Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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550 -' ' ” ' ' -r ' " Franz Delitzsch (Hillel und Jesus,- ll. Aufl. S. 19) schreibt: „er (Hillel) reduziert das geoffenbarte Gesetz aus eine Sittenregel und verschweigt dessen religiöse Grundlage." Ihm folgt Strack (Herzog: Realencycl. Art. Hillel): „Für Hillel gipfelt die jüdische Religion in einem Moralspruche, der in dieser Losgerissenheit von allem Göttlichen auch in bedenklicher (!) Weise verstanden werden kann. Jesu Ausspruch hingegen steht in tiefem religiösen Zusammenhang, indem die Pflicht der Nächstenliebe aus der barmherzigen Liebe Gottes als dem Norbilde, dem wir ähnlich werden müssen, hergeleitet wird." Die Ethik des Judentums wird wie ein Stiefkind behandelt. Was ein Stiefkind immer tut, mißfällt und wird getadelt. Lazarus (Ethik des Judentums, S. 95) meint: „weil es nicht an Leuten gefehlt hat, welche der jüdischen Ethik, weil sie ursprünglich theistisch begründet istkraft jenes Kantischen Prinzips einen Mangel, ja geradezu einen Makel anzuhesten sich vermaßen." Sie wird also getadelt, weil sie theistisch ist. Findet sich jedoch ein Ausspruch, der nicht ausdrücklich theistisch begründet wird, dann wird die jüdische Ethik wieder getadelt, weil sie nicht theistisch ist. Aber Hillels Ausspruch kann gar nicht „in bedenklicher Weise" verstanden werden, wie Herr Prof. Strack fürchtet. Es hat kaum einen Lehrer des Judentums gegeben, der dem Gebote der Nächstenliebe seine religiöse Grundlage entzogen hat. Die jüdische Ethik ist durchaus theistisch. Das Gebot der Nächstenliebe ist in jenem Thoraabschnitte enthalten, der die Ueberschrift trägt: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gott." Die Kombination der beiden Gebote (Liebe zu Gott und zum Nächsten) bei Jesus ist ganz im Geiste der jüdischen Ethik. Trotzdem mußte die Antwort Hillels eine andere sein als die Jesu, weil die jeweilige Situation eine verschiedene ist. Hillel steht einem Heiden gegenüber, Jesus einem Schriftgelehrten. Der Heide will sich bekehren und verlangt eine Zusammenfassung der Lehre. Der Schriftgelehrte will das oberste Gebot wissen: er fragt mehr nach dem graduellen Werte der Gebote. Kann Hillel dem Heiden staute pede sagen: du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott? Der Ewige ist ja nicht sein Gott. Hillel kommt darum denr Heiden mit einen: diesen: vielleicht schon bekannten Spruche entgegen. Dieser ist die ganze Lehre; alles andere ist Erklärung. Er müsse es lernen. Zur Liebe Gottes wird er dann schon kommen. Vielleicht ist es gestattet, hier au ein Wort Kants zu erinnern: „Erst muß Sittlichkeit vorhanden sein, ehe Religion entstehen kann, nie aber kann aus der Religion Sittlichkeit entstehen." — Der zweite Einwand gegen Hillels Ausspruch ist, letzterer habe eine negative Form, der Ausspruch Jesu dagegen eine positive. Ja, die theologische Wissenschaft generalisiert und stenchelt die jüdische Ethik überhaupt zu einer negativen, während sie der Ethik Jesu „den heroischen Charakter, den Elan, den bergversetzenden Mut" zuspricht. Bousset (Religion des Judentums, S. 117) schreibt: „Es ist außerordentlich charakteristisch, daß die. so oft (!) wiederkehrende Zusammenfassung der jüdischen Ethik die negative Form hat: Was du n icht willst rc., während wir in der Bergpredigt der weit darüber sich erhebenden positiven Form begegnen: Was du willst w." Offenbar ist Herr Prof. Bousset mit dieser — nicht neuen — Entdeckung sehr zufrieden, denn er wiederholt sie. S. 399: Sie . (die jüdische Ethik) hat endlich einen durchweg negativen Charakter, sie sagt den: Menschen mehr, was er lassen, als was er tun soll. „Was du nicht willst rc." Die Gegenüberstellung der beiden Sprüche mag ja stilistisch schön und packend sein, sie ist jedoch unrichtig und führt irre. Es läßt sich nämlich auf diese Art alles beweisen. Z. B. Jesus hat den Ausspruch getan: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider' mich", Julius Cäsar dagegen: „Wer nicht,wider mich ist, ist für mich." Schluß: Cäsar war milder, versöhnlicher, toleranter als Jesus. Jesus hielt jeden für seinen Feind, der nicht sein Freund war; Cäsar dagegen jeden für seinen Freund, der nicht sein Feind war. Und doch wie falsch wäre ein solcher Schluß! Aehnlich verhält es sich mit der Gegenüberstellung von Hillel und Jesus („Was du nicht willst rc., was du willst rc.") Unrichtig ist auf jeden Fall der Schluß: Die jüdische Ethik ist eine negative. Man dürfte höchstens behaupten: Sie ist es nach der Meinung Hillels. Denn ein anderer jüdischer Weiser Akiba z. B. lehrte: „Liebe « deinen Nächsten, wie dich selbst", das ist der große Grundsatz der Lehre (ganz wie im Römerbr. 13, 9"; Galat. 5, 14). Ja es wäre noch immer denkbar, daß Hillel seinen Ausspruch, den er schon festgeprägt vorfand, mit dem positiven biblischen Gebote begründete (vgl. Bacher: Agada der Tannaiten I2, S. 4) und mit der negativer: Form seines Ausspruches das biblische Gebot erweiterte. Denn eine Erweiterung ist die negative Form auf jeden Fall. So manchen Gleichgültigen gibt es, der von den Menschen nichts Gutes erwartet und will. Gilt ihm die Lehre Jesu? Aber keinen gibt es auf der Welt, der Schlechtes erfahren wollte. Allen gilt die negative Form: „Was du. nicht willst re:" Dies alles könnte man gegen Boussets und anderer voreiligen Schluß einwenden, wenn angenommen wird, daß die Form beider Aussprüche wirklich beabsichtigt war. Das war sie aber kaum. Wenigstens faßten die Kirchenväter Jesu Worte nicht so kasuistisch auf als die Theologen. Sie zitieren die „goldene Regel" in negativer Form und fürchten nicht, dadurch der christlichen Ethik den „heroifchen Charakter, den Elan, den bergversetzenden Mut" zu nehmen. Aristides (Apol. 15): „was sie (die Christen) nicht wollen, daß andere ihnen tun, das tun sie ihnen auch nicht." — Bardesanes (Curet. S. 5): „erstens, daß wir uns fern halten von dem, was böse ist und was wir hassen, wenn es uns geschieht." — Auf einer älteren christlichen Inschrift (kwssi, balletino di archeol. crist. 1874 S. 137): „Geschrieben ist: was du nicht willst, daß es dir geschehe, tue dem anderen nicht." — Lactantius: (instit. 6, 23): „Daß du dem anderen nicht tuest, was du selbst vom anderen nicht erdulden willst." Ebenso Chprianus (ad Quirin. 3, 119, vol. 1 p. 184), Hieron. com. in Is. (Migne 24 vol. 149) und andere mehr. Die positive Form im Ausspruch Jesu zu deuten und zwar so fruchtbar zu deuten, blieb erst der neueren theologischen Wissenschaft Vorbehalten. Damit aber Hillels Lehre mit der Jesu nicht gemessen werde, drückt' die theologische Wissenschaft Hillel herab, mehr als er es verdient. Delitzsch (a. a. O. S. 22), Strack (Art. Hillel) spotten überlegen über Hillels Schulstreit wegen eines am Sabbat (!) gelegten Eies. Auch der katholische Gelehrte v. Himpel (Kirchenlexikon II. Aufl. 1888, Art. Hillel) ist in diesem Punkte einer Meinung mit den: Protestanten Delitzsch und schreibt ihm nach: „Eine einzige Entscheidung Hillels kann zeigen, wie sehr damals der Geist des Gesetzes abhanden gekommen war." Es folgt eine mit ziemlichem Behagen vorgetragene Auseinandersetzung über das Ei; Hillels Ausspruch von der Nächstenliebe wird, weil er das Behagen stört, nicht erwähnt. Auch Herr Dr. Jelski wundert sich, daß der edle Hillel, der Nächstenliebe gelehrt, über ein Ei gestritten hat (vgl. A. Z. d. I. 1903: Wesen des Judentums). So vereinigen sich die Konfessionen wegen jenes Eies in ihrem Angriffe gegen Hillel. In einer Ghettogeschichte wird einmal erzählt, wie zwei jüdische Freunde wegen eines Eies auseinandergekommen sind. In unserem Falle hat das Ei die Konfessionen einander näher gebracht.