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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-11 · Heft 46 (11.11.1904) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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eines ihrer Mitglieder dadurch gut zü heißen, daß sie 'den Mann fallen lassen -sollten, der jederzeit für die Interessen unserer. Gemeinde und für die Interessen des Judentums mit solcher Entschiedenheit eingetreten ist. Mit/dem gleichen Rechte kann man gegen jedes Mitglied der Bibliothekskommission, kann man gegen jeden einzigen der bei der Beratung über die Anstellung beteiligten Repräsentanten und sogar gegen jedes Vorstandsmitglied Vorgehen. Denn alle diese drei Instanzen haben zusammengewirktum die Wahl des Bibliothekars, der sich durch seine Handlungsweise der Achtung und des Vertrauens, welche sein Amt erfordert, so unwürdig gezeigt hat, zustande zu bringen, und alle drei Instanzen haben die Wahl gut geheißen. Jeder dieser Herren ist in gleichem Maße unschuldig an dem bedauernsiverten Vorkommnis. Herr Professor Delitzsch, dessen- Zeugnis nach der Darstellung der Konservativen ausschlaggebend bei der Wahl gewesen sein soll, hat dem sich um die Anstellung bemühenden Bibliothekar lediglich ein Zeugnis über dessen Leistungen in den orientalischen Sprachen ausgestellt. Bestimmend, sür die Anstellung ist vielmehr die Enrpsehlung eines konservativen Rabbiners aus der Stadt gewesen, in welcher der Bewerber zur Zeit, seiner Bemühungen um die Vakanz lebte, eine Empfehlung, in welcher die besonderen Fähigkeiten des Bewerbers nachdrücklich hervorgehoben worden waren. Die Angriffe gegen Herrn Prof. Geiger sind mithin so an den Haaren herbeigezogen, so unbegründetdaß man sie kaum für möglich halten könnte, wenn nicht eben alles versucht würde, um diesem. Herrn etwas am Zeuge zu flicken. Wir hoffen nunmehr aber, daß die von uns gegebene Aufklärung unseren Lesern und vielen anderen Gemeindemitgliedern die Augen darüber öffnen dürfte, wie es mit den Anfeindungen per Gegenpartei steht. Wir haben das Vertrauen, daß diesmal die indifferenten Elemente, sich aufraffen werden, um zu zeigen, daß der Liberalismus in unserer Gemeinde nicht aussterben darf und daß die bewährten Männer, welche bisher als Repräsentanten tätig gewesen sind, auch ferner ihres Amtes walten sollen. Die Wahlaufrufe der beiden um den Sieg ringenden Parteien unterscheiden sich dadurch voneinander, daß das liberale Programm so ehrlich wie nur möglich und das andere .nun, wir wollen ein höfliches Wort, gebrauchen —so politisch wie nur möglich ist. In dem letzteren — man beachte dies wohl! — kommt das Wort „konservativ" nicht ein einziges Mal vor. Der ganze Wahlaufruf ist so gehalten, daß ihn jeder Liberale unterschreiben könnte; die wahre Gesinnung der Herren kommt nicht in einem offenen.Worte zum Ausdruck. Das ist Wählerfang im schlimmsten Sinne! Von allen den Forderungen, die die Konservativen aufstellen, ist kaum eine, die für uns nicht annehmbar ist. Selbst zu der Frage der Parochialeinteilung haben die Liberalen bisher noch keine ablehnende Stellung eingenommen. In dasselbe Kapitel des Wählerfanges' gehört die uns aus wohlunterrichteter Quelle zugehende Tatsache, daß der Zentralverein eine Anzahl der ausscheidenden liberalen Repräsentanten ebenfalls auf seine Kandidatenliste stellen wollte. Diese Herren haben aber dem Vorstande des Zentralvereins mitgeteilt, daß sie das Amt lediglich nur bann annehmen werden, wenn sie von den Liberalen gewählt würden, und daß sie ihre Namen auf die konservative Liste nicht gestellt wissen -möchten. Es erfolgt mithin diesmal, wie wir ausdrücklich konstatieren, eine reinliche' Scheidung zwischen den beiden Parteien. Es schwirrten ja allerhand Gerüchte über Kompromißverhandlungen durch die Stadt, die wir nicht zu kontrollieren vermögen, da von beteiligter Seite Stillschweigen beobachtet wird; doch so viel konnten wir in Erfahrung - bringen, daß diese-Verhandlungen bisher gescheitert sind. Es erfüllt uns dieses auch mit Genugtuung, denn ein Zustand, wie er bisher für die Liberalen in der Repräsentantenversammlung bestand/ war wenig erfreulich. Hatten. doch die acht liberalen Mitglieder bei keiner Gelegenheit die Möglichkeit,' für die Interessen, die - ihnen am Herzen liegen, wirksam einzutreten. In einer Versammlung der Liberalen in Charlottenburg hat sich kürzlich Herr Professor Geiger in einer meisterlichen Rede über die Bedeutung der diesmaligen Reprüsentantenwahlen ausgesprochen. Er hob besonders hervor, wie der Zentralverein sein .Motto „Gleiches Recht für alle" niemals durchgesührt hat, sondern daß es vielmehr die Liberalen gewesen sind, welche sich diesen Grundsatz zu eigen gemacht haben. Gleich bei Beginn ihrer Amtsperiode haben es die Liberalen bewiesen, indem sie den Antrag gestellt Haben, einen liberalen und einen konservativen Rabbiner zu wählen, und dies auch durchgesetzt haben. Die Liberalen haben sich stets als Vertreter der Gemeinde, nicht einer einzelnen Partei gefühlt und danach gehandelt. Deswegen haben sie dafür gesorgt, daß in den Ausschüssen den Parteien entsprechend, alle Mitglieder vertreten seien; sie haben nicht Nach der Person, sondern lediglich nach der Sache geurteilt. Nicht e i n Konservativer wurde damals aus den Kommissionen entlassen. Als aber durch das Los drei liberale Stellvertreter ausgeschieden waren und drei konservative an deren Stelle rückten, wendete sich das Blatt. Die liberale Majorität war durch den Zufall des Loses in eine liberale Minorität umgewandelt worden, und die Konservativen benutzten eifrig diesen Vorteil, den der Zufall, nicht der Wille der Gemeinde herbeigeführt Hatte. Seit etwa 40 Jahren hatten Liberale die Repräsentantenversammlung geleitet: nach Makower kam Hermann Landsberger, nach diesem Louis Sachs. Wäre der Grundsatz: „Gleiches Recht für alle" bei'den anderen maßgebend gewesen, so wäre es ihre Pflicht gewesen, den bewährten Vorsitzenden wiederzuwählen. Die Konservativen machten aber ihre Kraftprobe und wählten < erst Justizrat Apolant, dann Gustav Loewenberg und schließlich Geheimrat Blumenthal, weil man den gegebenen Präsidenten perhorreszierte. Auf halbem Wege blieb die Partei nicht stehen, die Konservativen machten vielmehr ganze Arbeit. In jeder. Kommission haben sie die bösen Liberalen, denen selbstverständlich nicht etwa irgend eine lässige Amtsführung vorgeworfen werden konnte, zu verdrängen gewußt. Die gleiche Machtfrage wurde geltend gemacht bei der Einrichtung der Synagoge in der Rykestraße. Trotzdem der Gemeindevorstand einstimmig sür die Orgel eingetreten war, wurde mit acht gegen acht Stimmen — hier gab, wie erinnerlich, die Stimme des konservativen Vorsitzenden den Ausschlag — der Beschluß zustande gebracht, eine Orgel nicht zu errichten. Für die Jugend ist von Rabbiner Dr. Ungerleider in früheren Jahren eine Agenda fertig gestellt worden, die sich nach dem Urteil vieler Fachmänner in jeder Weise bewährt hat. Die Konservativen haben diese Agenda abzuändern verlangt. Alles,. was nach Liberalismus „riecht", mußte entfernt werden, und es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die konservative Partei das Recht der Liberalen in diesen drei Jahren arg verkümmert hat. An der Hand des konservativen Wahlaufrufs bewies Professor Geiger, daß alles, was der Zentralverein verlange, entweder eo ipso zur Ausführung kommt und kommen wird oder bereits in Vorbereitung ist. Dies ist unter anderem der Fall mit der Einrichtung, daß an den predigtfreien Sabbaten Schrifterklärrmgen gehalten werden sollen, wozu übrigens die Anregung lediglich von liberaler'Seite gegeben worden ist; dies ist der Fall mit. der Errichtung einer Synagoge zunächst

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