Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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füll den StadtteilMoabitdies ist der Fall mit her Heranziehung aller steuerkräftigen Mitglieder zu den Steuern, ' eine Forderung, welche durch die jüngst ergangene Verfügung des Polizeipräsidiums ohnedies erledigt ist. Der Redner wies ferner darauf hin, daß die Forderung, daß in den Religionsschulen die verschiedenen religiösen Richtungen berücksichtigt werden sollen, schon ihre Erfüllung gefunden hat, da die Liberalen bereits konservative Religionsschulleiter angestellt haben. Niemals ist es den Liberalen eingefallen, die hebräische.Gebetsprache aus den Synagogen zu verbannen, und somit bedarf es auch nicht einer vom Zentralverein geforderten entschiedenen Bekämpfung aller derartigen Bestrebungen. Die Liberalen verlangen, daß die bestehenden Shnagögenvereine unterstützt werden, wenn sie lebensfähig und berechtigt sind, nicht aber die wahllose Subventionierung aller Synagogenve.reine, wie sie die Konservativen vom Standpunkt der Erhaltung ihrer Wahltruppen stürmisch fordern. Die staatsbürgerlichen Rechte, die wir Juden besitzen, haben sicherlich nicht die Konservativen erwirkt. Liberale Juden sind es gewesen, welche sie durchgesetzt haben. Der Unterschied zwischen Konservativen und Liberalen besteht darin, daß erstere stabil sind, während die letzteren die Entwicklung, aber nicht die Zerstörung haben wollen. Der Liberalismus ist nicht destruktiv, er will eine gesunde und -vernünftige Fortentwicklung. Niemals ist es . dem Liberalismus eingefallen, zu behaupten, daß jedem eine gleiche Rinde gewachsen fei, aber er hat stets verlangt und wird verlangen, daß alle Parteien berücksichtigt werden-müssen, die Strengeren wie die Freieren. .Jede Gemeinde hat die Repräsentanten, die sie verdient, so variierte Professor Geiger zum Schluß ein Französisches Wort, und dies um so mehr, als sie selbst diese zu wählen hat. Wenn solche Aufklärungen und Mahnungen beherzigt werden, so hegen wir die zuversichtliche Hoffnung, daß angesichts der Wichtigkeit der diesmaligen Wahlen alle unsere Freunde sich aufraffen werden, um dem liberalen Judentume einen Sieg zu bereiten, wenn anders sie nicht weitere Maßnahmen treffen lassen wollen, die.mit den religiösen Anschauungen der Majorität unserer Gemeindemitglieder im schroffsten Widerspruch stehen und die Gemeinde nach außen hin iu der öffentlichen Meinung herabsetzen. ’ P. S. Ä : : Die vierte Tagung der Lsdilchen Lsndeslynode. Von Geh. Negierungsrat Dr. Mayer in Karlsruhe. mit Zustimmung der großherzoglichen Regierung, war die Synode auf Montag den 24. Oktober einberufen worden:- Die „Vereinigung Badischer Israeliten" (Abwehrverein, Vorsitzender Konferenzrabbiner Dr. Appel-Karlsruhe) benutzte die Gelegenheit, um am Nachmittag des 23. Oktober ihre Generalversammlung abzuhalten, die infolgedessen zahlreicher uls sonst besucht war. Am Abend dieses Vortages waren bereits die meisten Synodalen versammelt, um geschäftliche Mitteilungen des Oberrats entgegenzunehmen, die Zeiteinteilung für die Tagung festzustellen, sowie über die Konstituierung des Bureaus und der Kommissionen sich zu einigen.. Schon in der Frühe des 24. Oktober hielt der Landesverein für das Asyl „Friedrichsheim" (Vorsitzender Könferenzrabbiner Dr. Lew in-Freiburg) seine Vorstandssitzung ab. Um 10 Uhr fand dann der auch seitens der Karlsruher Gemeinde zahlreich besuchte Festgottesdienst in'der Hauptsynagoge statt. Stadt- und Konferenzrabbiner Dr. Appel predigte in zu Herzen gehender Weise über die Macht des Gottesglaubens an der Hand des Textwortes: „Mögen Jünglinge müde und matt werden, mögen Rüstige straucheln — die auf Gott harren, gewinnen neue Kraft, sie schwingen sich empor gleich Adlern, sie lausen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde" (Jes. 40, 30 und 31), und versetzte damit alle Zuhörer in eine gehobene Stimmung. Um 11 Uhr erfolgte die feierliche Eröffnung der Synode im Sitzungssaale der Zweiten Kammer des Landtags durch den Vorsitzenden des Oberrats .und Geheimen Rat im Kultusministerium Adolf Becherer. /In seiner Ansprache, wies er auf die hohe Bedeutung der den Abgeordneten schon vor mehreren Monaten zugegangenen Vorlagen hin: des Budgets mit einer, durch , die notwendige weitere Aufbesserung der Religionslehrer erforderten Erhöhung des Steuerfußes der allgemeinen Kirchensteuer um 20 Prozent, sowie des Veroadnungsentwurfs, betreffend die Rabbinatsbezirke und die Rabbiner, die Bezirksverbände und die Bezirkssynagogen (Rabbinats- und Bezirksversassung). Dabei sprach er' der Synode das Vertrauen aus, daß sie gleich ihren Vorgängerinnen die ihr unterbreiteten Vorlagen sachlich und wohlwollend prüfen werde. „Und nun, hochwürdige, hochgeehrte Herren," schloß der Redner, „treten Sie in Ihre Arbeit ein; Gottes Segen walte über ihr!" - Alterspräsident Fabrikant Kahn-Mannheim, der hierauf den Vorsitz übernahm, gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch diese Tagung unter dem Schutze des geliebten Landesfürsten von Erfolg begleitet sein möge. Nach Prüfung der Wahlen der Abgeordneten, die zu keiner Beanstandung führte- -schritt die Synode zur Wahl des Präsidenten. Als solcher wurde, nachdem der frühere Präsident Dr. Hachenburg-Mannheim im vorigen Jahre in das Oberratskollegium berufen worden war, der seitherige Vizepräsident.Rechtsanwalt Dr. Friedberg- Karlsruhe gewählt. Freudig stimmte auch die liberale Majorität für den konservativen Mann, dem die Pflege des altüberlieferten Judentums Herzenssache ist, der jedoch vermöge seiner umfassenden Bildung volles Verständnis für die moderne Entwicklung hat und dem es vor allem darauf ankommt, alle lebendigen Kräfte des Judentums im Dienste der idealen Interessen desselben zu vereinigen. Er übernahm das ehrenvolle Amt mit der Versicherung, daß er es mit derselben Unparteilichkeit führen werde, wie seine Vorgänger. Als Vizepräsidenten wählte die Synode ebenfalls einen ihrer Lieblinge, den liberalen Stadtrat, Vorsteher und Bezirksältesten E. Rothschild-Konstanz, als Schriftführer den jugendlichen Altvorsteher von Bühl, Leo Wertheim er, und den noch jugendlicheren Vorsteher der Gemeinde Freiburg, Rechtsanwalt Kasse Witz. Nachdem noch die Kommissionen (Budgetkommission, Verfaffungskommission, Petitionskommission) durch Zuruf gewählt worden waren, wies Präsident Dr. Fried b er g auf das Hauptgeschehnis seit der letzten Tagung hin, das die Herzen aller Badener freudig bewegte : aus das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des geliebten Großherzogs. Indem er den Schutz des Erhalters aller Wesen für das teure Leben dieses Vaters des Vaterlandes herabflehte, schloß er daran folgende Ausführungen: „Wenn irgend ein Fürst auf ehrende Beinamen, welche die Geschichte zu verleihen pflegt, Anspruch erheben kann, so ist es unser erhabener Landessürst, und wenn die Geschichte mir ein Vorschlagsrecht gestatten würde, so fiele meine Wahl auf zwei Beinamen, die so recht die Kardinaltugenden unseres Großherzogs, feine opferwillige Vaterlandsliebe und seinen höhen Gerechtigkeitssinn, kennzeichnen, ich meine die Beinamen : der Deutsche und der Gerechte. Wer wie ich in seiner Jugend