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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-11 · Heft 46 (11.11.1904) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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deren „Anstellung', Bestrafung und -Pensionierung" nach der bisher geltenden -Verordnung vom 5. März-1827 von dem. freien Ermessen der Vorgesetzten Behörden (Oberrat und Kultusministerium) abhing, fortan mit vollkommener Rechtssicherheit umgeben. Ueber den dritten Abschnitt, welcher die Bezirksv er f a s sun g enthält, werden wir in einem weiteren Artikel berichten. tzillels Wchltenliebk wd dir theolosilche Millrnlchskt. Von Rabbiner Dr. B e r gm a n n - Frankfurt a. O. s soll hier an einem Beispiel gezeigt werden, wie die christliche theologische Wissenschaft sich noch immer nur schwer von der Fessel des Vorurteils sreimachen kann, wenn es gilt, über das Judentum zu urteilen. Es ist eine sattsam bekannte Erzählung : Zu Hillel kam ein Heide und wollte ins Judentum ausgenommen werden, wenn Hillel ihn die Thora 8laote peäe lehren kann. Hillel antwortete ihm: Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten (Iparf?) nicht. Dies ist die ganze Lehre, das übrige ist Erklärung; geh hin und lerne (Sabbat31a). Dieser Hillelsche Satz findet sich bekanntlich auch in dem Buche Tobit 4, 15: „Was du hassest, tue keinem." Er ist ebenso kurz in einem Zitate des Eusebius aus Philos Hhpothetika geprägt: „Sowohl in den ungeschriebenen Sitten und Volksgebräuchen wie in dem geschriebenen Gesetz (der Juden): was einer nicht leiden will, das tue er nicht." (Euseb. praep. ev. VII, 7, 6, Mange II, 579). Und in der höchst wahrscheinlich jüdischen Urschrift der Didache (1, 2) heißt es gleichfalls: 7,Alles, was du nicht willst, daß es dir geschehe, tue auch dem anderen nicht." Der Gedanke des Hillelschen Spruches ist schon Sir. 31, 14 enthalten: „Wisse, dein Nächster ist wie du und merke auf das, was du hassest." Doch gibt Sirach mehr ein Gebot der Schicklichkeit als der Nächstenliebe, wie das aus dem Zusammenhänge ersichtlich ist (R. E. J. T. 44. p. 294). Auch lesen wir in dem schon 200 v. Ehr. verfaßten Aristeasbriefe: „(Der König fragte einen jüdischen Weisen): Welche ist die Lehre der Weisheit? Und dieser erklärte: Wenn du, wie du nicht willst, daß dir das Ueble widerfahre, sondern' alles Gute erfahren willst, ebenso tust gegen deine Untertanen und gegen die, welche sich verfehlen (eä. Wendland, V. 207 fg). Aber auch an letzterer Stelle hat die Lehre vielleicht nicht die ethische Tragweite wie bei Hillel, sie ist-mehr als weise Regierungsmäxime für den König zu betrachten. Der Hillelsche Satz, „die goldene Regel" genannt, findet sich jedenfalls in der gleichen Prägung und mitdemselben ethischen Inhalt im Tobitbuche, in der Didache und bei Philo. Er war in Palästina bekannt; er war auch volkstümlich, das beweist seine kurze Prägung. Wegen der orientalischen Sprachfärbung bei Philo nimmt Bernahs (Sitzungsber. d. Berl. Akademie 1876) sogar an, daß auch Philo jenen Spruch aus Palästina herübernahm. ' Die „goldene Regel" war auch bei anderen Völkern (bekannt. Häckel (Welträtsel. Neue Ausl., S. 406) schreibt: „Vielmehr ist diese, goldene Regel mehr als 500 Jahre älter als Christus und von verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes Sittengesetz anerkannt. Pittakos von Mhtilene, einer der sieben Weisen Griechenlands, sägte 620 Jahre vor Christus: Tue deinem Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest. Konfutse, der große chinesische Philosoph und -Religionsstifter, sagte 660 Jahre vor Christus.:. „Tue jedem -anderen, was du-willst/ daß er dir tun soll; und tue keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst nur dieses Gebot allein; es. ist die Grundlage aller anderen Gebote." Häckel führt auch Aristoteles, Thales, Jsokrätes, Aristippus, den Pytagoräer Sextus an; Hillel erwähnt er nicht. Die „goldene Regel" kann aber doch selbständig in Palästina entstanden sein. Wie Konfutse sie nicht aus Griechenland genommen, so muß sie auch nicht Hillel von . dort entlehnt haben. Wie dem auch sei, Hillels Originalität bestand auf jeden Fall darin, daß. er diese goldene Regel als „die ganze Lehre" hinstellte. Das war auch im; Geiste des Mannes, der den Ausspruch tat: „Liebe die Menschen und leite sie zur Lehre." (Spr. d. Väter 1, 13.) Im Geiste Hillels nannte auch später.Akiba das Gebot der Nächstenliebe „den großen Grundsatz der Lehre." Der Erzählung von Hillel stellt nun die theologische Wissenschaft zweierlei entgegen.: 1. Den jüngeren Ausspruch Jesu in der Bergpredigt (Mt. 7, 12; Lk. 6,. 31): „Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, tuet ihnen auch, denn das ist die Lehre und die Propheten." 2. Die Erzählung im Markusevangelium 12, 28-34 (Mt. 22,34—40; Lk. 10, 25-28). Ein Schriftgelehrter fragte Jesum: Welches Gebot ist das oberste? Jesus antwortete, das alleroberfte sei, „Höre Israel" und „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott rc."; das zweite sei das Gebot der Nächstenliebe. Der Schriftgelehrte stimmt mit den Worten zu: „Recht so, Meister, du hast nach der Wahrheit gesprochen." Das ursprüngliche Markusevangelium , erzählt somit, daß die Antwort Jesu den Schristgelehrten vollauf befriedigt. Erst Mt. und Lk. stoßen sich daran, daß . „Jesus mit dem Rabbi auf dem Boden des edelsten Juden- , tums sich zusammenfinden" und erwähnen die Zustimmung des Schriftgelehrten nicht. (Wellhausen: Ev. Marci, S. 103). Nach dem glaubwürdigen Markusevangelium gab es also zur Zeit Jesu einen Schristgelehrten, der Jesu Antwort als eine im Geiste der jüdischen Lehre gegebene betrachtete. Dies ist wieder eine Bestätigung dafür, daß Hillels Zusammenfassimg der „ganzen Thora" verbreitet war; im Geiste Hillels und seiner Nachfolger hat mich Jesus selbst zum Schristgelehrten gesprochen. Um die Originalität Jesu zu retten, will nun die theologische Wissenschaft Nachweisen, .daß Jesu Lehre ethisch höher sei als die Hillels. Einmal versuchte sie im Ausspruche Hillels mit „deinem Gelehrten" (nicht „deinem Nächsten") zu übersetzen (Hilgenfeld). Hillel sagte demnach dem Heiden: „Was dir unlieb ist, tue ,deinem (!) Gelehrten' nicht" ,— und war in der Auffassung der Nächstenliebe engherzig, partikularistisch. Diese sprachlich und sachlich unsinnige Uebersetzung wurde jedoch bald aufgegeben. Hillels Lehre von der Nächstenliebe ist zweifellos universell. Eine partikularistisch-nationale Auffassung könnte man eher in den Worten Jesu (Hebräerev. s. Hennecke: Neutest. Apokr. S. 20) finden. Jesus spricht zum Reichen: „Wie magst du sagen : Das Gesetz habe ich gehalten und die Propheten? Da doch im Gesetz geschrieben steht: Du sollst, deinen Nächsten lieben wie dich selbst; und siehe viele deiner Brüder, Abrahams Söhne, sind in Schmutz gehüllt, verschmachten vor Hunger rc." Doch noch immer werden zwei Einwände gegen Hillels Ethik erhoben; sie sind langlebig wie Vorurteile es nun einmal sind und kehren in der Literatur immer wieder. Erster Einwand: Hillel lehrte bloß Nächstenliebe, Jesus auch Liebe zu Gott. Zweiter: Hillels. (auch „des Judentums") Ethik war ieine negative, die Jesu dagegen eine positive.

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