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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-11 · Heft 46 (11.11.1904) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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iiü bekämpft. Ein Antrag Israel wünscht die. Schrifterklärung auch an den Predigtfreien Festtagen; von Rechtsanwalt Cohn wird dieser Antrag verteidigt, von Landgerichtsrat Loewc als - zu weitgehend-bezeichnet und noch vor der Abstimmung vom Antragsteller zurückgezogen. In der Abstimmung wird der Antrag des Gemeindevorstandes einstimmig angenommen, der konservative Antrag für die orgelsreien Synagogen gelangt ebenfalls zur Annahme, wodurch der Antrag Sachs hinfällig wird. — Zur Beratung der Frage des Platzes für den Bau einer Synagoge wird eine gemischte Deputation eingesetzt, in welche die Herren Professor Bla schk e, Rechtsanwalt Cohn, Louis Sachs und-Hans Friedländer entsandt werden. Es handelt sich hierbei um eine Synagoge im Stadtteil Nordwesten. Rechtsanwalt Cohn bedauert hierbei, daß diese Kommission sich nicht auch gleichzeitig mit anderen Stadtteilen zu beschäftigen habe, und hebt die dringende Notwendigkeit der Errichtung von Synagogen für den äußersten Westen (Schöneberg, Charlottenburg, Wilmersdorf) hervor. — Nachdem dem Verband deutscher Juden debattelos ein Jahresbeitrag von 3000 Mark bewilligt worden ist, berichtet Herr Isidor Sachs über den Rechnungsabschluß der Armenkommission .pro 1903/04. Der Abschluß weist an Einnahmen 193 760,36 Mark, an Ausgaben 194 240,79 Mark auf, so daß ein Mehrverbrauch von 480,43 Mark, zu verzeichnen ist. Der Fonds für verschämte Arme vereinnahmte 54 079,10 Mark und verausgabte 41904,60 Mark, so daß ein Ueberschuß von 12 174,50 Mark verbleibt. An Gesuchen gingen bei beiden Abteilungen 6686 ein, zu deren Beratung 179 Sitzungen erforderlich waren. An SpeiseMarken wurden 15 166 Stück verteilt, 68 Personen wurde die Lösung eines Gewerbescheines ermöglicht, 220. Personen wurden Badekuren, Landaufenthalt gewährt. Der Vermögensstand beider Fonds beträgt 949 088 Mk.; der Fonds für verschämte Arme verfügt über ein Kapital von 291000 Mk. Der erforderliche Mehrverbrauch wurde genehmigt und Entlastung erteilt. 8. Berlin, 6. November. Am 3. d. M. ist hier nach langem Leiden der rühmlichst bekannte und geschätzte Rabbiner Dr. Tobias Cohn im 79. Lebensjahre gestorben. Derselbe stammte aus einer Rabbinerfamilie in Westpreußen. Er wurde am 2. Februar 1826 zu Hammerstein geboren, machte zuerst das Lehrerexamen und widmete sich ein Jahr dem Lehrerberufe. Unüberwindlicher Wissensdrang, reinstes Streben trieben ihn, den ganz Unbemittelten, sich den jüdisch-theologischen Studien zuzuwenden, die man damals nur privatim betreiben konnte. Nach erfolgter Maturitätsprüfung studierte er in Berlin unter Boekh, Carl Ritter rc. Philologie und verschiedene philosophische Zweige und fand ein schönes Heim im Hause der Madame Sarah Levy, einer der intelligenten Töchter des hochberühmten Hauses Daniel Jtzig, wo er Gelegenheit hatte, die bedeutendsten Männer Berlins kennen zu lernen, wie Alexander v. Humboldt, Oberbaurat Hitzig, Paul Hehse, Barnhagen und Ense, hervorragende Museumsdirektoren wie Olsers rc., von denen er bis an sein Lebensende gern erzählte. Am 1. April 1857 kam er nach Potsdam als Prediger, später Rabbiner, wo er bis 1896 in gedeihlicher Weise wirkte, und nur die Schwäche des zarten Körpers konnte ihn dazu vermögen, das ihm so teure Lehr- und Seelsorgeramt niederzulegen. Mit allen Fasern seines Geistes und seines reinen Herzens hing er an seiner Gemeinde, für deren Wohl er sein ganzes Schaffen und Können einsetzte. die ihm aber auch mit inniger Liebe und herzlicher Verehrung lohnte. 1867 war es ihm vergönnt, das Säkularfest der dortigen Synagoge feierlich zu begehen, 1882 feierte er sein 25jähriges Amtsjubiläum unter unbeschreiblich herzlicher Anteilnahme seiner Gemeinde. In der wissenschaftlich hervorragenden „Literarischen Gesellschaft" Potsdams, die sich aus den Spitzen der Bildung rekrutiert, lvar er 40 Jahr Mitglied, über 30 Jahre im Vorstand und deren einziges Ehrenmitglied. Dort hielt er eine große Reihe Vorträge aus den verschiedensten wissenschaftlichen, kunstgeschichtlichen und schöngeistigen Gebieten, die größtenteils gedruckt und oft zu wohltätigen Zwecken verwertet wurden. Nach Niederlegung seines Amtes siedelte er 1898 nach Berlin über, bewahrte aber Potsdam die alte Treue und hegte den innigen Wunsch, inmitten seiner Gemeinde die letzte Ruhestätte zu finden. Zu seinem 70. Geburtstage erhielt Cohn den Noten Adlerorden IV. Klasse. Die Beerdigung fand in Potsdam von der Synagoge ans statt. Im Gotteshanse hielt Rabb. Dr. Kälter eine Rede, am Grabe sprach Rabb. Dr. Eschelbacher im Namen des. Nabbinerverbandes. — Tobias Cohn war der älteste Schwiegersohn bes unvergeßlichen Ludwig Philippson. Demgemäß war seine literarische Tätigkeit auf jüdischem Gebiete hauptsächlich diesem Blatte und den Jahrbüchern gewidmet, die Philippson in den sechziger Jahren herausgegeben hat. Seine Vorträge über den Talmud (Wien 1866), über die Mosesgruppe in Potsdam (Leipzig 1875), über Spinoza (Potsdam 1877), über Eduard Lasker (Leipzig 1878) u. a. m. zeugen von seinem reichen Wissen und von seinem tiefen Eindringen in das Wesen der Sache. Sein edler Charakter, seine innige Begeisterung für das Judentum und für das Lehramt, seine Güte und Milde machten ihn zum wahren Priester im Sinne der prophetischen Verheißung, die wir an diesem Sabbat gelesen haben. Sein Andenken wird darum unvergessen sortleben Berlin, 8. November. In der Nacht zum 4. d. M. verschied nach langem schweren Leiden der vielseitig begabte und in weiten Kreisen als ausgezeichneter Mensch und Jude bekannte Herr- William Bambus im Alter von 42 Jahren. Ursprünglich dem Kaufmannsstande angehörend, widmete er sich seit zwanzig Jahren ausschließlich jüdischen Angelegenheiten. Der anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Förderung der Kolonisation Palästinas begründete Verein Esra fand einige Jahre darauf in dem Verblichenen den geeigneten Mann, der es verstanden hat, seinen Humanitären Zwecken viele tausende von Gönnern und Anhängern zu verschaffen. Im Verein mit einigen Freunden gab er von 1886 bis Ende 1888 die Monatsschrift Serubabel heraus, die, mit großem Geschicke geleitet, unerschrocken für die jüdisch-nationale Idee eintrat. Nach der Begründung des Vereins zur Abwehr antisemitischer Angriffe, übernahm er dessen Sekretariat und setzte seine ganze Kraft ein, um den Endzielen dieses Vereins zum Siege zu verhelfen. Seine Liebe; zu Zion brachte ihn mit den großen Vereinen in Paris und London zusammen und führte ihn wiederholt' ins heilige Land, von dessen Kolonien einige seinem organisatorischen Talent ihr Entstehen und Bestehen zu verdanken haben. Mit nicht minderem Geschick trat er für den Handel in Palästina ein. Die Erschließung des europäischen Marktes für den Palästinaverein lvar ausschließlich sein Werk. Sein Interesse erstreckte sich aus alle Bestrebungen, die in den letzten Jahren, um bas Judentum nach Innen und Außen zu heben, sich geltend machten. So war er Mitbegründer des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, des Verbandes dieser Vereine, und fand trotz der großen Arbeitslast, die aus ihm ruhte, noch Zeit und Muße, sich literarisch zu beschäftigen, und so oft das Ersuchen an ihn gestellt wurde, in hiesigen und auswärtigen Vereinen Vorträge zu halten. Das letzte große Werk, das vorzüglich durch seine Mitwirkung zustande kam, ist der Hilfsverein der deutschen Juden. Die vielseitige und segensreiche Tätigkeit dieses Mannes erschöpfend zu würdigen, müssen wir uns für heute versagen. Sein so früh erfolgter Tod läßt im deutschen Judentum eine Lücke zurück, die nicht so schnell ausgefüllt werden wird. Das Leichenbegängnis fand am -6. d. M. statt. Trotz des schlechten Wetters ließen es sich viele hunderte aus den entlegensten Stadtteilen nicht nehmen, dem so früh durch den unerbittlichen Tod entrissenen Freund das letzte Geleit nach dem Friedhof der Gemeinde Adass Isroel zu geben. Mit zu Herzen gehenden Worten würdigte Herr Rabb. Dr. Meier Hildesheimer die großen Verdienste des Heimgegangenen um die Sache des Judentums, sowie die opferfreudige Liebe und treue Fürsorge, mit der er die Seinigen und alle umgab,, die seinem Herzen nahe standen. Nach einem tiefempfundenen Abschiedsgruß des Herrn Dr. Paul Nathan, der mit Herrn James Simon als Präsidenten des Hilfsvereins der deutschen Juden erschienen war, lvurden die irdischen Ueberreste unseres teuren Freundes und Mitarbeiters der kühlen Gruft übergeben. Ehre seinem Andenken! o. Gollitb, 6. November. Im Alter von 94 Jahren verschied am 28. v. M. der emer. Lehrer Herr Simon Braunstein, der sich bis vor wenigen Monaten einer diesem hohen Alter entsprechenden Rüstigkeit des Körpers und Frische des Geistes zu erfreuen hatte. Mit reichem pädagogischem und jüdischem Wissen ausgestattet, wirkte er als Lehrer an unserer Schule ca. 50 Jahre und zählte zu den wenig Glücklichen, die mit ihrem Geschick stets zufrieden sind. Selbst die vielen harten Schicksalsschläge, die er in seinen letzten Lebensjahren erfahren hat, vermochten ihn nicht aus seinem geistigen Gleich-

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