Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-11 · Heft 46 (11.11.1904) · p. Seite 543

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228628--61241-3275055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— vornehmlich in den Gouvernements Mohilew, Witebsk, Smolensk, Kiew — durch die Zurückhaltung der Behörden, die sich nicht die geringste Mühe gaben, den Ausschreitungen eutgegenzutreten (die Reservisten konnte ruan ja wohl/ auch bevor sie Hunderte geplündert und mißhandelt haben, in die Kasernen bringen), und zweitens durch die beim Plündern beteiligten Personen; es waren meistens Reservisten, die bei der Mobilmachung eingezogen wurden. Wenn man dieser trostlosen Wirklichkeit die Aeußerungen des neuen Ministers des Innern gegenüberstellt, so könnte man glauben, daß die in blindestem Antisemitismus versumpfte Beamtenschaft auf die Direktiven des Fürsten Swiatopolk-Mirskh pfeife. Wie dem auch fei, so muß konstatiert werden, daß die Beamtenschaft die Ansichten und Stimmung der einflußreichsten Kreise vielleicht besser wiedergibt, als der Minister. Es wird in leitenden Beamtenkreisen immerfort darüber.gesprochen, daß man in „liberaler Politik" zu weit gegangen sei und daß die entrüstete Volksstimmung über diese Politik jetzt ihr Urteil spricht. Man hat dem Fürsten seine Menschenfreundlichkeit (er hatte nämlich den Mut zu erklären, er fei kein Feind der Juden, Finnen, Armenier) übel angerechnet und fürchtet das Aufhören der Verfolgungen, die ja seit langem den russischen Beamten eine reiche Einnahmequelle sind. Demzufolge erfährt der nur zu gut orientierte „Graschdanin" zu seinem Bedauern, daß möglicherweise Fürst Swiatopolk-Mirsky das Ministerium des Innern verlassen werde! $ Der Monstreprozeß über die im vorigen Jahre verübten Greueltaten gegen die Juden in Homel hat am 24. v. M. endlich begonnen. Ein außerordentlicher Gerichtshof aus Kiew unter Vorsitz des Staatsrates Kotljarewskij wurde zu diesem Zwecke nach Homel delegiert. Angeklagt waren 80 Personen, darunter 36 Juden und 44 Christen. Die mehr als auffallende Tatsache, daß in einem Prozeß gegen Teilnehmer an Mordtaten gegen Juden sich 36 Juden befinden, findet ihre Erklärung in der mehr als seltsamen Anklageschrift. Die Zahl der Zeugen beträgt 1101. Als Verteidiger der Juden fungieren die Advokaten: Sokolow, Krol, Handmann, Vasunow und Sarudny aus Petersburg; Mandelstamm und Kolmanowitsch aus Moskau; Kupernik und Rainer aus Kiew. Als Vertreter der Zivilansprüche der Juden waren anwesend die Advokaten: Winawer, Sarudny und Schlosberg. Die russischen Angeklagten haben bloß zwei Verteidiger: Metaki aus Moskau und Brinken aus Homel. Am 25. v. M. gelangte die umfangreiche Anklageschrift zur Verlesung. Aber wer da glaubte, daß die Anklageschrift die an den Juden verübten Morde und Plünderungen zum Gegenstände ihrer Anklage machte und somit das unschuldig vergossene Blut rächen wollte, der fand sich bitter getäuscht. Die Anklageschrift war eigentlich eine Anklage nur gegen die Juden von Homel und gegen die 36 Juden, welche vor Gericht stehen. Der Vertreter der Anklagebehörde, Staatsanwalt Rischow, hat in der Anklageschrift eine fürchterliche Anklage gegen die Juden von Homel geschmiedet und sie beschuldigt, daß sie die Exzesse gegen die Juden heraufbeschworen, die Christen auf dem Markte blutig geschlagen und sogar auf das Militär geschossen haben!! Alles andere, die Ermordung vieler Juden, die Zerstörung der jüdischen Häuser und die Plünderung von Hab und Gut der armen Juden, stellte die Anklage nur als Folge der von den Juden provozierten Exzesse gegen sich selbst dar. Es ist ' unmöglich, der Anklage ohne innere sittliche Ernpörung zu folgen. So ward noch nie eine Anklageschrift verfaßt! Das Ergebnis dieser merkwürdigen Anklageschrift ist somit nicht schwer vorauszusagen: die christlichen Teilnehmer an dem Judenmassakre werden beinahe völlig freigesprochen, die Juden aber. Welche sich hier und da zur Notwehr setzen wollten, als Streiter gegen die Staatsgewalt itnb als Angreifer des Militärs nach den Bergwerken Sibiriens geschickt werden. . . . Leider fehlt es uns an Raum, um die Prozeßverhandlungen in ihren: vollen Umfang wiederzugeben. Aber schon im ersten Verhör stellte der ehemalige Polizeimeister Rajewski die Ereignisse in bedeutend abweichender Beleuchtung dar. Die Inden hatten sich nicht zum Angriff, sondern zur Selbstverteidigung vorbereitet. Er sagte auch aus, daß die Operationen der Trusten mit seinem Verfügungen auseinandergingen. Das Verhör dauerte. IVa Tage. An den folgenden Verhandlungstagen wurden die Belastungszeugen vernommen, die sich in beständigem Widerspruch befanden. Somit kann der Ansgang leider nicht zweifelhaft sein. flus der Lrrlinrr Gemeinde. Berlin, 9. November, aum 14 Tage' trennen uns noch von dem Termin der Reprüsentantenwahlen der jüdischen Gemeinde. Die Wogen gehen diesmal bei weitem nicht so hoch wie vor drei Jahren, als der Sturm wegen des Sonntagsgottesdienstes durch die Gemeinde brauste und die falsche Deutung, die dem liberalen Antrag zur Zeit von konservativer Seite beigelegt wurde, eine große Schar bisher völlig indifferenter Gemeindemitglieder mobil machte. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" hat sich dem Wunsche der Mehrheit der Gemeindemitglieder gefügt und die Forderung eines wochentäglichen Predigtgottesdienstes aus seinem Wahlprogramm gestrichen. Gleichwohl wird in den Kreisen, welche dem „Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin" Nahe stehen, auch diesmal versucht, diese Frage wieder auf das Tapet zu bringen. Man hätte meinen sollen, daß die offene Erklärung ehrlicher Männer, daß sie diesen Punkt aus dem Programm gestrichen haben, hätte genügen müssen, um jeden Zweifel darüber zu beheben. Die Liberalen, welche diesmal gewühlt werden sollen, sind auf das in unserer vorigen stummer veröffentlichte Wahlprogramm verpflichtet und dadurch ist ihnen ja jede Möglichkeit genommen, auf einen Vorschlag zurückzukommen, welcher in den Programmen vor drei und vor sechs Jahren noch an hauptsächlicher Stelle bestanden hat. Selbst wenn diese Männer die Meinung haben, daß sie mit ihrer Forderung nur das Gute gewollt haben, so haben sie eben den Entschluß, davon abzustehen, ehrlich gefaßt und werden ihn ehrlich durchführen. Das ist so klar, daß kaum ein Wort hierüber zu verlieren wäre. Wenn nunmehr von neuem versucht wird, den vormaligen Vorschlag als eine Forderung der Liberalen in die Massen zu werfen, so kann dies nur aus dem Gesichtspunkt heraus geschehen, daß das damalige Feldgeschrei zu gut gewirkt hat, als daß man auf gegnerischer Seite sich leichten Herzens dazu entschließen könnte, auf dieses wohlfeile Agitationsmittel ganz zu verzichten. Der zweite Punkt, welcher diesmal von den Konservativen im Kampfe gegen die bösen Liberalen weidlich ausgenutzt wird, ist der Fall des früheren Verwalters der Gemeindebibliothek und die auf Grund dessen unternommene Hetze gegen Herrn Professor Geiger, welchen vor allem die Konservativen nicht wiedergewählt sehen möchten. Die Liberalen sind aber keineswegs gewillt, eine derartige unbegründete Anfeindung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.