Juden ist ja schon seit über 30 Jahren das Wohnen auf dem Lande verboten. Ja, noch mehr; wo Herr Protopopescu seine Feststellungen machte, hat nie ein Jude gewohnt, hat nie ein Jude den Boden jener Dörfer betreten. Und Herr Protopopescu hält es für seine Pflicht festzustellen, daß die Wucherer Christen sind, manche sogar sehr gute Christen, die nie versäumen, in die Kirche zu gehen, die Heiligenbilder zu schmücken, sich durch Stiftungen für Kirchenzwecke Heil zu erkaufen. Einer von den wenigen, die der Vizepräsident der Kgmmer kennen lernte, hat sogar einen Orden bekommen. Diese Wucherer, die weder ein Gewissen haben noch Mitleid kennen, sind gewiß wütende Antisemiten, denn in Rumänien wird leider nur allzuoft Antisemitismus für gleichbedeutend mit Patriotismus gehalten, die Liebe zur eigenen Nation nur durch den Haß gegen die arme jüdische Bevölkerung bezeugt. Es liegt in den Verhältnissen der Bauern, daß sich das System des entsetzlichen Wuchers auf dem Lande ausbilden kann. Man hat die Juden beschuldigt, daß sie die Bauern auswuchern, man hat sie vom Lande vertrieben, aber der Wucher hat nicht: aufgehört, sondern besteht fort, wie er auch dort bestanden hat und noch besteht, wo nie ein Jude gewesen ist. Man hat die Juden beschuldigt, daß sie als Schankwirte die Bauern vergiften. Man verbot ihnen darauf das Schankgewerbe auf dem Lande, aber der Alkoholismus hat sich weiter entwickelt und wirkt verheerender denn je unter der Bauernbevölkerung. Sollten da die Antisemiten, wenn sie überhaupt etwas einsehen wollen, nicht einsehen, daß die verschiedenen Nebel, welche sie den Juden zuschreiben, weder spezifisch jüdisch, noch mit der Vertreibung der Juden zu beseitigen sind? * ‘ Der Erfolg der Präsidentenwahl in Amerika erfüllt uns mit aufrichtiger Genugtuung, mag auch die „Kreüzzeitung" sich noch so sehr darüber ereifern, die schon vorher ausposaunt hatte, daß „die Judenschaft für Roosevelt gewonnen worden" sei. In der Tat waren die Juden für Theodor Roosevelt, weil sie wußten, daß er mit allem Eifer für die bürgerliche Gleichstellung derselben von jeher gekämpft und speziell seinen Einfluß für eine Besserstellung der, Juden im russischen Reiche aufgewendet hat. Sein Protest gegen die Untaten von Kischinew, sein Kampf gegen die Paßbeschränkungen amerikanischer Bürger zeigen, daß Präsident Roosevelt ernsthaft die Sache des Fortschritts und der Humanität vertritt und daß er wirklich nur aus Menschenliebe, nicht aber aus Wahlrücksichten sich der Sache der Juden annimmtl Und darum haben die Juden ein Recht, mit Genügtuung zu konstatieren, daß dieser Mann mit überwältigender Mehrheit zürn Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde.

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